Was macht eine Schreibmaschine in einer Redaktion?

Wir befinden uns im Jahr 2016 n.Chr. Alle Zeitungsredaktionen sind mit Computern vernetzt. Alle Zeitungsredaktionen? Nein! Im Büro des „Bündner Tagblatt in Chur im Schweizer Kanton Graubünden klappert einsam eine Schreibmaschine vor sich hin…

© Bündner Tagblatt

© Bündner Tagblatt

Wenn bei mir etwas das Bild eines Journalisten geprägt hat, dann war das die Schreibmaschine. Von klein auf an – wahrscheinlich bedingt durch Filme wie Billy Wilders „Extrablatt“ oder die TV-Serie „Lou Grant“, in der ein grantelnder Chefredakteur durch das Reaktionsbüro mit scheinbar ewig telefonierenden oder tippenden Journalisten stapft – war dieser Beruf mit der Schreibmaschine verbunden.

Als ich ab Mitte der 1980er-Jahre in die Handelsschule ging, musste ich mich durch die MAS-Stunden (Maschinschreiben und Stenografie) quälen, aber schon gegen Ende des Jahrzehnts, als ich in den Handelsakademie-Aufbaulehrgang ging, hieß das Fach bereits CTV (Computerunterstützte Textverarbeitung – und keine Kurzschrift weit und breit). Seit meinem Eintritt ins Berufsleben – so ab 1992 – hatte ich eigentlich nie wieder etwas mit Schreibmaschinen zu tun. Alles lief über Computer, interne Netzwerke und Drucker. Und als ich dann ab 2000 in einer Nachrichtenagentur anfing zu arbeiten, war auch das WWW ein wichtiger Bestandteil des Arbeitsprozesses. Terminplanung, Interviews via E-Mail oder Skype, die ganze Text- und Bildverarbeitung am Computer.

Da mutet es richtig wohltuend und entschleunigend an, wenn eine Zeitung wie das „Bündner Tagblatt“ einmal in der Woche eine Kolumne herausbringt, die mit einer Schreibmaschine geschrieben wurde – und genau so auch abgedruckt wird. Eine Verbeugung vor der Historie des Journalismus‘ – und das ohne den damaligen Arbeitsschritt der Drucksetzung. Die Schreibmaschinisten interviewten Chefredaktor (sic!) Luzi Bürkli zur neuen Kolumne „Tipper“.

© Bündner Tagblatt

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Luzi Bürkli ist seit 20 Jahren im Journalismus tätig und seit 1. November 2015 Chefredaktor des „Bündner Tagblatt“ im Verlag von Somedia in Chur. Bürkli beschreibt die Tageszeitung als eine klassische Lokalzeitung, die Wert auf eine umfassende lokale Berichterstattung aus dem Schweizer Kanton Graubünden zu Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft legt. Die Idee zu einer maschinengeschriebenen Kolumne kam ihm, als er unlängst in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ las, dass Informatikwissenschafter herausgefunden haben, dass der moderne Mensch pro Tag 88 Mal zum Mobiltelefon greift. Eben als Kontrast zur digitalen, medialen Schnelllebigkeit entwarf Bürkli den „Tipper“. Der Name ist übrigens eine Anspielung auf „Twitter“.

Bürkli selbst ist ein Fan von Schreibmaschinen. „In der frühen Jugend verfasste ich auf einer Schreibmaschine eine Familienzeitung“, so der 41-jährige Vater von drei Kindern. „Faszinierend ist die mechanische Entstehung von Artikeln und Texten sowie die große Zahl an verschiedenen Schreibmaschinentypen. Dazu ist das Geräusch beim Tippen einzigartig und nicht mit einer Computertastatur zur vergleichen. Worte werden auf Papier gehauen“, schwärmt er.

Für die Artikel steht eine Swissa Junior zur Verfügung, die vor ihrem Einsatz in der Redaktion noch kurz in die Reparatur zu Zangerl Büromaschinen in St . Gallen geschickt wurde. Das Gerät gehörte früher dem Justiz- und Polizeidepartment Graubünden. „Es war ein Geschenk des Hauswarts an meine Person, als ich als Informationsbeauftragter für den Kanton Graubünden tätig war.“ Nun steht die Maschine in der Redaktion des Bündner Tagblattes in Chur und wird Gastautoren zum Tippen der Kolumne geliehen.

Symbolbild Swissa Junior © Georg Sommeregger

Symbolbild Swissa Junior © Georg Sommeregger

Die Herangehensweise für die Texte sind von Autor zu Autor verschieden. Ältere Autoren, die noch mit Schreibmaschinen arbeiteten, setzen sich hin und tippen direkt und ohne Umschweife. „Jüngere und weniger erfahrene Tipper – so wie ich – legen sich zuerst einen Text oder zumindest ein Grobkonzept als Vorlage zurecht“, erläutert der Chefredaktor. „Der Artikel muss wohlbedacht geschrieben werden“, findet der Journalist. „Es gibt kein Korrigieren oder Umstellen von ganzen Passagen. Der Schreibprozess ist intensiver und verlangt absolute Konzentration. Im Notfall bleibt nur der Griff zur Schere.“

Anschließend wird der Artikel mitsamt seinen Fehlern eingescannt – und nicht retuschiert. „Tippfehler sind erlaubt und gehören schon fast zur Kolumne dazu. Es ist ein Zeichen der Authentizität“, findet Bürkli. Manche Autoren fügen von Hand noch einzelne Buchstaben oder Satzzeichen hinzu. Generell waren die Reaktionen auf die Kolumne überraschend zahlreich und positiv. „Für einige war es eine schöne Erinnerung, für andere eine Konfrontation mit etwas Neuem aus alter Zeit.“

So sehr Bürkli das Schreiben mit der Maschine genießt – er weiß doch den Computer in der Redaktion sehr zu schätzen. „Ideal wird eine Schreibmaschine heute nicht mehr sein. Dafür sind die digitalen Vorzüge zu groß. Aber es kann unglaublich Spaß machen, auf ‚analoge‘ und ‚maschinelle‘ Weise Texte zu verfassen“, erklärt er schmunzelnd abschließend.

Rodja Pavlik

INFO: www.buendnertagblatt.ch

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Die „Nullnummer“ des „Tippers“ – zum besseren Lesen

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Über Die Schreibmaschinisten

Journalist, Indie-Film-Fan(atiker), Möchtegern-Autor und Schreibmaschinist
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