Ein Fund, der zu Tränen rührt

Mein Vater ist 2010 gestorben, neun Tage nach seinem 64. Geburtstag, knapp fünf Monate nach der Geburt meines Sohnes. Das Jahr war eine Achterbahn der Gefühle für mich. Ich bewegte mich durch eine surreale Zeit, in der Freude und Trauer so eng nebeneinander lagen, dass mein Gehirn bei der Abwärtsfahrt einfach in den Leerlauf geschalten hat und die Hände vom Lenkrad nahm.

Was natürlich ein blöder Vergleich ist, denn bei einer Achterbahn braucht man ja nicht zu lenken. But you get the point…

Mein Vater war ein Kind seiner Zeit. 1946 geboren, in eine Zeit des Hungers und des Neuaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg. Essen, vor allem Fleisch, war Zeit seines Lebens ein großer Motivator. Bei drei Geschwistern und einer allein erziehenden Mutter blieb vom Essen kaum etwas übrig – und Fleisch gab es damals noch weniger, weil Mangelware und viel zu teuer.

Er wuchs auf, ging in die Lehre. Als er sie abschloss, war er einer der letzten Wiener Schmiede (Feinzeugschmied? Ich bilde mir ein, dass es das war, bin mir aber nicht sicher). Und er wusste bereits, dass der Beruf ausgestorben war. Gelernt für nix und wieder nix. Er sattelte um und ging in eine Feder-Fabrik, wo er Federn von klein bis groß herstellte. In den 1980ern produzierte seine Firma sogar Federn für ein Space Shuttle. Eine Feder meines Vaters war also irgendwann einmal da oben im All.

Mein Vater konnte gut zeichnen. Mit Bleistift, Radierungen, Aquarelle. Er versuchte sich auch an Ölmalerei. Dafür bewunderte ich ihn sehr. Ich glaube, wenn er zu einer anderen Zeit in eine andere Familie reingeboren wäre, dann hätte er ein Künstler werden können. Doch die Umstände waren damals andere. Trotzdem hatte er Phasen, in denen er kreativ wurde. Wenn ihn ein Maler interessierte, zeichnete und malte er diese Bilder nach. Das mag wenig künstlerisch klingen, doch für mich war das atemberaubend genug. Und ihm reichte es.

Aber das war nicht sein einziges Interesse. Er las recht gern – und das habe ich definitiv von ihm. Als ich ein Kind war, gab er mir „Die Schatzinsel“ zu lesen. Ich legte mich auf die Kinderzimmercouch und las durch. Danach war ich mit dem Lese-Virus infiziert – sehr zum Leidwesen meiner Mutter. Sie meinte mal, dass, wenn sie meinen Bruder bestrafen wollte, sie ihm verbot, in den Hof zu gehen. Bei mir wäre es genau andersrum – für mich wäre es eine Strafe gewesen rauszugehen und draußen zu spielen.

Meine Mutter arbeitete damals als Putzfrau für eine Amerikanerin, Mrs. Laura Hoelzinger. Wir hatten ein gutes Verhältnis zu der Familie, die auf einem Anwesen im 19. Bezirk wohnte. Für mich als kleiner Stöpsel unfassbar riesig. Ein Haus mit einem Geheimgang zur Garage – einem riesigen Garten, von dem ich nur einen Teil kannte. Mrs. Hoelzinger hatte auch eine alte, schwarze Schreibmaschine. Ich sage mal, dass es eine Underwood war. Ich bin mir dessen nicht sicher, aber Underwood war, glaube ich, die erste Schreibmaschinenmarke, von der ich gehört habe. Es war eine Maschine mit US-amerikanischer Tastatur. Und irgendwann einmal landete die Maschine bei uns daheim.

Natürlich war ich von dem Ding fasziniert. Allein, ich hatte damals mit meinen neun, zehn oder elf Jahren einfach nicht die Kraft – und vor allem die Geduld – ständig zu tippen. Lieber streunte ich damals mit meinem besten Freund Florian in verlassenen Häusern in Sievering herum. Ich weiß nicht, seit wann die Häuser leer standen, aber teilweise waren innen schon die Stiegen zusammengebrochen. Ich nehme mal an, dass sie seit dem Zweiten Weltkrieg leer standen. Und was man teilweise für Schätze darin vorfand. In einem Raum war sogar ein verfallenes Klavier. Ich fragte mich schon damals, was wohl Leute dazu bewogen hat, so ein wertvolles Stück einfach zurück zu lassen. Dass es auf einmal nicht wert ist, woanders mitgenommen zu werden. Was hat die Besitzer gezwungen, ihre Prioritäten so radikal zu ändern? Das beschäftigte mich damals sehr.

