„Supersense“ sucht Typisten!

Eigentlich bin ich froh, dass das „Supersense“ in der Praterstraße 70, 1020 Wien, für mich nicht am Weg liegt. Ja, ich muss einen bewussten Umweg machen, um dort hin zu kommen. Und dafür bin ich sehr dankbar. Denn wenn es auf dem Weg von oder zur Arbeit liegen würde… dann würde ich mich wohl jeden Tag in den auf den ersten Blick gar nicht so untiefen Tiefen des Geschäfts verlieren.

Optisch gesehen ist es schon groß, aber nicht sehr verwinkelt. Man bekommt von außen einen raschen Überblick. Doch der Teufel steckt im Detail. Kaum ist man drinnen, entdeckt man so viele Sachen, die einen faszinieren. Vom massiven Messing-Bleistiftspitzer zu handgemachten Notizblöcken über Sofortbildkameras (sowohl Vintage als auch neu!!!) hin zu Schallplatten und einem Tonstudio, wo schon Stars wie Gregory Porter, Kandace Springs oder Die Fantastischen Vier Live-Sessions aufnahmen. Und neuerdings gibt es im „Supersense“ eben auch Schreibmaschinen.

Aber mal ehrlich… Welches Geschäft wäre prädestinierter, Schreibmaschinen zu verkaufen als das „Supersense“? Schließlich fand hier auch das 1. Wiener Type-In statt.

Vor einiger Zeit fielen mir bei einem Besuch im Geschäft auf, dass unter den Tischen geschätzt so an die 50 bis 70 portable Schreibmaschinen standen. Auf Nachfrage erfuhr ich, dass „Supersense“ für die Hotelkette 25hours ein Analog-Zimmer entwickelte. Ein Zimmer, in dem es unter anderem einen Schallplattenspieler gibt, einen Videorecorder, eine Sofortbildkamera und eben auch eine Schreibmaschine. Digital Detox – aber das nur in Maßen, denn das WLAN funktioniert noch immer, wenn man unbedingt am Laptop seine E-Mails checken muss. Im „The Royal Bavarian“ der Hotelgruppe haben sie es nicht bei dem einen Analog-Zimmer belassen. Wie der Lifestyle-Blog „Viennissima“ zu berichten weiß, gibt es neben der Rezeption in der Hotelhalle einen eigenen Platz, wo man auf Schreibmaschinen auf Hotelpapier einen Brief schreiben kann. Das Hotel übernimmt sogar die Portogebühr für den Versand!

Und nun bietet das „Supersense“ in seinem Geschäft in Wien Schreibmaschinen zum Verkauf an. Was ich so gesehen habe, rangieren die Preise zwischen rund 150,- und 250,- Euro. Gut, auf Willhaben gibt es Schreibmaschinen billiger, aber da kann man ungeschaut ziemlich ins Fettnäpfchen treten. Die mechanischen Schreibmaschinen im „Supersense“ kann man wenigstens austesten – und es stehen mehrere Modelle für den direkten Vergleich zur Verfügung. Beim ersten Testen waren einige sehr gefällige Modelle dabei, die auch optisch sehr schön erhalten sind. Zusätzlich gibt es noch ein neues Farbband (schwarz/rot), so dass man gleich los tippen kann.

© Eva Mühlbacher

Aber nicht nur, dass „Supersense“ Schreibmaschinen anbietet, nein, das Geschäft arbeitet auch an einem Service für Leute, die keine Schreibmaschine haben. Und hiermit komme ich nun auch wieder zurück zum Titel dieses Textes: „Supersense“ sucht Typisten!

Das „Supersense“ bietet bereits einige Transfer-Dienste an, die digitale Daten in etwas Analoges umwandeln. Sei es nun, dass digitale Fotos entwickelt werden, der Lieblingssong von mp3 auf Vinyl gepresst wird, oder kurze Filmsequenzen in ein Flipbook transferiert werden, das quasi wie ein Daumenkino funktioniert.

Und weil das „Supersense“ eben ein paar Schreibmaschinen übrig hat, sucht das Geschäft nun Typisten, die zugesandte Textdateien in die Schreibmaschine tippen. Zu diesem Zweck sucht „Supersense“ jemanden, der

– geübt ist im Tippen an der mechanischen Schreibmaschine
– fehlerfrei tippen kann
– weiß, wie man zu einem schönen Schriftbild kommt
– flexibel ist, um auf Projektauftragsbasis im „Supersense“ zu tippen.

Bewerbungen mit Schriftproben bitte an marlene(at)supersense.com schicken.

Ich möchte nur einmal vorwarnen. Falls jemand glaubt, dass das ein ganz leichter Studentenjob ist – und man eh als Student gewöhnt ist, ständig irgendwelche Arbeiten am Laptop zu schreiben… Wir reden hier von mechanischen Schreibmaschinen. Da sind erstens die Tastenbelegungen teilweise anders (nicht unbedingt die Buchstaben, aber bei den Zahlen kann schon mal die 1 und die Null fehlen – und die Semikola befinden sich auch teilweise woanders, als man vom Laptop gewohnt ist). Zweitens braucht man für die Tastatur auch kräftige, trainierte Finger. Wer auf einer Schreibmaschine tippt wie auf einer Laptop-Tastatur, der wird sehr schnell einen Krampf bekommen. Das nur mal als Vorabwarnung.

Das Jobangebot lässt mich auch ein bisschen schmunzeln. Erstens habe ich schon seit Jahrzehnten kein Stellenangebot mehr gesehen, in dem nach Schreibmaschinen-„Tippsen“ gesucht wurde. Zweitens: Wie ich Maschinschreiben in der Handelsschule so ab Mitte der 1980er lernte, sagte man mir noch, dass die Schreibmaschine nur für den schriftlichen Büroverkehr geeignet ist. Privates hingegen soll man jedoch lieber mit der Hand schreiben, weil eben viel persönlicher. Und heute? In Zeiten von E-Mail, Postings und Chats… da ist eben das maschingeschriebene Blatt doch viel persönlicher. (Wobei man da sicher auch einen Unterschied macht zwischen mechanisch maschingeschrieben und elektrisch/elektronisch maschingeschrieben).

Aber nicht nur für die Schreibmaschinen sucht man im „Supersense“ Typisten. (Wobei ich mich frage, ob Typist der richtige Ausdruck ist. Korrekt ist wahrscheinlich Drucksetzer, aber soweit ich das von der Technik her verstanden habe, muss man hier auch tippen.)

Im „Supersense“ kann man auch so richtig analog drucken lassen. Um künftig noch flexibler arbeiten zu können, wurden zwei historische Linotype-Setzmaschinen (Quadriga Modell 28, Gamma Modell 53 – beide von 1960) angeschafft. Nun werden Leute gesucht, die sich auf diesen Maschinen einschulen lassen, um dann von Zeit zu Zeit auf Projektbasis die Maschine zu bedienen. Wenn jemand schon Erfahrung damit hat, um so besser. (Man kann sie auch für eigene Projekte verwenden.) Auch hier melden sich Interessierte bitte an marlene(at)supersense.com.

Ehrlich gesagt, momentan überlege ich selbst gerade, ob ich mich für beide Jobs bewerbe.

Rodja

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Über Die Schreibmaschinisten

Journalist, Indie-Film-Fan(atiker), Möchtegern-Autor und Schreibmaschinist
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