Die selbstschreibende Schreibmaschine

Seit einigen Jahren tauchen immer wieder Artikel (u.a. bei FAZ, Deutschlandfunk oder Golem.de) auf, dass Roboter oder Künstliche Intelligenz langsam Fuß im Journalismus fassen. Dass – wenn man sie mit den richtigen Daten füttert – sie eigenständig Sport- oder Finanznachrichten verfassen könnten, die kaum von menschlichen Autoren verfassten Texten zu unterscheiden sind. Roboterjournalismus nennt man das.

Als Agenturjournalist lacht man darüber – und hat doch ein etwas flaues Gefühl im Magen. Der Medienbranche geht es generell nicht gut, eine gewisse Gratis-Mentalität im Internet macht den Printmedien auch so schon schwer zu schaffen. Und nun droht der Job auch noch von einem Computer übernommen zu werden. Aber warum nicht? Nach Banken und Versicherungen kommt die Automatisierung nun auch im Journalismus an. Und dem Großteil der Leser ist qualität- bzw. lustvolles Lesen egal (siehe Erfolg der Gratiszeitungen).

Insofern beschreitet Mercedes Benz Research and Development Center of North America, eine US-Tochter des deutschen Autoherstellers, mit einem aktuellen Projekt keine neuen Wege. Allerdings ist die Art, wie die Forschungseinrichtung das macht, doch sehr reizvoll – und auch das Ziel ein anderes. Merchedes Benz hat laut einem Artikel des Technikportals SlashGear eine K.I. (auch Artificial Intelligence/A.I.) und entsprechende Mechanik in eine Schreibmaschine eingebaut.

Dem Roboter wurde befohlen, einen Text Buchstabe für Buchstabe aufzubauen. Dann wurde er mit Werken der Gebrüder Grimm gefüttert. Die K.I. weiß nun, dass sie immer weiter schreiben soll. Und wenn der menschliche Benutzer aufhört zu tippen, hat die K.I. den Text längst analysiert und nimmt den Faden der Geschichte dort auf, wo der Benutzer aufgehört hat – und schreibt selbstständig weiter. Wobei der Computer dann natürlich nicht die Geschichte des menschlichen Benutzers schreibt, sondern eine eigene.

Der Sinn dahinter besteht aber nicht darin, den Büchermarkt zu revolutionieren, sondern die K.I. weiterzuentwickeln. Die Erfahrungen aus der Konstruktion und der Programmierung der Schreibmaschine sind laut SlashGear für den Bau von selbstfahrenden Autos interessant. In naher automobiler Zukunft soll die Software Fußgänger und den teilweise unberechenbaren Verkehr rund um das Auto überwachen. Auch andere potentielle Gefahren wie wechselnde Wetterbedingungen soll sie erkennen und den Fahrstil entsprechend adaptieren – das alles in Echtzeit und nicht erst mit langen Berechnungszeiten.

Insofern… noch einmal Glück gehabt.

Rodja

PS.: Natürlich würde mich jetzt sehr interessieren, was für eine Schreibmaschine Mercedes Benz da umgebaut hat. Es dürfte allerdings keine Mercedes Schreibmaschine sein. Und warum man sie „Jericho Crane“ benamst hat – Arnold Schwarzeneggers Rolle als Satan-Bekämpfer in „End of Days“?

INFO: www.slashgear.com/mercedes-self-typing-ai-typewriter-harry-potter-magic-14467500/

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Über Die Schreibmaschinisten

Journalist, Indie-Film-Fan(atiker), Möchtegern-Autor und Schreibmaschinist
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