Ich erzählte meinen Eltern von unseren Abenteuern in Sievering, vom Kanal, den wir erkundeten. Es war eine fantastische Zeit. Und eines Tages setzte sich mein Vater hin und tippte auf der Schreibmaschine eine Kurzgeschichte – mit Florian und mir als Helden. Ich war hin und weg. Vor allem, weil ich gesehen hatte, wie sich mein Vater an dieses schwere, schwarze Monstrum im Wohnzimmer setzte und mit dem Adler-System (ein Finger kreist über die Tastatur und stößt hinab) sich mühsam Zeichen für Zeichen und Wort für Wort tippte. Und daraus wurde sogar eine ganze Geschichte! Ich war begeistert. Und mein Vater hatte ein neues Hobby.

Er schrieb noch drei weitere Kurzgeschichten um Florian und mich herum. Dann tippte er andere Kurzgeschichten. Ich hatte damals meinen ersten eigenen Comic-Helden entworfen, einen Privatdetektiv namens John Dunn. Und den wollte er auch in einen Roman einbauen. Aber in einen solchen, den ich damals noch nicht lesen durfte. Ich nehme mal an, dass Groschenromane wie „Jerry Cotton“ für meinen Vater Vorbild waren – obwohl ich selbst so etwas nie lesen durfte. (Wenn ich mich recht erinnere, habe ich ihn auch nie so etwas lesen sehen.)

Es ist nicht so, dass es große Literatur war. Aber es war für mich unterhaltsam. Und mein Vater, ein einfacher Hackler, nahm sich die Zeit, um etwas zu erschaffen! Das ist etwas, das mich heute noch sehr beeindruckt. Und deswegen denke ich, dass die schriftstellerischen Versuche meines Vaters, sein Interesse an Büchern, ja, sogar sein Interesse an meinen Geschichten, meine Versuche als Comic-Zeichner, Kurzgeschichtenschreiber und Drehbuchautor zwar nicht geprägt haben, aber dennoch die Initialzündung für meine kreativen Versuche waren.

Als mein Vater 2010 starb, ging ich einige Zeit wie benommen durchs Leben. Er hatte seinen Körper der Medizin vermacht, es gab keine Beerdigung. Und wenn ich heute sein Grab auf dem Zentralfriedhof besuche, dann ist es ein anonymes Massengrab. Er wollte es so. Für mich wäre es wohl einfacher gewesen, mich in einer Zeremonie zu verabschieden. Aber so war er halt.

Erst ein paar Jahre nach seinem Tod fielen mir seine Geschichten wieder ein. Ich fragte meine Mutter, die große Augen bekam. Sie hatte sie entsorgt. Ich war tief getroffen. Die Geschichten, die mein Vater für mich geschrieben hatte… einfach weg?!? Ich glaube, man kann sich vorstellen, wie schwer es mir fiel, ruhig zu bleiben. Ich war zu geschockt, um weiterzuforschen.

Erst vor kurzem wollte ich einige Bilder meines Vaters zu mir nach Hause mitnehmen. Ich suchte im Kasten im Wohnzimmer meiner Mutter und fand auch die Ölgemälde. Und auch eine zerfledderte Mappe. Als ich sie öffnete, flogen mir die Manuskripte meines Vaters entgegen. Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie ich mich da fühlte. Gänsehaut, Tränen in den Augen – und ein großes Gefühl der Erleichterung. Die selbst getippten Kurzgeschichten – eine meiner liebsten und teuersten Erinnerungen – waren nicht weg.

Rodja

PS: Gestern wäre mein Vater 69 geworden. Alles Gute, Vati.

© Rodja Pavlik

© Rudolf Pavlik

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Über Die Schreibmaschinisten

Journalist, Indie-Film-Fan(atiker), Möchtegern-Autor und Schreibmaschinist
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Eine Antwort zu Ein Fund, der zu Tränen rührt

  1. Steve K schreibt:

    A nice tribute to your father. It’s easy to see where you get your creativity from.

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