Die DIY-Farbband-Umspulungsmaschine

Seit Jahren bin ich ein Fan von Vlogger Joe Van Cleave aus Albuquerque/New Mexico. Der Amerikaner ist Fotograf und Schreibmaschinen-Enthusiast. Neben seinem Blog betreibt er auf seinem Youtube-Channel unter anderem die „Typewriter Video Series“, für die er schon mehr als 240 Episoden produziert hat. Ehrlich, ich wusste nicht, dass man so viele Videos über das Thema Schreibmaschine machen kann.

Nun hat er vor kurzem ein Video über eine DIY-Farbband-Umspulungsmaschine veröffentlicht, das ich – mit seiner Erlaubnis – hier veröffentlichen kann.

© Joe Van Cleave

Für den normalen Gebrauch (sprich: alle heiligen Zeiten einmal ein normales Farbband umspulen) ist das Gerät wohl eher nicht gedacht. Vielleicht mehr für den professionellen Schreibmaschinenhändler, der mehrere Farbbänder auf einmal umspulen muss – oder von einer größeren Farbrolle mehrere kleinere Spulen bespulen möchte.

Dennoch finde ich das Gerät nachahmenswert. Eine nähere Beschreibung findet man auf Joes Blog. Die amerikanischen Maße mögen vielleicht irritieren, aber ich bin mir sicher, dass man auch mit Daumen x Pi eine ähnliche Maschine im metrischen Maß herstellen kann. Das Video hier wiederum zeigt auch noch die Anwendung einer Bohrmaschine fürs Spulen.

Rodja 

INFO: https://joevancleave.blogspot.com

Ralf schreibt auf einer daro Erika

Auf den Geschmack gebracht hat mich der Betreiber des Schreibmaschinisten-Blogs selbst. Als ich auf Instagram auf den Freewrite stieß, wurde ich neugierig. Nein, nicht dass ich in Versuchung gekommen wäre, für eine Tastatur mit e-Ink-Bildschirm und Speicher 650 Euro auszugeben. Aber ich wollte wissen, was das für ein Teil ist. Also Tante Google gefragt und auf dem Blog der Schreibmaschinisten gelandet. Die Euphorie über dieses Schreibgerät konnte mich auch hier nicht anstecken, aber ich habe mich mit einem anderen Virus infiziert: Der Bewunderung schöner, alter Schreibmaschinen. Lieber würde ich meinen Text auf einem solchen Gerät herunter hämmern wollen, als auf diesem abgespeckten Computer.

Erinnerungen wurden wach. Meine erste Schreibmaschine war eine giftgrüne (Privileg?-)Reiseschreibmaschine. Sie wurde bald abgelöst durch eine elektrische Schreibmaschine. Beide sind in dem Moment verschwunden, als der (zwei Monatsgehälter teure) PC auf meinem Schreibtisch Einzug hielt. Dessen Nachfolger, ein ESROM-Laptop, der es vom Gewicht her locker mit der elektrischen Schreibmaschine aufnehmen konnte, war wie sein Vorgänger ein Schreib-Werkzeug.

Um ins Internet zu gehen, musste man umständlich ein Modem in die Telefonbuchse stöpseln und anschließend viel Geduld mitbringen. Immerhin hielt einen das davon ab, „mal eben schnell“ ins Netz zu schauen, während man schrieb. Heute ist die Ablenkung allgegenwärtig. Hat man der Versuchung widerstanden, das am Vortag Geschriebene gleich wieder zu editieren oder gar zu löschen, sorgt der Klingelton einer eingehenden Mail umgehend und zuverlässig dafür, die Arbeit am Text zu unterbrechen. Ich komme mir manchmal vor wie der berühmte Pawlow’sche Hund. Warum also nicht mal ein Instrument ausprobieren, mit dem man ausschließlich reine Textverarbeitung betreiben kann? Nein, ich meine nicht dieses elektronische Gerät namens Freewrite, sondern seinen mechanischen Vor-Vorgänger.

