Tristan schreibt auf einer Wanderer Continental

Tristan Fiedler ist ein deutscher Autor und Drehbuchschreiber. Im Rahmen der „Dollar Babies“-Aktion von Stephen King konnte er z.B. für den Filmemacher Michael Wolf die Geschichte „Nona“ des US-Horrorautors für einen Kurzfilm adaptieren. (Exkurs „Dollar Babies“: King stellt Filmstudenten seine Kurzgeschichten für eine nicht-kommerzielle Verfilmung zur Verfügung – und das für einen Dollar und so lange er im Besitz der Rechte ist.) Der gleichnamige Kurzfilm befindet sich gerade in der Festivalauswertung.

Obwohl Tristan Fiedler moderner Technik nicht abgeneigt ist – seinen ersten Roman „Das Dunkle Bild“ veröffentlichte er als E-Book – liebt er es, auf der Schreibmaschine zu tippen.

Schreiben ist harte Arbeit. Das vergisst man manchmal. Beim Schreiben auf dem Computer fühlt sich das gar nicht so sehr danach an. Kaum hat man sich eine Formulierung überlegt, schon steht sie da. Der blinkende Cursor wartet ungeduldig auf die nächste. Schreibt man per Hand oder mit der Schreibmaschine, sieht das schon ganz anders aus. Die Sätze huschen nicht so schnell auf das Papier, als gäbe es gar keinen Schreibprozess mehr, sondern nur ein „Direkt-auf-das-Papier-denken“. Und, vielleicht noch viel wichtiger: Die Sätze stehen tatsächlich auf Papier. Man kann sie nicht einfach markieren und wieder löschen, Satzteile umbauen oder rot unterstrichene Rechtschreibfehler einfach korrigieren. Schreiben bedeutet auf einmal: Nachdenken, was genau man da eigentlich schreiben will. Ist der Satz schon richtig formuliert? Ist es auch der richtige Satz an der richtigen Stelle?

Das Schreiben von Hand ist mir sehr wichtig, ich praktiziere es allerdings viel zu wenig – ich bin einfach zu faul. Die Schreibmaschine bringt für mich da irgendwie ein spielerisches Element hinein. Wie eine Modelleisenbahn. Das Ratschen des Papiers, wenn ich es hineindrehe, der Schlitten, der von rechts nach links wandert und wieder zurückfliegt. Und dann natürlich das „Pling“ des kleinen Glöckchens, wenn ich gewarnt werde: Gleich ist die Zeile zu Ende. All das macht das Schreiben auf meiner Schreibmaschine zu einem lebendigen Erlebnis.

© Tristan Fiedler

© Tristan Fiedler

Mein Modell habe ich auf der Auer Dult gekauft, einem Jahrmarkt, der dreimal im Jahr in München stattfindet – und eigentlich eher das Ziel älterer Herrschaften ist, die sich hier neben Gemälden, antikem Schmuck, kitschigen Porzellanengelchen oder Putzbürsten auf dem neuesten technischen Stand jede Menge antiquarischen Krimskrams kaufen können. Hier stand sie neben einem Stahlhelm aus dem Ersten Weltkrieg und sah aus, als sei sie die Waffe gewesen, die den Soldaten trotz Helm das Leben gekostet habe. Die Continental ist ein Modell aus den ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts und wiegt 25 Kilogramm. Ein wahres Monstrum. Schreiben ist hierauf wirklich Arbeit. Und bedeutet im wahrsten Sinne des Wortes: Nachdenken, was man schreiben will. Die Typenhebel müssen einen weiten Weg zum Papier zurücklegen. Deshalb müssen die Tasten tief hinuntergedrückt und mit sehr viel Entschlossenheit bedient werden. Das laute „Wumm! Wumm!“, mit dem die Buchstaben sich dann in das Papier hineingraben, macht einem deutlich: Diese Worte sind für die Ewigkeit. Wähle weise.

Zum Glück haben meine Schwiegereltern auf ihrem Schwabinger Dachboden noch eine Continental Reiseschreibmaschine gefunden. Sie ist wesentlich kleiner, leichter und das Schreiben fühlt sich nicht so sehr danach an, als meißele man Worte in eine Steintafel. So kann ich je nach Laune wechseln. Meine langen Texte schreibe ich allesamt auf dem Computer, wie zum Beispiel meinen letzten SP-Roman „Das Dunkle Bild“ (erhältlich z.B. auf Amazon). Doch kleinere Kurzgeschichten, die ich zur Übung schriebe, Briefe an Freunde, Merkzettel oder Etiketten für Einmachgläser werden bei mir allesamt auf der Schreibmaschine geschrieben. Und durch das Schreiben auf der Continental hat sich auch meine Herangehensweise an Texte auf dem PC geändert. Ich denke mehr über die Sätze nach. Denn fast schon erwarte ich, dass ich wieder das laute „Wumm! Wumm“ höre, wenn ich die Tastatur bediene.

© Tristan Fiedler

© Tristan Fiedler

Wer übrigens am PC schreibt und sich immer schon gefragt hat, weshalb die Tastatur nicht alphabetisch geordnet ist: Auch hier hat die Schreibmaschine ihren Einfluss. Denn die Reihenfolge der Buchstaben wurde bei der Schreibmaschine so gewählt, dass die am häufigsten verwendeten Buchstaben möglichst weit auseinander liegen. So sollte verhindert werden, dass die Typenhebel sich auf dem Weg zum Papier und wieder zurück ständig ineinander verhaken. Auch das Lösen der Hebel gehörte beim Schreiben dazu. Die Schreibmaschine mahnte einen sozusagen zur Besonnenheit, wenn man sich zu sehr in Ekstase schrieb. Denn man sollte sich daran erinnern: Schreiben ist nicht nur Spaß. Schreiben ist harte Arbeit.

Tristan Fiedler

INFO: https://twitter.com/tristanfiedler1

Nona – Trailer from Michael Wolf on Vimeo.

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Über Die Schreibmaschinisten

Journalist, Indie-Film-Fan(atiker), Möchtegern-Autor und Schreibmaschinist
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