Neulich beim Tandler, erster Versuch

Die MA 48 (Magistratsabteilung) ist in Wien zuständig für die Abfallwirtschaft und die Straßenreinigung. Sie verwaltet auch die Mistplätze, auf denen Leute nicht nur Sperrmüll, sondern auch nicht mehr gebrauchte, aber einwandfreie Sachen wie alte Computer, Kleidung oder Möbel abliefern können. Und seit kurzem werden letztere Sachen nun auch wieder verkauft – und zwar beim 48er-Tandler in 1050 Wien. (Anm.: Tandler ist österreichisch für Klein-, Wander- oder Altwarenhändler)

Dementsprechend bietet 48er-Tandler unter anderem Vintage-Möbel und andere gebrauchte Sachen wie Geschirr, Kleidung, Bücher, Sportgeräte, Musikinstrumente, Schallplatten, Spielsachen und vieles, vieles mehr. Aus den Erlösen werden karitative Projekte, wie die Gruft (Betreuung von Obdachlosen), das Integrationshaus (Betreuung von Flüchtlingen oder das TierQuarTier Wien (Tierschutz).

Look, but don't touch - alles nur Dekoration © Rodja Pavlik

Look, but don’t touch – alles nur Deko hier © Rodja Pavlik

So etwas unterstützt man doch gerne. Vor allem wenn man annehmen kann, dass sich auch Schreibmaschinen unter den angebotenen Sachen befinden. Ich fragte per E-Mail an und bekam als Antwort.

Wir haben Schreibmaschinen zum Verkauf. Sammlerstücke sowie auch jüngere Modelle.

Oh, klang das verlockend. Allerdings deutete der Satz auch an, dass die Damen und Herren von der MA 48 wissen, dass sie die Schreibmaschinen nicht unbedingt billig abgeben müssen. Ich sah schon eine eigene Abteilung vor mir, wo man in Ruhe durchgehen und verschiedene Modelle nebeneinander ausprobieren konnte. Und so fuhr ich am Donnerstag hin (das Geschäft hat nur Donnerstag bis Samstag offen). Doch leider erlebte ich eine Enttäuschung.

Erstens war der Raum zwar groß, aber nicht so groß, wie man anhand der Angebotsliste hätte annehmen können. Schon beim Eingang stolperte ich zwar über eine Olympia SM9, aber danach wurde es auf den ersten Blick ziemlich mau. Ich erkundigte mich bei einer Angestellten, die jedoch ziemlich genervt wirkte. Generell wirkten die Angestellten eher unwirsch, was aber auch zum Teil an den potenziellen Kunden liegt, die durchs Geschäft gingen und alles möglichst billig, aber mit ganz viel Bedienung haben wollten. So verlangte jemand lautstark nach einer Kiste zum Transportieren. Gibt es nicht? Ah, ein großes Papiersackerl kann man haben. Was? Dafür wird 30 Cent verlangt?!? Die „Kundin“ drehte sich mit einer Handbewegung um, die an die Leichtigkeit, mit der ein Mittelfinger gezeigt wird, erinnerte. Oder eine andere Kundin, die quasi meinte, dass jemand auf ihre Kinder aufpassen müsste, damit sie sich in Ruhe in der Geschirrabteilung umschauen könne – denn sonst könnten die Kinder ja etwas ruinieren! Da kann ich mir schon vorstellen, dass die Angestellten gegenüber den Kunden eher „defensiv“ auftreten.

Deswegen fragte ich höflich nach, wo denn die Schreibmaschinen stehen würden. Und da bekam ich den bestimmten Fingerzeig in die ungefähre Richtung der Möbelabteilung. „Dort… Irgendwo. Aber nur jene, bei denen ein Preisschild ist. Die anderen sind nicht verkäuflich. Und…“ – sie zeigte auf die Olympia SM9 – „…die kann man auch kaufen. Obwohl da kein Preisschild drauf ist.“

Ausgestattet mit so präzisen Informationen machte ich mich auf den Weg… und fand nichts. Oder? Ja, doch. Da waren doch Schreibmaschinen. Und zwar jede Menge. An der Wand befestigt. Auf Regalen, gerade noch in Reichweite, aber so Monster-Trümmer, dass man sich nicht traut, sie alleine herunterzuheben. Gerade eine konnte ich von dem Regal herunterheben – und war sogleich verliebt. Eine Remington Noiseless 7, eine ausgesprochene Schönheit, die – wenn ich mich recht erinnere – auch von der „Blitzdichterin“ Nicola Gold verwendet wird. Aber siehe da: Kein Preisschild. Ich hievte die Maschine wieder aufs Regal zurück. Und dann erwischte ich einen Angestellten und fragte, was mit den Schreibmaschinen an der Wand sei. „Oh, die dienen nur zur Dekoration. Die sind nicht zum Verkauf bestimmt“, kam als Antwort. Was für eine bittere Enttäuschung. Und wo seien nun die Schreibmaschinen, die man kaufen kann? Darauf blickte sich der Verkäufer um… und um… und um. „Es gab einige. Aber die dürften schon alle weg sein.“

