Keine Schicht ohne Kumpel – Reportage mit Bleistift

Die Arbeit des Journalisten hat sich sehr gewandelt. Am Computer sitzen, telefonierend, E-Mailend, teilweise auch mit Bildbearbeitungsprogrammen hantierend – ja, diesen Alltag kenne ich. Doch wenn man raus- und einer Geschichte nachgeht, dann hat man ein Problem. Denn den Laptop mitnehmen ist etwas unhandlich. Deswegen schwört der deutsche Journalist Thomas Kletschke auch auf B&B – auf Block und Bleistift. Back to basics halt…

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Verrenkte Glieder, Menschen mit Verätzungen. Blut. Eine Notärztin verteilt Karten. Knallhart. Drei Kategorien: liegen lassen (tot oder so gut wie), muss warten (leicht verletzt), hohe Priorität (sofort abtransportieren). Mit wenigen Rettern möglichst viele Leben erhalten. Feuerwehrleute und THW’ler (Anm.: Bundesanstalt Technisches Hilfswerk (THW)- Zivil- und Katastrophenschutzorganisation) karren schweres Gerät herbei. Ein mehr-achsiger Kranwagen ist zu sehen, ein Unimog mit Blaulicht. Höre einen Helikopter und Sirenen. Rettungshunde schlagen an – ein Verschütteter ist geortet, aber noch nicht geborgen.

„Kacke“, denke ich. „Getz‘ fängt et auch noch an zu schütten.“ Hilft nix, heute hab‘ ich Schicht hier draußen. Zum Glück mit Kumpel Bleistift und Kollegin Notizblock.

Glück auch für die Verletzten und Toten. Alles nur eine Katastrophenschutzübung. Nachgestellt wird ein MANV, Behörden-Sprech für Massenanfall von Verletzten. Echt ist der stundenlang strömende Regen – bin ebenso durchweicht wie der Block aus Papier.

Macht nix. Wenn ich nachher die Seiten vorsichtig trenne, lässt sich alles lesen, um die bestellten 120 Zeilen Reportage für den Lokalteil runter tippen zu können. Die formen sich eh im Kopf und nicht am PC. Den Tipp meines Redakteurs – „draußen nur mit Bleistift und Block“ – befolge ich immer noch.

Mehr als 15 Jahre später. Wenn ich heute unterwegs bin, arbeite ich oft wie damals. Auf manchen Terminen schießt du nebenbei noch Fotos. Oder bist ständig in Bewegung, musst im Laufen schreiben. Mancherorts gibt es kaum Platz oder ein leuchtendes Display, eine klappernde Tastatur würden bloß stören, etwa im Theatersaal oder bei der teilnehmenden Beobachtung inmitten einer Meute fröhlich pogender Punker. Auch beim Besuch des im Bau befindlichen Brenner-Basistunnels musste ich mir keine Sorgen um ein elektronisches Gerät machen, dass Unter Tage kollabiert. Hier, in diesem Lärm, bei Minus-Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit, musst du sowieso darauf achten, wo du hin trittst. Dicke Kabel, nahende Baustellenfahrzeuge, Arbeiter und Mineure, die sich etwas zurufen – ein Gemisch aus Italienisch, österreichischen Dialekten, Schweizer Mundarten oder Ruhrpott-Regiolekt. Mal ehrlich: Mit einem iPad oder so nimmt dich hier unten keiner für voll. Zu Recht.

Kumpel & Kollegin – © Thomas Kletschke

Zurück vom Termin, endlich zu Hause. In ein paar Stunden ist Abgabe, wie immer rast die Zeit. Rechner an, Zettel raus. Das Gekritzel – leider habe ich nie Kurzschrift gelernt, sondern eine eigene entwickelt – ist immer irgendwie zu decodieren. Was ich handschriftlich notiere, behalte ich übrigens sehr gut. Was ich in einen Rechner tippe, memoriere ich schlechter. Muss dann viel herunter scrollen. Zeitkiller.

In der Interaktion mit Menschen sind handschriftliche Notizen ebenfalls unschlagbar. Ein Block, kleiner als die Handfläche: auf den kritzele ich, während ich dem Gesprächspartner in die Augen schaue. Ist unauffällig. Hältst du dagegen jemandem einen Laptop unter die Nase, tippst in ein Smartphone, verfälscht das die Auge-in-Auge-Situation. Besonders, wenn das Gegenüber keine medienerfahrene Politikerin und kein durchtriebener PR-Profi irgendeiner Lobbygruppe ist, sondern der sprichwörtliche Mensch von der Straße. Mit B&B dagegen kommst du den Protagonisten deiner Story sehr nahe.

