Teddy Podgorski: Die Geschichte meiner Schreibmaschine

© Red Bull Media House GmbH

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Thaddäus „Teddy“ Podgorski ist ein Urgestein des österreichischen Journalismus. Er fing als Redakteur beim damals noch jungen ORF (Österreichischer Rundfunk) an, wurde TV-Moderator, Fernseh-Pionier (Erfinder u.a. der „Zeit im Bild“) und leitete von 1986 bis 1990 den ORF als Generalintendant. Weiters war er auch Schauspieler (u.a. „Der Bockerer“), Theaterregisseur und Buchautor (u.a. „Geschichten aus dem Hinterhalt“, Haymon Verlag).

Für das Magazin „Servus in Stadt und Land – Regionalausgabe Unser Wien“ (S 116 – 118) erinnert sich der 81-jährige Journalist in der Kolumne „Seinerzeit“ an seine Anfangszeiten, als die Schreibmaschine noch ein gewichtiges Instrument der Berichterstattung war. Das Magazin war so freundlich und stellte den Schreibmaschinisten den folgenden Artikel zur Verfügung.

Für mich persönlich interessant ist vor allem die Beschreibung einiger Arbeitsprozesse – und der Chauvinismus, der damals weit verbreitet war („Mad Men“ made in Austria, anyone?). Dieser Chauvinismus prägte auch meine Generation größtenteils in den 1970ern und 1980ern. Frauen als sexy Sekretärinnen – ja, das wurde uns auch noch über die Filme aus Hollywood beigebracht.

Was die Schreibmaschine betrifft… ich kann mich täuschen, aber ich glaube, dass sich Podgorski bei dem Modell irrt. Eine Olympia International ist mir noch nicht untergekommen. Aber Olympia hat sich ja prinzipiell schwer damit getan, seine Modelle ausreichend zu kennzeichnen. Vielleicht, dass man über die Seriennummer das Modell herausfindet.

Die Geschichte meiner Schreibmaschine
Olympia International Ser. Nr. 6849

Es ist eigentlich noch gar nicht so lange her, dass sie erfunden wurde, die Schreibmaschine. Schon ist sie wieder weg. Ab sofort wird lautlos geschrieben. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit.

Assyrer, Babylonier und Ägypter haben ihre Mitteilungen hell klingend in den Stein gemeißelt. Schon von weitem konnte man hören: Hier findet Literatur statt. Die Römer legten alles Wissenswerte mit aufjaulenden Griffeln auf Schiefertafeln nieder. Nur der Geheimdienst des Marcus Iunius Brutus arbeitete mit Wachstafeln.

Kreischende, sich spragelnde Federkiele – bald auch stählerne Federn – glitten mit lautem Stöhnen über das holzige Papier und ließen so manche blaue Träne fallen.

Mit den Maschinen des Industriezeitalters kam auch die Schreibmaschine. Ihr lautes Klopfen war im Lärm der ausbeuterischen Fließbandtransmissionen deutlich zu hören. Es war der Produktionslärm aller Arbeiter der Stirn. Die großen Wahrheiten der Menschheit wurden also sehr geräuschvoll auf die Welt gebracht.

Jetzt ist es still. Man hört nichts mehr. Was macht der Dichter von nebenan? Denkt er? Denken ist heute fast lauter als schreiben. Die Geburtswehen, mit welchen auch die trivialste Literatur geboren wird, bleiben fortan unbemerkt. Kein Durchschießen mehr, keine plötzlichen Pausen, kein Klingeln am Ende der Zeile, kein dumpfer Anschlag des Wagens, wenn er im Überschwang der Einfälle nach rechts geschleudert wird. Nichts.

Und außerdem: Wie soll man denn den Beginn der Arbeit hinausschieben? Man hat kein Papier mehr, das man umständlich einspannen könnte; es gibt kein Farbband mehr, das man nach umfangreichen technischen Eingriffen verkehrt einspannt, sodass es nur mehr rot schreibt. Es gibt keine Buchstabenklumpen mehr, die man vorsichtig trennen muss; mit einem Wort: Man hat keine Ausreden mehr, um den Anfang zu verzögern.

Der Computer lässt uns keinen Spielraum mehr. Keine Pufferzone zwischen Wollen und Können. Kein Schlupfloch für den Selbstbetrug.

Die Schreibmaschine war toleranter und deshalb auch beliebter. Keine Frage. Außerdem war sie ein Instrument für Virtuosen. Fast jede Woche hörten wir von Weltrekorden mit tausenden Anschlägen pro Minute. Meist in der Kinowochenschau. Auch Österreicherinnen waren dabei – Schülerinnen der Handelsschule Weiss. Manchmal war es auch ein Mann – dann ging ein Raunen durchs Kino. Auch durchs Burg Kino. Das spielte nur Filme in Originalsprache.

