Andreas schreibt auf einer Adler 7

Jede Dummheit findet einen, der sie begeht

Bisher fand ich Schreibmaschinen eher zum Sterben langweilig. Nie habe ich mir darüber Gedanken gemacht. Genauso wenig wie über Briefmarken. Briefmarkensammler fand ich sowieso immer irgendwie seltsam. Dass man aber auch Schreibmaschinen sammeln kann, erfuhr ich erst unlängst am eigenen Leib. Und das kam so:

Mitte des Jahres habe ich die kleine Kindergeschichte „Die Rückkehr der verlorenen Träume: Eine kleine Geschichte, nicht nur für kleine Ritter“ in Buchform über den Buchhandel veröffentlicht, so mit allem Drumherum, mit Verlag, Druckerei, Pressebericht und allem was dazu gehört. Und da ich eigentlich immer schon gerne geschrieben habe und auch im Internet mehr oder weniger anonym bereits mehrere Gedichte und kleinere Texte veröffentlicht habe, schimpfte ich mich, nach dem ich das erste, eigene Buch in den Händen hielt, stolz „Autor“. Und was gehört unbedingt zu einem richtigen Autor? Richtig, eine Schreibmaschine. Aber, dass eine Schreibmaschine unbedingt zu mir gehört, wusste ich eigentlich erst, als ich zufällig auf einer bekannten Internet-Auktionsplattform über eine aus den frühen 1930er Jahren stolperte. So etwas musste her, nur aus Jux und nur zur Dekoration und zum Angeben.

Zuvor wusste ich nicht einmal, dass es so etwas überhaupt noch gibt. Über diesen Fund war ich höchst erfreut und auch im Glauben, etwas höchst Seltenes entdeckt zu haben. Aber dem war nicht so, denn alte Schreibmaschinen gibt es noch wie Sand am Meer und so kam dann diese alte Mercedes Modell Nr. 6 zu mir aufs Sideboard. Aber sie tat nichts, außer gut aussehen, so ganz in Schwarz mit dem gewissen Etwas. Irgendwann dachte ich so bei mir, es wäre sicher toll, auf einer solch betagten Maschine zu schreiben. Und dieser Gedanke war bereits der Beginn einer Virusinfektion, die man nicht unterschätzen sollte. Langer Schwede, kurzer Finn, es kamen mehr und mehr funktionierende Schreibmaschinen hinzu.

Ich konnte alle wirklich für einen angebissenen Apfel und ein Ei im Internet erwerben, ok, manche kosteten zwei Äpfel und mehrere Eier, aber alles hielt sich im Rahmen. Die meisten waren Reiseschreibmaschinen im Koffer, aus den  50er/60er Jahren, die ich allein wegen der Optik ansprechend fand. Die Geschichten dahinter erforschte ich erst danach. Und dann fielen mir die Schreibmaschinen nur so zu, überall in meiner näheren Umgebung wurden welche angeboten, da konnte ich nicht „Nein“ sagen, zumal der Preis mir ein „Nein“ unmöglich machte. Nun hatte ich auch Schreibmaschinen von 1930 – 1940, die nicht nur toll aussahen, sondern auch tadellos funktionierten. Es sind keine spektakulären Maschinen, dafür gibt es weitaus wertvollere und seltenere, aber spektakulär müssen sie ja auch nicht sein.

Irgendwann vermittelte mir ein auf Facebook befreundeter Schreibmaschinist diese Adler 7, auf der ich gerade schreibe. Die Adler 7 war mir bereits ein Begriff, aber näher befasst hatte ich mich damit noch nicht. Sie wurde ihm angeboten, damit sie nicht beim Schrotthändler landet, aber er lehnte aus Platz- und Zeitgründen ab. Also schrieb ich der Besitzerin eine Mail, handelte einen Preis aus, nicht mehr als ein Menü bei McDonald’s für zwei Personen und bat sie, die Maschine gut zu verpacken, da sie ja versendet werden musste. Sie kam aus der Nähe von Bonn und ich wohne ihm Saarland. Ich schrieb, dass es schade um die Maschine wäre, wenn sie solange überlebt hätte und jetzt vom Paketdienst ein vorzeitiges Ende bereitet bekäme.

