Martin schreibt auf einer Olympia Splendid 33

Mein Name ist Martin Kellner. Ich habe eine Steuerberatungskanzlei in Köln. Meine Mitarbeiter und ich, wir sind ein richtig tolles Team. Bei uns wird viel gearbeitet und viel gelacht. Unsere Mandanten kommen zum großen Teil aus der Medienbranche oder aus künstlerischen Berufen. Wir sind für viele Menschen der erste Ansprechpartner in vielen Fragen. Und wir reden die Sprache unserer Mandanten. Das zeichnet uns aus. Wir lösen Probleme.

In unserer Kanzlei haben wir die allerneueste Technik im Einsatz; natürlich ist alles computerisiert und ganz viele Abläufe gibt es bei uns digital. Aber mir fehlt da etwas…

© Martin Kellner

In meinen Teenagerjahren hatte ich eine Olympia Monica. Ein ziemlich großes Teil, weiß, schwer, mit Riesenkoffer. Gott, habe ich das Ding geliebt. Darauf habe ich hunderte von Gedichten, Geschichten, sogar Theaterstücke geschrieben (hat nur nie jemand gelesen). Über die Tasten bin ich nur so geflogen. Ich habe ganze Reisen mit der Maschine unternommen. Ein Wort führte zum nächsten, Satz für Satz reihte sich aneinander und ich versank in Tiefseewelten, erkletterte das Dach der Welt und gelangte an den Rand von allem Bekannten – und noch einen Schritt weiter, und noch ein Wort weiter…

Irgendwann hat etwas gehakt, funktionierte nicht mehr richtig. Mein Vater wollte es reparieren, hat eine falsche Schraube gelöst und er hatte einen kleinen Haufen glänzender, unterschiedlich gebogener Drähte in der Hand. Das war das Ende der Olympia Monica. Nach einer schmerzlichen Entzugszeit ohne Maschine kam ich für wenig Geld, also Taschengeld-kompatibel, an eine elektrische Schreibmaschine. Es gab einen Korrekturspeicher von dreizehn Zeichen. Wahnsinn, zumindest für damals. Und das Schriftbild sah viel moderner aus, viel weniger Serifen. Wir sind viele Jahre unseren Weg gemeinsam gegangen. Aber richtig Freunde wurden wir nicht.

© Martin Kellner

Dann gab es für mich, als studierenden Germanisten und Historiker Zugriff auf den ersten tragbaren Koffer-Computer. Nochmals: Wahnsinn. Und das ging dann so weiter. Die Entwicklung des Berufs zog auch die Veränderung der benutzten Technik, von technischer Ausstattung nach sich. Ja, was hat sich denn wirklich verändert? Mittlerweile schreibt man ständig irgendwelche Texte in irgendwelchen digitalen Medien, man verändert sie, immer und immer wieder. Man druckt sie aus, Berge von Abfall entstehen, man versendet seine Nachrichten, die Belanglosigkeit greift um sich, alles versinkt in der Belanglosigkeit von digitalen Textnachrichten. Und die Finanzverwaltung will, dass wir das alles auch noch zehn Jahre speichern und aufbewahren. Ich kann nicht mehr.

Ich habe ziemlich lange versucht, herauszufinden, was mir fehlt. Das Schreibmaschinenschreibgefühl? Das Geklapper auf den Tasten? Ich habe es lange nicht herausgefunden. Mit unserem wirklich guten IT-Service im Büro habe ich einige Gespräche über gute Tastaturen geführt. Alles blieb aber unbestimmt, unbefriedigend. Durch einen Zufall, ja ich weiß, es gibt keine Zufälle, bin ich auf die Schreibmaschinisten gestoßen. Rodja im Urlaub auf Mallorca mit einer Hermes Baby. Was ist das denn: Hermes Baby? Ein paar Wochen hat es dann gedauert und ich wurde Besitzer einer Olympia Splendid 33. Warum habe ich nicht viel früher an diese Möglichkeit gedacht! Da sitze ich jetzt dran, das ist doch klar, und schreibe diesen Text… und denke nach.

© Martin Kellner

Etwas ist jetzt runder geworden, ist mir verständlich geworden. Buchstabe für Buchstabe wandert auf das Papier, unauslöschlich. Sätze formen sich, Stück für Stück. Die Beliebigkeit hat ein Ende bekommen. Mit dem Tippen arbeitet mein Gehirn irgendwie anders. Es formt. Sätze haben einen Anfang und bekommen ein Ende. Eine Geschichte erzählt sich mit dem Klappern der Tasten und der Typen auf dem Papier. Ohne Spuren nimmt man keinen Buchstaben vom Papier. Man muss schon die ganze Seite neu schreiben.

Natürlich: sich in der Öffentlichkeit hinzusetzen und auf Zuruf kleine Geschichten auf Postkarten zu schreiben, geht nicht mit dem Computer, das geht nicht mit Rechtschreibprüfung. Der Vorgang und das Ergebnis sind miteinander verwoben.

Die Splendid 33 fordert meine verweichlichten Finger und meinen Geist. Während ich hier am Tisch sitze, denke ich nach. In meinem Studium hatte ich die ältesten gedruckten Bücher, die im Besitz der Kölner Uni waren, in ehrfürchtigen Händen. Ich weiß, wie wichtig Schrift für die Entwicklung der Menschheit ist. Warum ist mir nicht früher aufgefallen, was durch die Digitalisierung verloren gegangen ist; warum ist mir nicht aufgefallen, welches Wunderwerk eine Schreibmaschine ist…

Jetzt muss ich ins Büro und arbeiten. Am Computer. Das ist in Ordnung. Ich komme ja wieder.

Martin Kellner

INFO: www.kellner-steuer.de

© Martin Kellner

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Über Die Schreibmaschinisten

Journalist, Indie-Film-Fan(atiker), Möchtegern-Autor und Schreibmaschinist
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