Benjamin schreibt auf einer Olympia Traveller de Luxe

© Neuer Österreichischer Trickfilm

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Benjamin Swiczinsky ist ein Drittel des österreichischen Studios Neuer Österreichischer Trickfilm (kurz NÖT), das seit fünf Jahren in Wien residiert. Davor war es um den österreichischen Animationsfilm recht mau bestellt, aber dem Trio, bestehend aus Benjamin Swiczinsky, Condrad Tambour und Johannes Schiehsl, ist es mit zu verdanken, dass der österreichischen Szene neues Leben eingehaucht wurde. Sie haben u.a. die Regie für eine Staffel der Zeichentrickserie „Hexe Lilli“ gemacht – und zuletzt Animationen für Tom Tykwers „Ein Hologramm für den König“ (mit Schreibmaschinenfan Tom Hanks, womit sich quasi ein Bogen zum vorigen Blogeintrag mit Denise Esposito schlagen lässt) gezeichnet.

Benjamin kenne ich aber schon wesentlich länger. Ich bin ja auch ein großer Fan des deutschsprachigen Indie-Films und habe mit dem HomeMovieCorner 2001 eine eigene Plattform dafür gegründet (die mit Unterbrechungen bis jetzt aktiv ist). Schon Anfang der 2000er-Jahre lernte ich damals den jungen Benjamin Swiczinsky kennen, wie er sich als Autodidakt am Trickfilm versuchte. Damals war noch Disney seine große Inspiration, seine ersten Filme realisierte er mithilfe des Medienzentrums der Stadt Wien. Schließlich heuerte er beim No-Budget-Indie-Film „Faust“ von Philipp Hochhauser als Chef-Animator an. Ein bemerkenswerter Film der Indie-Szene, der Goethes Theaterstück werkgetreu darstellte – aber ohne dessen Worte, quasi als Stummfilm (nur mit dem fantastischen Score von Alexander Zlamal). Es war eine Mischung aus Real- und Animationsfilm, wobei die Animationen immer dann ins Spiel gebracht wurden, wenn es magisch wurde. Benjamin leitete dabei in den Räumen der ASIFA Austria ein Heer von Trickfilm-Laien. Nach „Faust“ ging Benjamin nach Deutschland, wo er an der Filmakademie Baden-Württemberg Animation studierte, Conrad Tambour und Johannes Schiehsl traf – und eben NÖT gegründet wurde.

Tricky Trio: Swiczinsky, Tambour und Schiehsl (© Rodja Pavlik)

Anlässlich des fünfjährigen Jubiläums von NÖT baten mich die Filmemacher (das Foto stammt übrigens von der offiziellen Vorstellung der Truppe 2011), im heurigen Juni einen Filmabend mit ihnen zu moderieren. Natürlich nahm ich an – und vor dem Abend tippte ich im Kino noch ein paar Sprecherkarten mit meiner Hermes Baby ab. Während ich so tippte, merkte ich, dass die Schreibmaschine bei den Filmemachern gut ankam – vor allem bei Benjamin. Wie sehr, erfuhr ich aber erst wesentlich später, als Benjamin mir schrieb, dass ich ihn mit der Schreibmaschine „angefixt“ hätte. Und nun freut es mich, ihn in der Rubrik „… schreibt auf einer…“ selbst zu Wort kommen zu lassen. Was ich nämlich nicht wusste: Für ihn bedeutet die Schreibmaschine eine Rückkehr zu den Wurzeln. (Dabei hätte ich angenommen, dass der 1982 geborene Filmemacher doch viel eher bereits mit dem Computer aufgewachsen wäre.)

PS: Übrigens versucht NÖT aktuell mit „Birne, Schädel & Haupt“ eine Web-Trickfilmserie auf die Beine zu stellen. Dafür soll über Crowdfunding ein Budget auf die Beine gestellt werden – hier geht es zur Kampagne.