Hier traf sich die Schickeria von Wien. Seht her! Ich spreche Englisch, Französisch oder Italienisch! Auch ich zerkugelte mich über englische Lustspiele, ohne ein Wort zu verstehen. Die Filme der Nouvelle Vague verbreiteten kollektive Lähmungserscheinungen. Bei „Letztes Jahr in Marienbad“ wurden immer wieder Fälle von Maulsperre bekannt. Vom Gähnen. Aber alle, die ihr Mundwerk noch gebrauchen konnten, versicherten einander im Flüsterton ihr Entzücken über den intellektuellen Anspruch des Films.

Bei so einem elitären Publikum war die Kinowerbung von besonderer Bedeutung. Bemalte Dias, die vom Operateur eingeschoben wurden: „Chat Noir“, „Panair do Brasil“ oder Ivellio Vellin – Schreibmaschinen Ankauf – Verkauf – Reparatur“.

Die größte Firma war aber damals zweifellos „Adolf Schuss und Söhne“. Ein Sohn des Hauses war einer der ersten Playboys von Wien. Zusammen mit Teddy Magrutsch (Wurstwaren), Kurt Barry (Reisebüro und Espresso) und etwas später Jochen Rindt. Sie hatten natürlich einen viel höheren Stellenwert als die heutigen Playboys, denn es gab viel mehr arme Leute. Aber keine Angst. Es wird schon wieder werden. Man kann darauf warten.

Der Terminus „Playboy“ kam natürlich erst durch die amerikanischen Besatzer zu uns. Ebenso wie der beliebteste Radiosender Österreichs, „Rot-Weiß-Rot“. Ich war dort Nachrichtensprecher und musste mir oft um fünf Uhr früh die Nachrichten aus der Redaktion holen, die im Kurier-Gebäude in der Seidengasse Nummer 11 untergebracht war. Das Studio war auf Nummer 13.

© Haymon Verlag

© Haymon Verlag

Schon von weitem hörte ich das Hämmern der Schreibmaschinen, die während der ganzen Nacht von hübschen jungen Damen bedient wurden. Sie waren eine Mischung aus Doris Day und June Allyson. Aber viel erotischer. An ihren riesigen Schreibmaschinen sahen sie aus wie lebenslustige Witwen vor den Grabsteinen ihrer endlich verstorbenen Millionäre.

Eine von ihnen, Anni Fromme, wurde später Chefsekretärin des Fernsehdirektors Gerhard Freund. Sie schrieb auf ihrer riesigen Olympia eine „Interne Mitteilung von Fernsehdirektor an Fernseh-Oberspielleitung Erich Neuberg: „Nach Lektüre des Drehbuches ‚Der Herr Karl’ ersuche ich um eine Besprechung zwecks Festlegung der Produktionstermine. Durchschlag ergeht an Herrn Qualtinger/Herrn Merz…“.

Durchschlag! Das war was. Es war gar nicht so einfach, das blaue oder schwarze Pauspapier richtig einzulegen. Jedenfalls nicht für durchschnittlich intelligente Maschinenschreiber wie mich. Nicht nur einmal hatte ich die Texte in Spiegelschrift auf der Rückseite des Manuskriptes. Vor allem wenn es schnell gehen musste wie beim Aktuellen Dienst, wo ich Redakteur war. Aber die Erfinder schliefen nicht. Bald gab es für die Redaktion der „Zeit im Bild“ verschweißte Manuskriptblöcke: ein weißes Originalblatt, ein Kohlepapier, ein Durchschlagsblatt, ein Kohlepapier, ein Durchschlag usw…. Eine Doboschschnitte des Weltgeschehens. Die Durchschläge wurden an die Mitarbeiter verteilt. An der Leserlichkeit beziehungsweise Unleserlichkeit ließ sich die Stellung des Mitarbeiters innerhalb der Hierarchie ablesen. Wer statt des dritten Durchschlags plötzlich den fünften bekommen hat, hatte zwar weniger Verantwortung, weil er ja fast nicht lesen konnte, was man ihm mitteilte, aber er musste auf der Hut sein. Der letzte absolut unleserliche Durchschlag ging in die „Ablage“, was natürlich heute die Identifizierung so mancher Archivfilme unmöglich macht.

Auf jeden Fall aber gab es damals in unserer Redaktion nicht mehr Redakteure als Durchschläge. Wir Redakteure schrieben unsere Texte allerdings ohne Durchschläge und gaben sie dann einer Schreibkraft, die sie ins Reine schrieb. Mit Durchschlägen. Eine Schreibkraft hat mich besonders beeindruckt. Sie konnte nicht nur in einem wochenschaureifen Tempo schreiben, sondern auch blind. Sie hatte einen derart großen Busen, dass es ihr unmöglich war, auf die Tastatur ihrer Schreibmaschine zu blicken. Sie konnte beim Schreiben auch an etwas anderes denken, ohne einen Tippfehler zu machen.