© Andreas Mattes

Dann kam es wie es kommen musste und die Vorbesitzerin brachte das Paket mit der Maschine zum Versandshop, wo das Paket dann, immerhin elf Kilogramm schwer, von der Angestellten vom Tresen unsanft auf den Boden befördert wurde, bevor der Zusteller es zu mir beförderte. All dies schrieb mir die Vorbesitzerin in einer Mail und hoffte, dass nichts kaputt ging. Gott sei Dank war dem auch so, die Maschine hatte Sturz und Transport unbeschadet überstanden.

© Andreas Mattes

Und da stand sie dann vor mir, eine der legendären Adler 7 von 1914, die alleine durch ihr schickes Aussehen, schwarz mit goldfarbenem, geschwungenem Schriftzug, beeindruckte. Leider funktionierte sie nicht auf Anhieb, aber mit einem stolzen Alter von einhundertsechs Jahren darf man auch mal ein Zipperlein haben. Da ich mich mittlerweile ein wenig in die Technik der Maschinen eingelesen hatte, war das Zipperlein auch schnell behoben und sie hätte funktioniert, wenn…. ich ein passendes Farbband gehabt hätte. Farbbänder dieser Maschinen haben nicht die 13mm Breite wie die meisten neueren Maschinen, sondern 25mm Breite. Dazu fand ich nichts Passendes im Internet, bis ich einen Tipp bekam, dass es Drucker gäbe, mit 25mm Farbband. Ich wurde dank Google gleich fündig und spulte das neue Farbband nach Erhalt auf die alten metallenen Farbbandspulen der Adler 7 um. Dass das bestellte Farbband 50m lang war, ich aber lediglich höchstens 10m bräuchte, war mir gleich, ich kürzte es auf die benötigte Länge. Also fädelte ich das neue Farbband auch in die Farbbandgabel ein und tat erst einmal nichts, außer ehrfürchtig vor der Maschine sitzen und sie zu bestaunen. Für all die Hebel und Rädchen dachte ich, benötigt man ja einen Maschinisten-Lehrgang.

Sie sah so ganz anders aus, als alles was ich bisher in und auf meinen Regalen hortete. Und auch die Anordnung der Buchstaben auf der Tastatur war anders. Die Adler 7 hat nur drei Tastenreihen, anstatt der gewohnten vier Reihen. Selbst einige Buchstaben sind anders angeordnet und nicht da, wo sie üblicher Weise zu finden sind. Das erschwert das Schreiben damit, weil man eigentlich mehr sucht, als tippt. Vielleicht kommt daher der Ausdruck „ADLER-Such-System“, wer weiß.

© Andreas Mattes

Und auch die Funktionsweise der Adler 7 ist anders, dort, wo sonst Typenhebel sitzen, hat sie Stoßstangen, die bei jedem Tastenanschlag pfeilgerade vorschnellen, wie die Zunge einer Schlange und ebenso schnell wieder zurückschnalzen. Und nimmt man den  schweren Verkleidungsdeckel mit dem goldenen Schriftzug ab, sieht sie aus wie ein Ungetüm aus grauer Vorzeit.

Einhundertsechs Jahre stehen da nun vor mir und ich überlege, wer damit wohl schon in all den Jahren geschrieben hat. Sicherlich auch den einen oder anderen Liebesbrief. Naja, aber wozu braucht man ein ¾ Zeichen oder ein ½ Zeichen oder  ein ¼ Zeichen in einem Liebesbrief? Entweder man liebt ganz oder gar nicht, aber nicht in Brüchen. Wie dem auch sei, ich liebe diese Maschine jetzt schon, obwohl sie mich zur Verzweiflung bringt, aber das tut meine Ehefrau ja auch und ich liebe sie.

Und dann fange ich an zu schreiben, erst zaghaft, dann kräftiger und sie funktioniert. Sie gibt mir tatsächlich Antwort, ich kann es auf dem Papier sehen. Die Maschine und ich müssen uns erst kennenlernen. Es ist ungewohnt, weil man ordentlich Druck auf die Tasten bringen muss, damit auch am anderen Ende der Stoßstangen auf dem Papier etwas zu sehen ist, aber es macht unheimlich Spaß, gerade weil sie irgendwie anders ist und herrliche Geräusche dabei macht. Für ein Großraumbüro mit mehreren solcher Maschinen ist sie ungeeignet, zumindest nach heutigen Maßstäben. Jeder Buchstabe eine Musik für sich.