Nachdem mich einige der Artikel der Schreibmaschinisten erst richtig heiß gemacht hatten, begann ich, auf dem bekannten Kleinanzeigenportal nach Schreibmaschinen zu suchen. Nur mal gucken, was man für so ein Teil heute anlegen muss.

© Ralf

Da ich nach der Wende in den ehemaligen Ostteil Deutschlands gezogen bin (eine andere Geschichte), bestand das regionale Angebot überwiegend aus Fabrikaten des Herstellers Robotron. Diesen volkseigenen Betrieb (der inzwischen lange abgewickelt ist) kannte ich bisher nur als Hersteller von Computertechnik. Aber egal. Also eine Robotron Cella. In edlem Schwarz, sowohl der Transportkoffer als auch die (Reise-)Schreibmaschine selbst. Wie neu blitzte sie mich auf den Verkaufsfotos an. Für kleines, für ganz kleines Geld: 20 Euro sollte das Prachtstück kosten. Also angefragt – und enttäuscht. Schon weg. Eh klar! Also weitersuchen.

Eine daro Erika (Anm.: daro steht für Datenverarbeitung, Automatisierung, Rationalisierung, Organisation) stach mir ins Auge, Hersteller Seidel & Naumann, später Robotron. Für einen ganz kleinen Taler – 10 Euro wurden aufgerufen. Und mit meiner Erika mache ich nun wieder meine ersten Versuche, wie früher im Zweifinger-Adler-Suchsystem. Der erste Text, der darauf entstand, war dieser Beitrag hier. Zur Strafe, dass er mich mit dem Virus angesteckt hat, wollte ich Rodja diesen Text als Typoskript zukommen lassen, aber ich habe es dann doch bei einem Foto und einer WORD-Datei belassen.

Spaß beiseite: Ich bin Rodja dankbar für die Arbeit, die er in seinen tollen Blog gesteckt hat und für die Inspiration aus den Artikeln.

Ralf

Rodja schreibt auf einer brother Electric 3600

Man sagt, seine erste Liebe vergisst man nie. Nun, Liebe war das zwischen mir und der brother Electric 3600 keine, mehr so eine Zweckgemeinschaft. Dennoch werde ich sie nie vergessen. Auf ihr habe ich nämlich ab Mitte der 1980er das Tippen gelernt – und zwar so richtig „blind“ das 10-Finger-System, das ich heute noch beherrsche. (Wenn ich so recht überlege, habe ich aus der damaligen kaufmännischen Schulbildung eigentlich nur meine Englisch-Kenntnisse und das Tippen in die Jetztzeit retten können.)

Wir hatten schon vor der brother Electric 3600 eine Schreibmaschine, so eine schwarze, mechanische Gusseiserne, die meine Mutter von ihrer amerikanischen Chefin, Mrs. Laura Hoelzinger, bekommen hat. Die hatte natürlich die amerikanische QWERTY-Tastatur – und somit keine Umlaute und kein ß. Trotzdem schrieb mein Vater auf ihr einige Kurzgeschichten für mich (siehe „Ein Fund, der zu Tränen rührt“).

Meine Mutter arbeitete bei Mrs. Hoelzinger als Haushälterin, doch irgendwann wollte sie es sich beruflich verbessern und belegte Kurse in Buchhaltung und Schreibmaschine. Und da wurde auch die brother Electric 3600 für daheim angeschafft. Das war vermutlich um 1982 rum – und die Maschine hat damals 2.300 Schilling (ca. 175,- Euro) gekostet. Das war damals in den 80ern wirklich viel Geld, eine richtige Investition also.

Dennoch wechselte meine Mutter nie ins Sekretariat. Das war vor allem eine Zeitfrage. Im Sekretariat hätte sie Vollzeit arbeiten müssen. Etwas, das mit einem Mann, der am Abend etwas Warmes auf dem Tisch haben wollte, und mit einem schulischen Sorgenkind (ich), das Aufsicht bei den Hausaufgaben am Nachmittag benötigte, nicht machbar war. Und so tippte manchmal mein Vater auf der elektrischen Schreibmaschine, aber sonst stand sie mehr in der Ecke herum.

