Fanpost? Für mich?!?

Hui, da habe ich aber schön geschaut: Mein Blog hat aus heiterem Himmel Fanpost bekommen – und zwar von Claas Keller von der Hanseatischen Analogpost-Gesellschaft. Und der Brief ist ein richtiges kleines Kunstwerk. Da merkt man die Sorgfalt – so schön bekomme ich das wohl nicht hin.

Wie der Name „Analogpost-Gesellschaft“ vermuten lässt, ist über diese Gesellschaft kaum etwas im Netz zu finden. Aber ich habe eine Adresse – und da werde ich mich natürlich auch via Snail-Mail bedanken.

Rodja

PS: Ich bin gerade darauf gekommen, dass dies hier mein 200. Blog-Post ist.

©Rodja Pavlik

Sabrina schreibt auf einer Diplomat

Dem heutigen Gastbeitrag habe ich zwei wichtige Erkenntnisse zu verdanken. Erstens: Auch Wissenschafter können unter einer Schreibblockade leiden. Da muss ich tatsächlich sagen, dass mich das doch sehr überrascht hat. Hier beschreibt die Kärntner Filmwissenschafterin Sabrina Gärtner, wie sie dieses Problem dank einer sehr störrischen Schreibmaschine lösen konnte. Und hier die zweite Erkenntnis: Auch dank Widerstände kommt man ans Ziel – und manchmal sogar besser als gedacht.

© Sabrina Gärtner

Vor etwa zwei Jahren hatte mich eine garstige Schreibblockade fest im Griff. Stunden, Tage, nein: Wochen verbrachte ich damit, völlig unproduktiv auf ein leeres Word-Dokument zu starren. Wenn ich mich dann doch dazu überwinden konnte, einen Satz in die Tasten zu klopfen, hatte dieser selten lange Bestand. Hastiges, beinahe panisches Hämmern auf die Backspace-Taste machte jedem Wort, jedem Buchstaben nahezu augenblicklich wieder den Garaus. „Nicht gut genug. – Das ist doch kein anständiger Anfang. – Denk daran: Der erste Satz entscheidet über das Schicksal des Texts!“, murmelte ich vor mich hin und manövrierte mich damit in eine völlige Schreibstarre.

Weder die liebgemeinten Motivationssprüche aus meinem Umfeld („Schreib halt drauf los.“ – „Wie schwer soll das schon sein? Fang einfach an!“ – „Du kannst ja später alles überarbeiten.“) noch die zahllosen Schreibratgeber, die ich mir zu Gemüte geführt hatte, konnten mich auch nur ansatzweise aus meiner Lethargie reißen. Und während die Deadline des Grauens bedrohlich und unaufhaltsam näher rückte, begann ich mich langsam mit dem Gedanken anzufreunden, dass mein Schreibprojekt wohl beendet war, bevor es seinen Anfang gefunden hatte. In einem letzten verzweifelten Aufbegehren bekam ich völlig unverhofft einen Strohhalm zu fassen, der mein Schreiben von Grund auf verändern sollte. Oder anders gesagt: Auf einem Altstadt-Flohmarkt fiel mir eine muffige, staubige Uralt-Reiseschreibmaschine in die Hände.

© Sabrina Gärtner

„Eh nett“, kommentierte eine Freundin, als ich ihr voller Stolz via WhatsApp das erste Foto meiner Errungenschaft präsentierte. Mit ihrer unverhohlenen Skepsis stand sie längst nicht allein da: Während ich – beseelt von neuem Tatendrang – meine letzten Cent in einen unvernünftig großen Papiervorrat und ein passendes Ersatz-Farbband investierte, reagierte mein Umfeld recht verhalten: „Was willst du denn mit dem alten Ding?“ – „Irgendwie riecht die komisch.“ – „Hübsch ist anders, gell?“ – „Ist das dein Ernst? Du wirst dir beim Tippen die Finger brechen!“ Dass die ungebetenen Unkenrufe ihre Berechtigung haben würden, musste ich schon bei der ersten Inbetriebnahme erkennen, denn: Meine Diplomat war und ist in vielerlei Hinsicht eine echte Herausforderung.

© Sabrina Gärtner

Die „portable Kleinschreibmaschine“ stammt aus dem Hause Olympia, mein Modell dürfte etwa in den 1930er-Jahren auf den Markt gekommen sein und bringt stolze 5,1 Kilo auf die Waage. An heutigen Standards gemessen ist sie nur bedingt für den Transport geeignet – und will zudem partout nicht in meine Handtasche passen. Erschwerend kommt hinzu, dass sie sich auch in der Handhabung als äußerst unbequem zeigt, erfordert der Tastenanschlag doch ein wohldosiertes Maß an Kraft und Präzision. Drückt man die Tasten zu kräftig, stanzt man das ein oder andere Loch ins Papier. Schlägt man zu schwach an, muss man im Endergebnis fehlende Buchstaben beklagen. Tippt man jedoch zu hastig, verkeilen sich die Typenhebel. Auch beim Einspannen des Papiers empfiehlt sich Akkuratesse, bleibt die Kante doch gerne an den Farbbandklemmen am äußeren Geräterand hängen; zerrissenes Papier, noch bevor die erste Taste berührt wurde.

