„Meine Schreibmaschine und ich“ – Thomas Glavinic

© Carl Hanser Verlag

© Carl Hanser Verlag

Früher war ich ein sehr intensiver Leser. So ein, zwei Bücher pro Monat – das ging sich schon mal aus. Aber das ist lange her, heute bin ich froh, wenn ich ein paar Seiten während der knapp 20-minütigen U-Bahn-Fahrt in die Arbeit schaffe.

Ich war nicht unbedingt ein Qualitäts-Leser, eher mehr so in der Sparte „Kraut und Rüben“ unterwegs. Der Titel war ansprechend? Die Inhaltsangabe auch? Dann gleich ausgeborgt aus der Bibliothek. Ich achtete kaum auf Namen und noch weniger auf aktuelle Rezensionen. Und so entging mir einiges an Zeitgenössischem. Zum Beispiel hat es der österreichische Buchautor Thomas Glavinic erfolgreich geschafft, längere Zeit unterhalb meines Wahrnehmungsradars zu agieren. Das ist nicht seine Schuld. Sein Name ist mir bekannt – und auch die Titel einiger seiner Werke. Z.B. „Der Kameramörder“ oder „Wie man leben soll“. Aber das wahrscheinlich eher dadurch, dass diese Bücher auch verfilmt wurden. Wobei ich auch die Filme wiederum nicht gesehen habe. Eben nur als „…verfilmt nach dem Buch von…“ wahrgenommen habe.

Und dann stoße ich auf sein Buch „Meine Schreibmaschine und ich“ (Carl Hanser Verlag, 2014). Die Texte stammen eigentlich aus einer Vorlesung, die der Schriftsteller 2012 im Rahmen einer Poetikprofessur an der Universität Bamberg gehalten hat. Für das Buch wurden sie noch einmal überarbeitet.

Natürlich wurde ich neugierig. Ein Autor, der tatsächlich noch mit der Schreibmaschine schreibt? Ich weiß selbst nicht, warum ich so erstaunt bin. Schließlich kenne ich mit Paul Auster und Jason Dark bereits zwei Schriftsteller, die so arbeiten. Mit Letzterem hatte ich ein Interview, von Paul Auster habe ich sein Buch „Die Geschichte meiner Schreibmaschine rezensiert.

Um es gleich einmal vorwegzunehmen: Der Buchtitel des in Wien lebenden Grazers ist eine Irreführung. Eigentlich hätte es „Meine Befindlichkeiten und ich“ heißen sollen. Ja, es kommt etwas Schreibmaschine vor, aber von den rund 115 Seiten passt das Geschriebene über die Schreibmaschine zusammengefasst auf 1 1/4 Seiten (in Worten eineinviertel) – wenn es hoch kommt. Etwas enttäuschend für Schreibmaschinen-Fans. Aber dennoch nicht uninteressant, zumindest für angehende Schriftsteller. Lässt man mal die Schilderungen von Glavinic der eigenen Befindlichkeiten weg. Und die gibt es en masse in Kapitel 1 („Was ich mag und was ich nicht mag“) und Kapitel 4 („Was andere denken“… sollte eigentlich „Was ich denke, was andere denken“ lauten). Es ist ein imaginäres Interview mit einem präpotenten Journalisten, der Glavinic ständig in eine Ecke drängen möchte. Sagt sehr viel aus, zumindest über das, was der Schriftsteller von den Journalisten denkt.

Das ist NICHT Glavinics Olivetti Lettera 32 © Georg Sommeregger

Das ist NICHT Glavinic‘ Olivetti Lettera 32 © Georg Sommeregger

Glavinic schreibt mit einer Olivetti Lettera 32 (siehe Symbolfoto), die er vor 20 Jahren von einer Bekannten bekommen hat. Er ist ein typischer Vertreter der „Mit einer Schreibmaschine schreibt man bewusster“-Mentalität. (Mit typisch meine ich, dass ich dieses Argument schon oft gehört habe – u.a. bei Paul Auster. Ich selber benutze die Maschine ja, um Gedanken hinzufetzen, bevor sie mir entwischen. Aber dazu ein anderes Mal mehr.)

Glavinic schreibt:

Ich schreibe an der Schreibmaschine und nicht am Computer, weil ich zu faul bin und mich durch die etwas komplexere Art des Arbeitsprozesses zu größerer Genauigkeit zwinge.

Ich denke länger nach, ehe ich einen Satz niederschreibe, ich gebe mich nicht so leicht zufrieden. Ich spüre seinem Klang so lange nach, bis ich meine, den perfekten Ton, die harmonischste Struktur gefunden zu haben, ich überlege wieder und wieder, ob er denn wirklich stimmig ist. Erst dann kommt er aufs Papier.

Allerdings beschreibt er ein Problem, das ich so nicht kenne:

Zudem habe ich kaum noch Farbbänder, was oftmals dazu führt, dass ich die Maschine öffnen und das Band manuell zurückspulen muss, um einen weiteren Absatz halbwegs leserlich tippen zu können.