Papier und Bleistift sind obendrein günstige Arbeitsmittel. Sie stürzen nicht ab, bekommen keine Risse in ihren Touch-Flächen (bin Grobmotoriker, der die ihn umgebenden Objekte gerne mal „erdet“) und dürften nahezu überall auf der Welt verfügbar sein. Um einen Bleistift endgültig zu zerstören bedarf es großen Kraftaufwands. Einen Mini-Block steckst Du ins Jackett oder die Gesäßtasche. Außer ein paar Segelohren passiert da nix. Jeder hat zwar sein Päckchen zu tragen. Aber auch meine leichtesten Klapprechner wiegen gut 500 Gramm (ein 2009er Sony Vaio P mit 8″ Screen) oder 1 Kilo (Macbook 2016, 12″), hinzu kommen Kamera, Optiken, ein paar dicke Socken (wenn’s mal regnet beim Außentermin), eine Flasche Wasser oder eine Kanne Schwarzen Tee. Trag‘ dat mal drei bis acht Stunden mit dir herum.

Nutzt du dagegen einen fliegengewichtigen Block, kannst du die Notizen verwahren. So kannst du notfalls nachweisen, dass der Bürgermeister, die Geschäftsführerin oder wer auch immer das genau so und nicht anders gesagt hat. Die irgendwann anstehende Altpapier-Entsorgung solcher Zettel ist übrigens wesentlich datenschutzkonformer als das Löschen von (Cloud-) Dateien. Behaupte ich mal, ohne dass ich Jurist wäre.

© Thomas Kletschke

Welchen Bleistift? – Faber-Castell halte ich persönlich für überteuerten Mumpitz, den sich Menschen zu Weihnachten schenken, die schon einen hässlichen Montblanc-Füller auf dem Louis-Quatorze-Beistelltischchen liegen haben. Besitze zwar ein Set mit zwei Faber Castell-Stiften der etwas teureren Linie, wird mal um die 35 Euro gekostet haben, mit einem aufsteckbaren integrierten Anspitzer, hat aber praktisch nicht überzeugt. Die dunkelgrünen Modelle des nämlichen Herstellers sehen mir zu langweilig aus, nie genutzt. Die schwarz-gelb gestreiften von Staedtler schreien mich dagegen an: „Geh weg, ich bin ein Lehrer-Bleistift.“ Stabilo habe ich dann und wann lieb gewonnen, das Mauerblümchen unter den Bleistiften, das interessanter ist, als seine aufgemotzten Freunde.
Unschlagbar ist ein Druckbleistift. Die Mine lässt sich einfahren, ruiniert kein Sakko-Innenfutter und piekst nicht ins Sitzfleisch. Er lässt sich befestigen wie ein Kuli, läuft aber nie aus. Natürlich kannst du mit einem Kuli über Kopf schreiben, bei einem Parabelflug, oder im Orbit kreisend. Doch ein Druckbleistift lässt sich zumindest auf und unter der Erde auch über dem Kopf nutzen. Mein allerbester Kumpel kommt von Rotring. Liegt gut in der Hand, haptisch angenehm ist die geriffelte Fläche am Schaft-Ende. Silber- und anthrazitfarben lieferbar, jeweils matt. Meiner ist natürlich dunkel wie eine Staublunge. Befülle ihn mit 0,7 mm dünnen und mittel-harten Minen von Faber-Castell. Perfekt.

Erinnerungen an dies und das oder den und wen… © Thomas Kletschke

Zuhause habe ich eine Sammlung ungenutzter schwarzer und weißer Bleistifte. Sie werben für Steigenberger Hotels, für Kempinski, das Ritz Carlton oder den Diogenes Verlag. Ein knall-orangener Bleistift einer kleinen Design-Agentur ist der Stolz der Sammlung. Es sind Erinnerungen an Orte, Situationen, Personen. Ebenso wie die kleinen und uralten Bleistiftstummel, gespitzt, die ich nie wegschmeiße.

Schreiben mit Graphit-Ton-Gemisch; das ist Unter Tage malochen. Durch Stollen kriechen, das Material herausarbeiten, heraus schälen, heraus hauen. Erkennst an deinen Fingern, wenn du schwer geschuftet hast. Probier‘ es aus. Glück auf beim Schreiben!

Thomas Kletschke

Thomas Kletschke ist Redakteur beim Tech-Newsletter www.invidis.de und schreibt dort für B2B-Leser zu Screen-Technologien, Digitalisierung und verwandten Themen. Als freier Journalist schreibt und recherchiert er derzeit für Tageszeitungen, aktuell für die „Landshuter Zeitung“. Zuvor arbeitete er für verschiedene Magazine.

Privat mag er Retro-Tech – von Super 8 und Telex bis DAT – ebenso wie die Technologien von morgen und übermorgen. Privat liest er französische Post-Strukturalisten in fehlerhaften deutschen Übersetzungen und versucht Informatiker-Witze oder in esoterischen Programmiersprachen verfasste Hello-World-Programme nachzuvollziehen. Lieblings-Zahlungsmittel: Bar- und Verrechnungsscheck. Meist gehasste Innovationen der letzten 1.000 Jahre: Autokorrektur und Autofill-Funktionen. Ab und an trötet er via Mastodon. Bislang auf der To-do-Liste und noch nie praktiziert: Versenden eines Telegramms.

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Über Die Schreibmaschinisten

Journalist, Indie-Film-Fan(atiker), Möchtegern-Autor und Schreibmaschinist
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Eine Antwort zu Keine Schicht ohne Kumpel – Reportage mit Bleistift

  1. Schöner Artikel. Ja, Bleistift ist etwas schönes.

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