Angespornt von dem werten Betreiber dieses Blogs habe ich seit vergangenem Sommer wieder begonnen, auf der Schreibmaschine zu tippen. Und zwar auf einer kleinen Olympia Traveller de Luxe aus den 70er Jahren, die ich aus einem verstaubten Regal meiner Eltern wieder reaktivierte. Es war ein wunderbares Wiedersehen. Dazu muss ich aber sagen, dass meine Familie eine etwas längere Schreibmaschinen-Tradition hat.

Ich bin nämlich in einem extremen Low-Tech-Haushalt groß geworden. Meine ersten getippten Arbeiten für die Schule habe ich also auf eben dieser Olympia geschrieben. Danach kam dann die erste elektrische Schreibmaschine. Eine riesige rote IBM-Kugelkopfschreibmaschine, ebenfalls aus den 70er-Jahren. Ich glaube, sie kommt in einer Columbo-Folge vor, wo Columbos Assistent ihm das technische Wunderwerk mit den Worten “Wollen Sie mal was Modernes sehen?” vorstellt. Man konnte sie übrigens fast nur zu zweit tragen, und wenn man sie ansteckte, flogen des Öfteren die Sicherungen raus. Wieder einige Jahre später bekam ich dann meine erste eigene hochmoderne Schreibmaschine zum Geburtstag geschenkt. Ich glaube, es war eine Canon Typestar 110. Praktisch schon ein kleiner Computer. Mit speicherbaren Zeilen und sogar ganzen Texten und perfekter Korrekturfunktion. Und man konnte sie sogar alleine tragen und die Sicherungen flogen auch nicht mehr so oft raus.

Noch ein paar Jahre später, kurz vor der Matura, hielt dann der erste richtige Computer Einzug in den elterlichen Haushalt. Ein Rechner der Firma “digital” aus dem Jahr 1982 (gleich alt wie ich) auf dessen „farbenreichem“ hell-orangenen und dunkel-orangenen Bildschirm man im Prinzip aber nicht wirklich sinnvoll schreiben konnte. Vor allem sahen die Ausdrucke am ebenfalls Sicherungs-gefährdenden Nadeldrucker nicht einmal annähernd so schön wie die der Schreibmaschine aus. Dafür konnte man aber sehr gut das einzige Spiel, das es darauf gab, spielen: “Wörmie” (eine Art norwegisches “Snake” oder so).

© Benjamin Swiczinsky

© Benjamin Swiczinsky

Erst mit meinem Auszug aus dem Elternhaus nach der Matura und meinem wachsenden Film- und Animationsinteresse schloss ich dann Computer-technisch relativ schnell auf und hatte dann bald und bis heute relativ zeitgemäße Rechner. Um ehrlich zu sein, sogar etwas zu viele Rechner. Arbeitsbedingt habe ich mittlerweile eigentlich rund um die Uhr mit digitaler Technik zu tun. Ich schreibe, zeichne, animiere, recherchiere und kommuniziere über den Rechner. Gerade beim Schreiben, einer sehr direkten schöpferischen Tätigkeit, bemerkte ich schon des Öfteren, dass es mir schwer fällt, hier direkt vorm Rechner kreativ zu sein. Vermutlich, weil es hier zu viel technische Möglichkeiten und vor allem zu viele ablenkende Faktoren (Stichwort: Internet) gibt. Also zu viel Inspiration.

Deshalb beschloss ich für mein nächstes größeres Drehbuch-Projekt, mich mit meiner allerersten Schreibmaschine – der geliebten Olympia, die ich seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hatte – in eine komplett Internet-lose Hütte im hintersten Teil des Ennstales alleine zurückzuziehen, um dort meiner “schöpferischen Tätigkeit” nachzugehen.

Mein Hauptanliegen war dabei einmal möglichst linear zu arbeiten. In Zeiten, in denen man fast immer und überall gewohnt ist zu “copy-pasten”, spürte ich das Verlangen, einmal wieder eine Geschichte von vorne nach hinten geradlinig durchzuschreiben. Wobei mir dabei klar war, dass das erste Endresultat dazu keine finale Geschichte sein würde und ich mich irgendwann zwecks “Endverarbeitung” fürs finale Buch wieder zurück an den Computer setzen musste.