Und so stromerte ich enttäuscht durch die Halle, warf sehnsuchtsvolle Blicke auf die unerreichbaren Modelle – und landete immer wieder am Ausgangspunkt, der Olympia SM9. Schließlich fragte ich nach dem Preis. 25 Euro. Nicht schlecht. Wenn ich nicht meine Olympia Monica de Luxe hätte, hätte ich wahrscheinlich zugeschlagen. Die Olympia SM9 ist an sich keine Schönheit, sie ist aber ein echtes Arbeitstier. Auf die Tastatur kann man dreschen, dass es eine reine Freude ist. Und: Wenn man die Großschalttaste niederdrückt, drückt man den Wagen runter, um groß zu schreiben. Wenn man die Großschalttaste loslässt, gleitet der Wagen wieder in die ursprüngliche Position. Das hat den Vorteil, dass man bei der Großschaltung das Gewicht des Wagens nicht stemmen muss, sondern dieses sogar nutzen kann. Ganz anders als meine Olympia Monica de Luxe, bei der ich mit dem kleinen Finger kräftig die Großschalttaste drücken muss, um den Wagen nach oben zu stemmen. Schreibmäßig fühlt es sich bei der Olympia SM9 so an, dass es kaum einen Unterschied gibt, ob ich die Buchstaben tippe oder die Großschaltung drücke. Das ist echt angenehm.

Die SM9 im Laden selbst wirkte so, als hätte man sehr häufig damit gearbeitet. Auf den Typen waren so feine weiße Farbspritzer zu sehen. Tipp-Ex? Kores-Korrekturblätter? Ich weiß es nicht. Das Tippen ging recht flott und die Typen blieben nicht stecken. Alles in allem ein zufriedenstellender Eindruck. Und für 25 Euro ein recht gutes Angebot, wenn man nicht viel Wert auf ein gepflegtes Äußeres legt. (Man wird da recht schnell verwöhnt, ich weiß.)

Eine Olympia SM9 - die einzig käufliche Maschine hier - © Rodja Pavlik

Eine Olympia SM – die einzig käufliche Maschine hier – © Rodja Pavlik

Schließlich fand ich doch noch eine Verkäuferin, von der ich mehr erfahren konnte. Ja, es hat einige Schreibmaschinen gegeben, die waren aber recht rasch verkauft – und das bei Preisen bis zu 120 Euro! Das erstaunte die Frau sehr. Und dass vor allem junge Leute die Schreibmaschinen gekauft hätten. Fast so, als ob die Maschinen ein Revival feiern würden. Die meisten Schreibmaschinen wären am Samstag verkauft worden. Es gebe noch viele weitere Schreibmaschinen, aber wann die im Verkaufsraum aufgestellt werden, konnte sie nicht sagen. Am besten, man rufe in der Früh an, dann könnte man besser Bescheid geben.

Fazit:Elf Schreibmaschinen, die als Dekoration an der Wand hängen – und nur eine Maschine, die man tatsächlich kaufen kann. Herrje, was für eine Enttäuschung. Aber noch will ich die Hoffnung aufgeben, deswegen werde ich noch zwei, drei Mal vorbeischauen. Allerdings: Man sollte sich bewusst sein, was man sucht. Die Angestellten dort wissen leider nicht immer, wie die Sachen, die sie verkaufen, funktionieren. Bei der Vielfalt der dargebotenen Waren ist das aber auch nicht ernsthaft zu erwarten.

Rodja

INFO: 48er-Tandler, Siebenbrunnenfeldgasse 3/Ecke Einsiedlergasse, 1050 Wien. Do. 10:00 – 20:00 Unr, Fr. & Sa. 10 – 18:00 Uhr. Tel.: 01/58817 48702. Weitere Informationen unter https://48ertandler.wien.gv.at

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Über Die Schreibmaschinisten

Journalist, Indie-Film-Fan(atiker), Möchtegern-Autor und Schreibmaschinist
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2 Antworten zu Neulich beim Tandler, erster Versuch

  1. Richard P schreibt:

    „Fast so, als ob die Maschinen ein Revival feiern würden.“ … I’m glad that there are signs of growing interest in typewriters in Austria. Our movement is worldwide!

    Gefällt mir

  2. Pingback: Die einsame Gabriele | Die Schreibmaschinisten

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