Doch bald wurde sie aus dieser wieder hervorgeholt. Ich glaube, ich habe in der vierten Klasse Hauptschule als Freifach Schreibmaschine gehabt. Da schrieb ich aber eigentlich nur in der Schule, lernte also nie wirklich tippen. Dann kam ich in die Handelsakademie. Ein Schuljahr, das ziemlich katastrophal endete. Zwar lernte ich da schon etwas tippen und Stenografie, dennoch reichte es nur für einen Fleck in diesem Fach (und in vielen anderen). Danach ging ich in die dreijährige Handelsschule – und dort strengte ich mich so richtig an. Und ja, ich meisterte auch Stenografie und das 10-Finger-System.

In der Handelsschule tippte ich mehrere Jahre auf einer IBM Kugelkopfmaschine, später auch auf einer elektronischen Toptronic (von Hermes, wenn ich mich nicht irre) mit Zeilendisplay und -speicher. Und während ich im anschließenden Aufbaulehrgang zur Handelsakademie erstmals CTV (Computerunterstützte Textverarbeitung) hatte, tippte ich daheim auf der brother Electric 3600. Diese Schreibmaschine war durch viele Jahre meine treue Begleiterin – von den ersten Zeilen asdf asdf asdf bis hin zu Hausaufgaben, Referaten, Bewerbungen und den ersten Uni-Arbeiten (so 1994 herum – da wechselte ich aber rasch auf einen VideoWriter von Philips – hier ein Youtube-Video – mit einer Speicherdiskette. Das Ding hat mir mein Bruder damals geborgt.). Nur Liebesbriefe schrieb ich keine auf ihr.

Ready to hummmmmmmmmmmmm……

Und nun steht sie wieder vor mir – die brother Electric 3600. Orange-schwarz, made in Japan. Und mit einer Mission. Denn mein zehnjähriger Bub soll zwecks Medienkompetenz das 10-Finger-System erlernen. Dabei muss er jetzt schon Texte in Word tippen, abspeichern und versenden. Und wir sollen ihm das beibringen. Weil Lockdown und so.

Aus dem Grund habe ich nun die brother von meiner Mutter abgestaubt. Sie ist zwar ein Plastikbomber – und gerade die Abdeckung ist sehr dünn. Aber alles sitzt tadellos und man sieht auch keine Bruchstellen, wie das bei altem Plastik oft passiert.

Ich bin erstaunt, die Maschine ist in relativ gutem Zustand. Die Walze ist noch nicht einmal steinhart. Meine Mutter hat vor fünf Jahren das Farbband erneuert – und nach einem kurzen Einschreiben ist die Farbabgabe wieder perfekt. Aber ich sehe, welche Spuren der Gebrauch von Tipp-Ex und Korex-Blättern in den 1980ern hinterlassen hat. Grindig. Die Klingel, die das Zeilenende anzeigt, geht nicht. Aber das stört mich nicht so sehr

Es ist ein komisches Gefühl, die Maschine wieder anzuwerfen. Dieses Gerät hat mir immer einen Heidenrespekt eingeflößt, wenn es unter Strom stand. Wenn man die Hand an die Seitenwand legt, spürt man ein starkes Vibrieren. Und über allem liegt dieser Summton, so ein unheilvolles „Hummmmmmmmmmmm…“ (Hm, gibt es statt Summen auch Hummen?). Ähnlich den Transformatoren der elektrischen Eisenbahn, die mein Bruder als Kind hatte. Ich fühlte mich da immer unwohl – und auch jetzt ist das noch immer so.

Rodja goes electric!!

Verstärkt wird dieses ungute Gefühl auch noch durch ein gelegentliches „Aufbellen“ des Motors. Daran bin ich nicht ganz unschuldig. Als ich damals Stenografie und Schreibmaschine lernte, war mir oft fad im Schädel. Und da platzierte ich die Steno-Bleistifte immer in den Typenkorb und katapultierte sie mittels Tastenanschlags hinaus. Nur einmal ging es schief und der Blei landete über Umwege im Inneren der Schreibmaschine, wo er auch noch heute  sein Unwesen treibt, wenn er kurz in den Motor gerät.

