Die einsame Gabriele

Vor kurzem habe ich mir Farbbänder für meine Schreibmaschinen beim „Miller“ besorgt. Das Geschäft ist zweigeteilt – der eine Part mit edlen Sachen wie Füllhalter, gebundenen Kalendern, etc., liegt direkt auf der Mariahilfer Straße. Für Bürosachen wiederum muss man in den Hinterhof hinein und in ein eigenes Lokal gehen.

© Rodja Pavlik

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Auf meinem Weg ins hintere Geschäft bemerkte ich einen Haufen Müll – viele leere Koffer und vollgestopfte Pappkartons. Auf meine Frage im Geschäft antwortete man mir, dass anscheinend im Haus die Dachböden entrümpelt wurden. Man sei auch verärgert darüber, denn der Müll hätte längst abgeholt werden sollen.

© Rodja Pavlik

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Als ich aus dem „Miller“ kam, sah ich mir noch einmal den Haufen an. Da fiel mir zwischen den ganzen Koffern ein kleiner auf. Eine Schreibmaschine! Nach anfänglichem Zaudern öffnete ich den Koffer und entdeckte eine Gabriele 20 von Triumph-Adler. Ein stark gebrauchtes Ding – und von der Verfärbung her würde ich auch auf einen starken Raucher schließen. So richtig grindig halt. Aber trotzdem ein trauriger Anblick. Ein kurzer Check zeigte, dass die Maschine noch tippte. Aber das hässliche Ding mit nach Hause nehmen? Lieber nicht. Da hängt der Haussegen schief.

© Rodja Pavlik

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Ironie am Rande: Viele halten ja Schreibmaschinen für out-of-date und reif für den Müll. Aber ihren Nachfolgern ergeht es keinen Deut besser, wie ein Apple PowerBook 540c vor Ort beweist. (In der Schachtel, auf der das PowerBook steht, war auch ein entsorgter, vollständiger Desktop-Computer – mit Bildschirm und sonstiger Hardware – drinnen.)

Und drei Mal darf man jetzt raten, welches der vorgefundenen Geräte noch immer seine Bestimmung erfüllt. Na?

© Rodja Pavlik

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Wie man sich vorstellen kann, ist es dann leider doch nichts mit dem guten Vorsatz geworden, die Schreibmaschine NICHT mit nach Hause zu nehmen. Sie ist wirklich stark gebraucht, hat aber ein sehr schönes Schriftbild. Das Zugseil (sag ich jetzt mal als Laie) müsste wohl auch neu gespannt werden, der Tabulator ist doch ein bisschen lahm.

Aber keine Sorge, Gabriele 20 ist nur auf Zeit da. Ich werde sie ein bisschen sauber machen und sie dann zum Second-Hand-Geschäft 48er-Tandler (ein Erfahrungsbericht dazu hier) bringen. Falls sie verkauft wird, kommt der Erlös wenigstens karitativen Zwecken zugute.

Rodja

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Über Die Schreibmaschinisten

Journalist, Indie-Film-Fan(atiker), Möchtegern-Autor und Schreibmaschinist
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4 Antworten zu Die einsame Gabriele

  1. schmasch schreibt:

    Da gehört schon einiges dazu, eine Schreibmaschine aus dem Müll zu ziehen und sie dann mit nach Hause zu tragen.
    Mut ist eines davon.

    Höchst lobenswert aus meiner Sicht stellt die gefundene Lösung dar hinsichtlich des Wunsches, die Maschine auszuprobieren auf der einen Seite, und dennoch der werten Gattin glaubhaft versichern zu können, dass dieser Gast nur auf der Durchreise ist auf der anderen. Wenn dann noch Gelder für hilfsbedürftige Menschen zu fliessen beginnen, dann mag ich persönlich sagen, Du hast wohl alles richtig gemacht. Bravo!

    Auch ich habe schon Schreibmaschinen gespendet, die letzte war diese hier: http://typewriterdatabase.com/1963-olympia-sf-de-luxe.5687.typewriter und hat wohl ein paar Kinderaugen zum leuchten gebracht. Wer weiss, vielleicht kann sie ja das eine oder andere zukünftige Typosphären-Mitglied auf den Geschmack bringen.

    Mach doch irgendwo ins Innere der Triumph einen kleinen Aufkleber mit Deiner Adresse, oder der Internet-Adresse Deines Blogs – vielleicht meldet sich ja eines Tages jemand bei Dir. Als Kind hängt man Karten an Luftballons und lässt sie vom Wind davon tragen. Oder wirft die Flaschenpost im Sommerurlaub über die Kaimauer im Hafen. Da darf man als Erwachsener durchaus auch mal einen Aufkleber an unauffälliger Stelle plazieren … 😉

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  2. Steve K schreibt:

    I sold my Gabriele 10 (which is similar) not because it was a bad typewriter, but because I didn’t like the small typeface. Good idea to clean that one and sell it for charity. 🙂

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  3. Shordzi schreibt:

    Des is a G’schicht – vielen Dank das zu dokumentieren.

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