So saß sie also da, sah mit leerem Blick durchs Fenster auf die Meidlinger Singriengergasse und träumte davon, in einem Fellini-Film mitspielen zu dürfen, während ihre Finger unter ihren Brüsten über die Tasten rasten. Sie hieß Alice Straka. Ihr Busen spielte später in einem Fellini-Film.

Mit der Erfindung der Kofferschreibmaschine und deren Evolution zur Reiseschreibmaschine wurde die Schriftstellerei verwegener. Viele Dichter verließen ihre Schreibstuben, viele Journalisten ihre Redaktionen, Reporter warfen ihre Bleistifte weg und zogen mit ihren flachen, leichten Reiseschreibmaschinen in den Krieg oder in ein Stadion. Manche setzten sich aber auch nur in ein Kaffeehaus, hämmerten fesch drauflos und ließen sich bewundern.

Ich kaufte mir 1970 eine grüne Olivetti. Mit ihr reiste ich nach New York, um dort an Ort und Stelle, nämlich im Madison Square Garden, das letzte Kapitel meines Buches über Muhamad Ali zu schreiben. Das letzte Kapitel befasste sich mit dem sogenannten Kampf des Jahrhunderts zwischen Muhamad Ali und Joe Frazier.

Mein Freund Bill Cayton, der sämtliche Film- und Fernsehrechte aller WM-Kämpfe aller Zeiten besaß, weil er auch ein ungestörtes Verhältnis zum italienischsprachigen Bevölkerungsteil von New York hatte, stellte mich nicht nur dem großen Muhamad Ali vor, sondern verschaffte mir auch einen Platz am Ring, unweit von Norman Mailer, der dort auch mit seiner Reiseschreibmaschine saß.

Als ich am Vortag in den „Garden“ ging, um mich zu informieren, und die NBC-Leute bei ihren Vorbereitungen zur TV-Übertragung beobachtete, musste ich aufs Klo. Die Schreibmaschine nahm ich mit. Dort wusste ich dann nicht wohin damit und stellte sie neben der Waschmuschel ab. Als ich mich nach ihr umdrehte, fiel gerade ein Herr, der einen blauen Lurexanzug trug, darüber. Es war Burt Lancaster. Er präsentierte den Boxkampf fürs Fernsehen und kam von der Generalprobe.

Während des Kampfes war ich so aufgeregt, dass ich zu schreiben vergaß. Außerdem siegte der falsche Mann. Der Held meines Buches war geschlagen. Weltmeister war Joe Frazier. Das musste ich erst verkraften. Vor allem musste ich das letzte Kapitel im Flugzeug schreiben. Hier erwies es sich wieder einmal aufs Neue, dass den Appeal einer Schreibmaschine das Geräusch ausmachte, das sie verursachte. Die AUA-Maschine war halbleer. Ein Glücksfall, der heute nicht mehr vorkommt. Ich hatte eine ganze Sitzreihe für mich allein und hämmerte verbissen drauflos, in der Hoffnung, das Buch doch noch verkaufen zu können.

Das Klappern schwebte monoton durch die Kabine der Boeing 707 und war an der Türe zur First Class nur schwach zu hören, wie das ferne Stakkato eines bis in die Stratosphäre reichenden Klapotetz.

Die Hostessen gingen auf Zehenspitzen an mir vorbei und tuschelten mit fragenden Blicken. Sie ahnten ja nicht, dass ich über das grausame Handwerk des Boxens referierte. Vielleicht hielten sie mich sogar für einen Lyriker, der um eine Formulierung von der ewigen Liebe ringt? Vielleicht hielten sie mein Klopfen für Morsezeichen einer empfindsamen Seele, für Positionsmeldungen von einer intergalaktischen Reise des Intellekts? Nur so wäre es zu erklären, dass sie mich in den Tipp-Pausen, die ich brauchte, um nachzudenken, und in denen man einen Gesichtsausdruck annimmt wie ein Hund, der sein großes Geschäft verrichtet, nur so wäre es also plausibel, dass sie versuchten, mir jeden Wusch von den Augen abzulesen. Es gab keinen Zweifel: Begleitet von uniformierten Musen, flog ich hoch über den Wolken auf einem viermotorigen Pegasus.

Heute, fast 40 Jahre später, versucht einer meiner Freunde dasselbe Ansehen zu gewinnen – mit einem winzigen Laptop. Aber die Sache funktioniert nicht. Weder im Flugzeug noch in Kaffeehäusern, Nachtlokalen oder Hotels. Man hört ihn nicht. Man sieht ihn nur sitzen wie den oben erwähnten Hund und dann irgendetwas machen, das wie Läusesuchen aussieht. Und damit hat sich’s.

Vielleicht wird man irgendwann einen Computer bauen, der beim Schreiben Melodien produziert. Das kann doch nicht so schwer sein. Es ist nämlich wichtig, dass man einen Dichter bei der Arbeit belauschen kann.

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Über Die Schreibmaschinisten

Journalist, Indie-Film-Fan(atiker), Möchtegern-Autor und Schreibmaschinist
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