Die Tastatur ist um Wesentliches leichtgängiger als bei meinen mechanischen Schreibmaschinen. Ein kurzer Druck; die Taste muss nur die Hälfte dessen und mit weniger Kraft niedergedrückt werden, als ich von meinen mechanischen her gewohnt bin. Die Typen fliegen so schnell, dass man sie nur schemenhaft sieht. Und dann auch noch dieses leicht futuristische Schriftbild (also für eine Schreibmaschine aus den 1980ern). Ein weiterer Vorteil der elektrischen Schreibmaschine: Neben dem leichtgängigen Tippen braucht man sich keine Sorgen machen, ob man zu schwach tippt – das Schriftbild ist immer gestochen und gleichmäßig scharf.

Wenn man mit dem Finger die Rückseite einer getippten Seite entlang fährt, spürt man ein leichtes Relief.

Nach einem Einschreiben

Die Tastatur hat auf jeden Fall schon sehr starke Ähnlichkeiten zu den damals aufkommenden Computerkeyboards – ob C64 oder die externen Keyboards der PCs der späten 1980er, frühen 1990er. Statt einem Zeilenschalthebel habe ich eine Power Return-Taste, für schnelles Vorwärtskommen in der Zeile den Repeat Spacer. Auch eine Rückwärts-Taste gibt es. Doch statt nur einem Schritt rückwärts pro Tastendruck (wie bei mechanischen) kann diese Schreibmaschine auch mehrere Schritte rückwärts gesetzt werden. Und das mit lautstarkem Rattern. Man merkt, dass da mechanische Kräfte am Werk sind.

Captain Power Return and the Repeat Spacers

Und erst heute merke ich, wie privilegiert ich damals war. Alle Schreibmaschinen, auf denen ich meine ersten Schritte machte, hatten die Ziffern 1 und 0 – einen Luxus, den die meisten meiner jetzigen mechanischen Schreibmaschinen nicht haben. Ich dachte lange Zeit, dass 1 und 0 eh die Norm wären, bis ich eben eines Besseren belehrt wurde.

So muss ich bei meinen mechanischen Schreibmaschinen oft eben das kleine „L“ als 1 und das große „o“ als 0 verwenden. Direkter Vergleich: 1 = l und O = 0. Am Computer bemerkt man natürlich den Unterschied, auf der Schreibmaschine gibt es zwar zwischen 1 und l einen kleinen Unterschied, zwischen 0 und O eher nicht. Aber beim Tippen ist es beim 10-Finger-System angenehmer, wenn die Zahlen alle in einer Reihe sind und ich bei manchen Ziffern nicht in Buchstaben umdenken muss.

1 ist nicht gleich l

Was ich erst jetzt wieder entdecke… die meisten Buchstaben geben auf Tastendruck nur einen Buchstaben ab – bis auf Bindestrich, Punkt und X. Wenn man diese Zeichen länger gedrückt hält, werden so lange diese Zeichen getippt, so lange man die Taste hält. Das macht auch Sinn, denn mit dem Bindestrich „–„ kann man durchstreichen bzw. bei Großschaltung unterstreichen, mit „xxxx“ kann man durch-xen. Und „…“ dienen als Platzhalter.

Ich weiß nicht, ob ich die brother Electric 3600 jetzt öfters benützen werde. Für ein flottes, gleichmäßiges Tippen ist die wirklich noch gut zu gebrauchen. Aber auf einer mechanischen Schreibmaschine zu tippen – das ist für mich viel befriedigender. Es hat einfach mit Liebe und Hingabe zu tun.

Ich hoffe, dass mein Sohn das 10-Finger-System damit erlernen kann. Jetzt brauche ich nur noch ein altes Schreibmaschinen-Lehrbuch.

Rodja

The End…?