Field Writing Nr. 1 – Zugstrecke Bad Aussee – Attnang Puchheim

Im Dezember habe ich einen sehr inspirierenden Brief von Gerhard Richter aus Deutschland bekommen. Der Journalist nutzt die Schreibmaschine für Projekte wie „Die Galerie der verlorenen Heimat“ oder Field Writing. In seinem Schreiben forderte Gerhard mich auf, mit der Schreibmaschine nach draußen zu gehen – ich würde da einiges erleben.

Es ist nicht so, dass ich diesen Gedanken nicht eh schon gehabt hätte. Denn eine (Typewriter) Revolution findet im Offenen statt – und nicht im geheimen Kämmerlein, in das ich mich gerne verkrieche. Gerhards Brief gab mir nun den nötigen Fußtritt, um dieses Projekt in Angriff zu nehmen. Eine erste Gelegenheit bot sich, als ich meinen nach einer Krankheit wieder genesenen Sohn Benjamin mit dem Zug nach Bad Aussee zum Schikurs begleitete, nachdem Mama Christine und Tochter Nina schon vorgefahren waren. Mein erstes Field Writing Projekt startete dann auf der ersten Teilstrecke der Rückfahrt.

© Rodja Pavlik

Heast as net,
wia die Zeit vergeht? – Hubert von Goisern

Ist es ein Wunder, dass mir die Liedzeilen von Hubert von Goisern hier einfallen? Wohl nicht, denn ich fahre gerade mit dem Regionalexpress durch seine Heimat – von Bad Aussee nach Attnang Puchheim mit Stationen wie Obertraun Dachsteinhöhlen, Hallstatt und Bad Goisern, um nur einige zu nennen. Ich – und meine treue Reiseschreibmaschine Hermes Baby.

Es ist Anfang Februar und hier sollte eigentlich alles weiß sein. Es sind schließlich Semesterferien – und da sind nun mal Skikurse angesagt, verdammt noch mal. In Bad Aussee lag sogar Schnee, schwer und patzig. Er ist aber vom Regenwasser vollgesogen. Kaum ist man zwei Zugstationen entfernt, hat sich das Bild schon sehr stark verändert. Die Landschaft, die ich hier sehe, ist grün-braun, wobei der Braunton intensiver ist. Die Wiesen stehen teilweise unter Wasser. Es regnet, das Wetter ist milchig-grau, der Nebel hängt teilweise über den Bergkamm, teilweise wabert er auch im Tal. Das einzig Bunte hier sind die knalligen Weingummis, die ich mir am Automaten am Bahnhof in Bad Aussee gezogen habe.

© Rodja Pavlik

In Bad Aussee habe ich bereits von der Station aus den Fluss rauschen hören. Er führt viel Schmelzwasser, ist wild. Es ist – vermute ich mal – die Traun, die zum Hallstätter See führt, an dem wir gerade vorbei fahren. Ich sehe vier Schwäne draußen am Wasser. Viele Wiesen stehen unter Wasser. Es fehlt nicht viel, dann überschwemmt die Traun die Straße.

Im Hallstätter See gibt es einige grüne Stellen, so karibisch-grün. Das ist nicht als Hohn zu verstehen. Auch die reißende Traun ist grün, aber eher so matt wie Erbensuppe. Von den Bergen kommt viel Wasser, es sind richtige reißende Wasserfälle, die sich da ihren Weg ins Tal bahnen.

Die Ortschaften, an denen wir vorbei fahren, wirken verlassen. Bei dem Wetter will wohl keiner raus aus dem Haus. Ich finde die Stimmung aber nicht trostlos. Sie wirkt sogar beruhigend auf mich.

© Rodja Pavlik

Man sieht in den Ortschaften hier kaum Menschen, eigentlich nur bei den Bahnstationen. Und Autos sieht man fahren oder bei den Bahnübergängen stehen. Aber die Menschen darin fallen mir nicht auf. Geister-Autos? Autonom fahrende Fahrzeuge?

Jetzt kommen wir nach Bad Ischl, ich habe gerade mal eine 3/4 Stunde geschrieben. Oh, ja, gerade gehört – meine Schreibmaschine ist gerade aufgefallen. Aber nicht unangenehm. Da bin ich doch etwas erleichtert. Gerade kommt die Durchsage, dass wir auf den Gegenzug warten müssen und sich die Weiterfahrt um ca. zehn Minuten verschieben wird.