Eben wie diese bewusste Nachbereitung war mir auch klar, dass es für meinen Schreibmaschinen-Versuch auch eine entsprechende Vorbereitung geben musste. Im Prinzip eine Art Fahrplan, den ich mir mithilfe von einzelnen Karteikärtchen erstellte. Darauf standen die wichtigsten Eckpfeiler meiner Geschichte. Auf der Schreibmaschine bin ich dann vergleichsweise frei meine Geschichte entlang gefahren, wobei mir die Karteikärtchen wie Autobahn-Ausfahrtsschilder dienten, um in der generell richtigen Richtung zu bleiben.

© Benjamin Swiczinsky

© Benjamin Swiczinsky

Als ich mit meiner „Autobahnreise“ auf der Schreibmaschine von vorne bis hinten durch war, begann ich dann das schnell Getippte zu analysieren. Ich notierte mir auf einem karierten Papier pro Zeile eine Drehbuchseite und notierte mir dann darauf grob die wichtigsten Dinge. Also zum Beispiel Wendepunkte, Auftritt neuer Charaktere, Ortswechsel. Als ich damit durch war, bekam ich einen ganz guten Überblick, wo es Unregelmäßigkeiten oder Längen in der Struktur der Geschichte gab. So war zum Beispiel der erste Akt viel zu lang und der dritte Akt verhältnismäßig zu kurz. Danach machte ich auf dem Papier grobe Korrekturvorschläge, wie man die Geschichte mehr in Balance bringen könnte. Weiters machte ich mir noch Notizen, was mir sonst an der Geschichte noch nicht gefiel… was sehr sehr viel war.

Nachdem ich mit meinem Selbst-Feedback durch war, setzte ich mich wieder an die gute alte Olympia und arbeitete die ganzen Korrekturen ein, was mindestens so lange dauerte wie das Schreiben des eigentlichen Drehbuchs.

Nachdem ich mit all dem durch war, wagte ich das erste Mal, zwei Kopien des frühen Drehbuchs an zwei enge Vertraute (einmal weiblich, einmal männlich) zum Durchlesen auszuhändigen. Allerdings wies ich dabei öfters darauf hin, dass es sich dabei noch um eine grobe Arbeitsversion handelt, da mir bewusst war, dass es ein ordentlich gewaschenes Feedback von beiden Seiten geben würde. Und einige Tage später gab es auch genau das. Sehr ausführliches Feedback von beiden Seiten, was meine Vermutung bestätigte, dass die Story noch bei weitem nicht filmtauglich ist. Allerdings brachte mich das Feedback einen riesigen Schritt voran und half mir auch Aspekte zu betrachten, die ich im Moment noch gar nicht so auf dem Schirm hatte.

Das ganze Feedback baute ich dann wieder ins Treatment ein, das ich jetzt am Computer schrieb, da ich diesmal auch vieles mit Recherchematerial gegencheckte und mit einarbeitete. Dieses Treatment verwendete ich dann für eine Einreichung bei der Filmdrehbuchförderung.

Und da stehe ich jetzt. Treatment und Filmidee sind bei der Filmförderung eingereicht und ich warte jetzt darauf, um zu erfahren, ob ich etwas finanzielle Unterstützung von dort bekomme, um das Buch zusammen mit einer befreundeten Autorin und Dramaturgin weiter auszuarbeiten.

Man darf also weiter gespannt bleiben…

Benjamin Swiczinsky

INFO: Neuer Österreichischer Trickfilm: www.neuer-trickfilm.at

„Faust“ – Teaser

Heldenkanzler

A Hologram For The King – Full Opening Sequence

„Birne, Schädel & Haupt“

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Über Die Schreibmaschinisten

Journalist, Indie-Film-Fan(atiker), Möchtegern-Autor und Schreibmaschinist
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