Wirklich? Hm, dann muss etwas bei der automatischen Umschaltung der Laufrichtung defekt sein. Jedes Farbband hat an jedem Ende eine Metallöse. Wenn also das Ende des Bandes erreicht ist, löst die Öse einen Mechanismus aus, der die Laufrichtung ändert. Wenn man so will, kann man ewig schreiben – nur die Farbe wird halt immer blasser. Aber zurückspulen? Das bringt eigentlich genau gar nix. Auch verstehe ich nicht ganz, wie man in Zeiten von Amazon einen Mangel an Farbbändern haben kann. Oder man geht in Wien zum Miller auf der Mariahilfer Straße oder zum Michael Schilhan in der Rochusgasse und besorgt sich welche.

Allerdings – einen Tipp habe ich mir aufgeschrieben. Glavinic schreibt am Tag zwei Seiten. Und hört dann auf. Auch mitten im Satz. Zuerst fragte ich mich, was das soll. Aber der Autor hat einen wirklich guten Grund – und ich überlege, ob ich das in Zukunft auch so machen werde.

Und wenn ich sie geschrieben habe (Anm. die zwei Seiten), ist Feierabend. Mitten im Satz ziehe ich das Papier aus der Maschine, lege es zur Seite und sehe zu, dass ich vom Schreibtisch wegkomme. Was sonderbar klingen mag, doch für mich folgt diese Praxis einer zwingenden Logik. Es ist viel einfacher für mich, in den Text, in seinen Ton zurückzufinden, wenn ich morgens mitten in einem Satz oder Absatz weitermachen kann.

Natürlich ist auch Thomas Glavinic im Zeitalter des Computers angekommen. Aber die erste und zweite Fassung des Romans werden mit der Schreibmaschine geschrieben. Erst mit der dritten Überarbeitung wird der Text in den Computer übertragen. Danach kann es 10, 20 oder gar bis zu 50 Arbeitsgänge dauern, bis das Skript fertig ist.

Fazit: Das Buch „Meine Schreibmaschine und ich“ ist an und für sich recht unterhaltsam zu lesen. Letztendlich hat es Schreibmaschinen-Fans nicht wirklich etwas zu bieten. Im Grunde genommen tut das auch Paul Austers Buch „Die Geschichte meiner Schreibmaschine“ auch nicht, das ja eher einen Essay und Bilder eines mit Auster befreundeten Malers enthält. Es scheint, als könnte – außer in Sachbüchern – die Schreibmaschine kein ganzes Buch tragen. Für Fans von Thomas Glavinic und/oder angehende Autoren ist „Meine Schreibmaschine und ich“ durchaus unterhaltsam – und wenn man die Selbstbefindlichkeiten des Autoren außer Acht lässt, kann man vielleicht auch zwei, drei Tipps für das eigene Schreiben daraus ziehen.

Rodja

INFO: www.thomas-glavinic.de/

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Über Die Schreibmaschinisten

Journalist, Indie-Film-Fan(atiker), Möchtegern-Autor und Schreibmaschinist
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10 Antworten zu „Meine Schreibmaschine und ich“ – Thomas Glavinic

  1. schmasch schreibt:

    Das mit diesen Farbbändern scheint unter professionellen Autoren ein weit verbreiteter Virus zu sein. Da liest man von Paul Auster, dass er das globale Ende der Verfügbarkeit von Schreibmaschinenbändern schon vor vielen Jahren erkannt hat und eben mal fünfzig(!) davon auf Vorrat gekauft hat.
    Nun also auch dieser – mir völlig unbekannte – österreichische Autor.

    Es mag ja angehen, dass diese Herren sich nicht mit dem Internet beschäftigen und daher nicht wissen, dass es unzählige Quellen für Schreibmaschinenbänder gibt. Aber spätestens ihre Dealer müssten das doch wissen? Oder liegt hier des Pudels Kern? Man ist schon fast versucht, an eine global operierende Schreibmaschinenfarbbandmafia zu denken, die erfolgreichen Autoren das baldige Ende der Tintenbänderverfügbarkeit suggeriert, um dann bei den vermeintlichen letzten Hamsterkäufen mit Wucherpreisen so richtig abzusahnen.

    Allein die Vorräte, die sich in meinem Schrank so angesammelt haben über die Zeit würden locker zwei Literaturnobelpreisgewinner bis zum Ende ihrer Tage versorgen können. Und das nicht, weil ich selbst auch ein Opfer der o.g. Mafia geworden bin, sondern … weil …
    Tja, warum eigentlich?

    Nun ja.
    Das hat sich irgendwie so angesammelt.

    Wie die Schreibmaschinen übrigens auch.

    Gefällt 1 Person

  2. Steve K schreibt:

    I know of several writers who liked to write a first draft on a typewriter, then write subsequent drafts on a computer.
    Yes, it’s odd about the ribbons, Perhaps some people don’t want to re-spool them. Black and red ribbons can be scarce. But black ribbons are easy to find online.

    Gefällt mir

  3. Patrick schreibt:

    Seit „Die Arbeit der Nacht“ habe ich ein persönliches Glavinic-Embargo verhängt. Was allerdings nichts daran ändert, dass er mir scheinbar an jedem Eck (Buchhandlungen, Zeitungsartikel, Blogeinträge) über den Weg läuft. Ein klein bisschen wie Uwe Boll. 😉

    Gefällt mir

  4. Patrick schreibt:

    Ich hab das Gefühl der Rodja will mich los werden. 😛

    Gefällt 1 Person

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