Gerade bin ich an einem Löwen vorbeigefahren. Zwar nur auf einem Spielplatz, aber doch ein unerwarteter Anblick hier in Bad Ischl.

© Rodja Pavlik

Ich habe die Schreibmaschine schon auf der Hinfahrt ausprobiert. Wie ich die Schreibmaschine auspackte, verdrehte mein Sohn nur die Augen. „Papa, du bist peinlich.“ Soll mir recht sein. Mein Sohn wird mir sicher noch genug peinliche Situationen liefern, da kann man das hier als prophylaktische Revanche betrachten.

Als ich im Zug die Schreibmaschine auspackte, wurde ich natürlich nervös. Ich spürte so eine kleine Sensation – und einerseits mag ich das, andererseits auch nicht. Ich stehe nicht so gern im Mittelpunkt, andererseits liebe ich es aber, auf einer Theaterbühne zu spielen. Ist ein bisschen paradox.

Der „Empfang“ im Zug war aber sehr herzlich. Als ich so vor mich hintippte, kam ein Paar von ein paar Reihen vor uns nach hinten. „Tatsächlich. Habe ich doch richtig gehört… eine Schreibmaschine“, schmunzelte die Dame. Und hinter uns saß ein kleines Mädchen, das mich heimlich beobachtete. Als ich ihr anbot, auf der Schreibmaschine zu tippen, lehnte sie aber schüchtern ab. Aber ihre Mutter erklärte ihr, dass daheim noch irgendwo eine Schreibmaschine herumstehen müsse.

© Rodja Pavlik

Im Gegensatz zur Hinfahrt ist die Rückfahrt nicht ganz so herzlich. Ja, die Schreibmaschine erregt auch wieder Aufmerksamkeit. Diesmal jedoch von einer Gruppe Teenagerinnen, die ständig vor sich hinkichern und mich mit dem Smartphone filmen. Heimlich. Ich weiß nicht, wieso mir das ein bisschen aufstößt. Mir brummt der Schädel. Ich höre jetzt auf.

Ich machte auch einen Fehler, indem ich mich abkapselte und sie nicht weiter beachtete. Vielleicht hätte ich aber aus sie zugehen sollen, mit ihnen scherzen, mir die Aufnahmen anschauen sollen. Aber im Nachhinein weiß man es ja immer besser, oder?

Die ganze Situation war aber an sich interessant – und ein interessanter Aspekt kam dann noch zum Schluss. Als ich nämlich aufhörte zu tippen, höre ich mich noch eine Zeitlang weiter – als Echo. Nur halt vom Smartphone digital aufgenommen und elektronisch verzerrt wiedergegeben. Das… war ein interessantes Erlebnis.

Rodja

Was ich von dem ersten Field Writing mitnehme:

  • Zugreisen sind, anders als zuerst gedacht, nicht ganz so ideal fürs Field Writing. Die Landschaft huscht an einem vorbei, die Eindrücke sind flüchtig und entziehen sich einer näheren Analyse. Ständig hat man das Gefühl, dass man etwas versäumt, ist gehetzt. Vielleicht nicht ganz so ideal für Field Writing-Anfänger.
  • Statt sich rein aufs Tippen zu konzentrieren, habe ich auch Fotos geschossen. Bin mir noch nicht sicher, ob das im Sinne von Field Writing ist. Vielleicht sollte ich mehr dem Text vertrauen und ihn wirken lassen. Ich persönlich denke, dass beim Fieldwriting Fotos schon okay sind, aber ich kann nicht nur Fotos schießen. Ich komme mit dem Schreiben nicht nach.
  • Einerseits versucht man, ständig konzentriert zu sein, andererseits wird die Konzentration oft auch durch vorbeigehende Passagiere gestört. Aber das liegt nun mal in der Natur einer Zugreise. Deal with it.
  • Die ständige Konzentration und die schummrigen Lichtverhältnisse sorgen nach einer Zeit für Kopfweh. Man ist regelrecht erleichtert, wenn man beschließt, dass es genug ist.