Field Writing Nr. 2: Mit dem Campinghocker im Paradies

Diesmal fahre ich nicht mit dem Zug. Diesmal verschlägt es mich bequemer- und versuchsweise sowie Corona-bedingt sogar sehr, sehr nah von meinem Daheim.

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© Rodja Pavlik

Die Zugreise mit der Schreibmaschine liegt schon so lange zurück, dass ich mich kaum noch daran erinnern kann. Nur soviel: Ich saß noch ohne Mund-Nase-Schutzmaske im Zug. Seither ist viel geschehen. Ein Virus zwang uns zu Homeoffice, Homeschooling und Zoom-Konferenzen (ein digitaler Overkill) – und sorgte auch dafür, dass wir unsere Gegend näher erkundeten. Wir haben das Glück, in einer grünen Umgebung am Stadtrand zu leben, so dass wir während des Corona-Lockdowns doch immer wieder raus konnten, ohne Menschen zu begegnen. Und so konnten meine Kids und ich das Paradies für uns entdecken. Obwohl es nur ein paar hundert Meter von meinem Wohnblock entfernt ist, liegt es sehr versteckt. So versteckt, dass ich beim ersten Mal am Eingang – der direkt an der Hüttelbergstraße liegt – sogar vorbeigegangen bin. Und selbst beim zweiten Mal hatte ich kurz das Gefühl, dass ich wieder daran vorbeilaufen würde.

Das Paradies heißt wirklich so. Das etwa 7,5 Hektar große Erholungsgebiet befindet sich auf dem Areal des ehemaligen Kinderfreunde-Heims „Paradies“. Ich weiß nicht viel davon, aber es ist schon lange weg. Davor war es ein Steinbruch. Irgendwann in der Mitte der 2000er-Jahre sollte hier ein großes Kunstmuseumprojekt verwirklicht werden – aber das soll eine sogenannte „Linke“, ein großer Betrug gewesen sein. Das in das Projekt gepumpte Geld soll futsch sein.

Auf jeden Fall blieb das Gelände 20 Jahre lang gesperrt, bis es im September 2010 eben als Erholungsgebiet für die Wiener wieder geöffnet wurde. Das Paradies liegt im Schutzgebiet Wald- und Wiesengürtel und ist Teil des Landschaftsschutzgebietes Penzing sowie des Biosphärenparks Wienerwald. Obwohl es einen großen Spielplatz (der aufgrund Corona natürlich gesperrt war) und eine steile Wiese (ideal fürs Rodeln, allerdings konnten wir das aufgrund Schneemangels noch nicht wirklich testen) hat, gibt es auch viel Wald und viele steile, felsige Bereiche, die man erklettern kann. Auf diesen geheimen Pfaden – die nicht sooo geheim sind – begegnet man kaum Menschen. Es war ein Riesenspaß, hier mit den Kids zu klettern. Und die Kids wollten danach auch immer mehr. Es war eine schöne Zeit, wenn sie sich auspowern konnten.

Ich throne nun oberhalb der Hüttelbergstraße. Heute arbeite ich „stationär“. Das Wetter ist sehr kühl und grau. Ich sitze auf eben auf einem dieser „Geheimwege“, den meine Kinder und ich während der Corona-Hardcore-Zeit entdeckt haben. Ich habe mir so einen Billingsdorfer-Campinghocker gekauft  – und meine Hermes Baby wackelt im Rhytmus meiner Anschläge auf meinen Knien. Habe ich schon gesagt, dass ich meine Hermes Baby liebe? Dieses Schreibgerät ist mir echt ans Herz gewachsen.

© Rodja Pavlik

Von meinem Standpunkt oberhalb der Hüttelbergstraße sieht man die Straße durch den Blätterwald kaum. Hören tut man sie aber sehr wohl. Ständig fahren Autos unten vorbei. Als wir hier während dem Lockdown waren, war nichts zu hören – weil eben auch niemand fuhr. Ich bilde mir ein, dass die Luft auch viel frischer roch.

Unter mir sind – ebenfalls außer Sicht – die Villa des Phantastischen Malers Ernst Fuchs und ein kleiner Gemeindebau. Ein sehr, sehr kleiner Gemeindebau. Soweit mich meine Informationen nicht trügen, ist der Gemeindebau in der Hüttelbergstraße 26a mit drei Wohneinheiten der kleinste Gemeindebau von Wien! Allerdings habe ich nicht das Gefühl, dass dort jemand wohnt – so verfallen, wie der aussieht. In diese Richtung werde ich aber noch recherchieren, weil um den Bau tut es mir irgendwie leid. Ich nehme an, dass er unter Denkmalschutz steht. Das macht eine Renovierung natürlich noch teurer, wenn nicht sogar unmöglich. Da lässt man das Ding anscheinend lieber verfallen, bis es nicht mehr zu retten ist.

Das Paradies ist ein Naturjuwel vor der Haustür. Zur Hüttelbergstraße ist es mit einem Zaun recht gut abgegrenzt. Nach oben und zum Wienerwald ist es aber recht offen. Hier gibt es unzählige Tierarten und Insekten. Spechte, Hirschkäfer und Falken habe ich schon gesehen. Meine Kinder haben hier sogar schon Rehe gesehen. Und Füchse und Wildschweine wird es hier wohl auch geben. Sogar Spuren von Idioten sind hier zu finden, wie man meinem Arbeitsplatz ersehen kann.

© Rodja Pavlik

Auf dem Hügel gegenüber sehe ich mehrere Einfamilienhäuser. Ich würde gerne dort wohnen, so ein Haus mit Garten, das wäre schon fast Feines. Nur spiele ich finanziell nicht in dieser Liga.

Ich sehe, dass ein Haus abgetragen wird. Ein anderes scheint eine Brandruine zu sein. Irgendwie scheint das dem weißen Sonnenschirm da oben am Balkon des letzten Stockwerkes nichts auszumachen. Einen gewissen Humor mag ich dem Bild nicht absprechen.

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© Rodja Pavlik

Das Wetter ist jetzt wesentlich kühler geworden. Es könnte bald anfangen zu regnen. Wieder einmal. Als ob es die letzte Woche nicht eh schon genug geregnet hätte. Andererseits ist mir das nicht so unrecht. Die Sommer, also die richtig heißen Sommer in Wien, sind für mich unerträglich geworden.

Das hier heute ist nur ein kurzer Fieldwriting Versuch. Eigentlich wollte ich nur wissen, wie das Schreiben mit dem Campinghocker geht – und ich muss sagen, ich bin eigentlich recht begeistert. Das Ding, made in China, hat etwas um die sechs Euro gekostet. Da können auf jeden Fall noch einige Fieldwritings darauf stattfinden. Leider fetzt mir der Wind das Papier in der Schreibmaschine gerade umadum. Da muss ich mir noch etwas einfallen lassen.

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© Rodja Pavlik

Jetzt werde ich heim gehen. Und das nächste Mal werde ich ein Sackerl für all den Müll hier mitnehmen. Das ist etwas, das ich nie verstehen werde. Wenn man schon sich die Mühe macht, hier etwas zum Konsumieren mitzubringen… Warum kann man dann es nicht auch wieder mitnehmen und entsorgen?

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