Die Kooperationsbereitschaft der Farbbandgabel ist indes von einer mysteriösen Tagesverfassung der Schreibmaschine abhängig und führt dazu, dass ich nie ein sauberes schwarzes Schriftbild erhalte, sondern sich immer ungewollte Rottöne einschleusen. Und selbst der Wagenrücklauf hat seine Tücken und will gefälligst (!) mit penibler Sorgfältigkeit und gleichbleibendem Druck betätigt werden – andernfalls drohen hässliche unregelmäßige Zeilenabstände.

© Sabrina Gärtner

Klingt alles nicht sehr einladend, oder? Meine Diplomat ist ein störrisches Biest mit unverschämten Allüren, wodurch der Schreibprozess zu einem physischen und psychischen Kraftakt mutiert. Und doch ist sie das Alpha und das Omega all meiner wissenschaftlichen Texte. Auf ihr tippe ich sowohl die ersten Rohentwürfe als auch die finalen Korrekturfahnen.

Das Ganze sieht dann so aus: Nachdem ich handschriftlich eine Grobstruktur in einen Collegeblock gekritzelt habe, nimmt ein peinlich-genau getaktetes Ritual seinen Anfang. Ich öffne meinen heißgeliebten Sekretär, hebe die Diplomat auf eine schwarze Filzunterlage, rücke meinen Drehhocker zurecht und nehme bedächtig Platz. Tief einatmen, ausatmen. Zwei Bögen Papier zur Hand nehmen, die Kanten bündig aneinanderlegen und sorgsam in die Maschine einspannen. Einatmen und ausatmen nicht vergessen. Behutsam rücke ich die Walze in die Ausgangsposition, lege die Finger an die Tasten… und los geht die wilde Fahrt. Mit Angela Lansbury in ihrer Rolle als J. B. Fletcher in „Murder, She Wrote“ (1984-1996) habe ich wenig gemein, eher fühle ich mich Jack Nicholson als Jack Torrance in „The Shining“ (1980, Stanley Kubrick) sehr nahe.

© Sabrina Gärtner

Kennt Ihr das Gefühl? Da glaubt man, einen großartigen Text geschrieben zu haben, geht erschöpft, aber zufrieden grinsend zu Bett und am nächsten Tag ist das Geschreibsel ein klarer Fall für den Papierkübel? Weil ich anfällig für die verpeilende Wirkung der „Schöpfungsendorphine“ bin, verschwindet meine Rohfassung zunächst immer einige Zeit in der Schublade. Erst wenn ich den nötigen Abstand gewonnen habe, überdenke und überarbeite ich den Text dann am Laptop.

Wenn ich schließlich weitgehend zufrieden bin – das kann ein wenig länger dauern und wirklich zufrieden bin ich nie! –, setze ich mich für die finale Korrekturfahne zurück an die Schreibmaschine. Im Anschluss wird der Rotstift gezückt und die maschinenbeschriebenen Seiten werden mit den nötigen Korrekturanmerkungen verunstaltet. Für den letzten Schliff und den abschließenden Versand an die Herausgeber/Verleger kehre ich erneut an den Laptop zurück.

© Sabrina Gärtner

Das liest sich mit fremden Augen wahrscheinlich eigenartig, umständlich und/oder lächerlich. Warum quält man sich freiwillig mit beschwerlichen, unangenehmen, Kräfte raubenden Stunden an einer alten Schreibmaschine – und das dann auch noch mehrfach? Wäre es nicht leichter und vor allem zeitsparender, alles von Anfang an in den Laptop zu tippen? Mit Sicherheit! Aber mir hilft der ritualisierte, strukturierte Ablauf, den ich rund um die Diplomat etabliert habe, beim Fokussieren. Ich schweife nicht so stark ab, verliere den Sukkus nicht aus den Augen, habe die Grundpfeiler meines Textes immer im Blick und verirre mich nicht hoffnungslos in gedanklichen Einbahnstraßen.

Der Diplomat verdanke ich außerdem – und das ist mir wohl das Wichtigste! – den Abschied vom vergeblichen Streben nach Perfektion. Ich verschwende keinen Gedanken daran, ob das Geschriebene denn gut genug sei, sondern verliere mich völlig im stetigen Rattern, Rumpeln und Klingeln des Geräts und bin doch hochkonzentriert. Mir ist dabei von Beginn an klar, dass der Text es in mehrerlei Hinsicht nicht fehlerfrei aus der Maschine schaffen wird. Und das verschafft mir eine ungemeine innere Erleichterung, die für mich den ungebrochenen Reiz des Ganzen ausmacht.

Sabrina

Sabrina Gärtner ist Filmwissenschafterin mit Fokus auf den Neuen österreichischen Film. Sie promovierte mit einer Arbeit zum Filmschaffen von Jessica Hausner („Hotel“, „Amour fou“, demnächst „Little Joe“) Ihre wissenschaftlichen Texte beschränken sich aber nicht ausschließlich auf österreichische Filme, generell ist sie sehr am Autor/inn/en-Kino interessiert und hat einen Faible für alle Facetten der Filmgeschichte. Hin und wieder schnuppert sich auch gerne mal ins Genre-Kino.