© Andreas Mattes

Die verchromte Umschalttaste für Großbuchstaben und zugleich auch für Zahlen und Zeichen liegt außerhalb des Tastaturfeldes am linken unteren Rand der Maschine und gibt ihr unter anderem das  interessante Aussehen. Für all diese Funktionen wird nur eine Taste benötigt, die entweder nur nach unten gedrückt wird um groß zu schreiben, oder nach unten gedrückt und dabei seitlich weggeklappt wird, um Zeichen zu schreiben. Auch die Umlaute ä, ü und ö muss man sich selbst zusammenbasteln. Mit einer „Tot-Taste“, die den Wagenvorschub nicht auslöst, setzt man die Pünktchen über den gewünschten Buchstaben und macht so zum Beispiel aus einem a ein ä. Rechts an der Maschine befindet sich ein Knopf, den man drücken kann, vom Aussehen ähnelt er sehr dem Choke-Knopf meiner auch schon betagten Harley-Davidson. Jedoch dient er hier nicht um den Kaltstart zu verbessern, sondern wird betätigt, wenn das  liebliche „Pling“ der verchromten Glocke erklingt und man noch ein paar Buchstaben über den eingestellten Rand hinaus schreiben möchte.

© Andreas Mattes

Es ist, als wäre man immer ein Fahrzeug mit Automatikgetriebe gefahren und fährt jetzt plötzlich Schaltgetriebe. Man benötigt Zeit, um fehlerfrei mit ihr schreiben zu können, Zeit, die man sich sowieso nehmen sollte, wenn man mit einer Schreibmaschine schreibt. Denn Schreibmaschinen sind im wahrsten Sinne Zeitmaschinen, weil sie eben zum einen aus einer anderen Zeit stammen und uns zum anderen entschleunigen und den Blick aufs Wesentliche richten. Hierbei ist es egal ob sie einhundertsechs  Jahre alt sind oder nur dreißig. Es ist und bleibt etwas Besonderes. Und das Besondere sollten wir uns immer bewahren.

Andreas

INFO: Autoren-Site von Andreas Freiherr Mattes von Rothenstein auf Facebook: https://www.facebook.com/ScriptoriumPoetas

6 Gedanken zu „Andreas schreibt auf einer Adler 7

  1. Ich muss sagen, eine wirklich schöne Maschine, die ich gerne einmal ausprobieren möchte. Allerdings ist die Tastatur vom Layout der Buchstaben ziemlich gewöhnungsbedürftig. Das P statt in der dritten Zeile rechts hier in zweiten Zeile links vom A?!? Und die Umlaute kann man erst mit einer Tot-Stell-Taste tippen? Wow.

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    • Ich habe zwei Adler und beide sind unterschiedlich belegt auf der Tastatur, aber das mit den Umlauten hab ich auch auf der Olympia Splendid 66…

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      • Meine Splendid ist möglicherweise eine Einzelanfertigung, da sie eine mathematische Tastaur hat, also dort wo normal ä,ü und ö sitzen, sind mathematische Zeichen. Laut einer Fachfrau gibt es die Tastaur so nicht an der Splendid, darum vermutet man, daß es eine Einzelanfertigung nach Kundenwunsch ist für nen Lehrer oder ähnliches. Es wäre ungewöhnlich für eine Reiseschreibmaschine.

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  2. > Einhundertsechs Jahre stehen da nun vor mir und ich überlege, wer damit wohl schon in all den Jahren geschrieben hat. Sicherlich auch den einen oder anderen Liebesbrief. Naja, aber wozu braucht man ein ¾ Zeichen oder ein ½ Zeichen oder ein ¼ Zeichen in einem Liebesbrief? Entweder man liebt ganz oder gar nicht, aber nicht in Brüchen.

    Wie schön formuliert! Das wärmt mein Herz! 🙂

    Mich als ,,10-Finger-Schreiber“ treibt schon das Layout meiner Olympia Traveller de Luxe mitunter in den Wahnsinn (ich schreibe tagsüber sehr viel auf Computertastaturen), da wäre so eine Adler sicher nichts für mich. Trotzdem eine sehr schöne Maschine und wie toll, dass sie nach der langen Zeit noch funktioniert.

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    • Ohja, sie funktioniert…und wie sie funktioniert… die Adler ist ja nichts besonderes, man findet sie häufig, mehr oder weniger gut erhalten. Ich hatte Glück und musste sie nur ölen und bisserl putzen… dennoch sind 106 Jahre schon ne Nummer. Die Vorstellung wer daran schon geschrieben hat, fasziniert mich….und irgendwie sind diese alten Maschinen irgendwie…mystisch 😉

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