Erik schreibt auf einer IBM Selectric II

Hand auf’s Herz: Wie viele haben schon bei der Überschrift eine Schnappatmung bekommen? Kaum hängt an einer Maschine ein Stromkabel, so ist sie für viele Schreibmaschinen-Fans unattraktiv. Auch Richard Polt bricht in seinem „Typewriter Revolution“-Buch nur sehr bedingt eine Lanze für die elektrischen Maschinen. 

Im Prinzip kann ich es für elektronische Maschinen noch verstehen, auch wenn selbst diese Plastikbomber mit ihren Typenrädern ihre eigenen Fans haben. Alleine schon dieser seltsame Klang wenn das Rädchen gedreht wird und die Plastiktype auf das Papier trifft. Und trotzdem sind selbst diese Maschinen entschleunigender und die Schriftstücke brauchen mehr Hirnschmalz als bei irgendwelchen Computer-Pamphleten.  

Ich weiß, dass viele gerade diese wunderbare mechanische Eleganz der stromlosen Maschinen schätzen, aber wie sehr ist eine IBM Selectric erst ein Wunderwerk der mechanischen Technik? Eine Kugel, die gedreht und in vier verschiedenen Neigungswinkeln präzise das Papier erreichen muss? Filigraner kann Schreibmaschinentechnik fast nicht werden und nicht umsonst verzweifeln viele Hobbybastler an einer Selectric.  

© Eric Schlicksbier

Für mich erfüllt sie aber zwei ganz andere, elementare Zwecke. Zum einen bin ich ein absoluter Schriften-Fetischist. Schreibmaschinen mit der Pica-Schrift, egal wie selten ein Model sein mag, kann man mir nachwerfen und sie interessieren mich nicht. Abseits der Pica wird es spannend, was bei mir zunehmend zu einem Platzproblem führt. Bei einer IBM Selectric kann ich alle Schriften in einer Maschine haben — ich muss nur den Kugelkopf gegen den einer anderen Schrift austauschen, was auch wunderbar mitten im Text geht. So was eignet sich hervorragend um Zitate oder Zwischenüberschriften hervorzuheben oder Wörter durch kursive Auszeichnung hervorzuheben.

Apropos kursiv: Eine kursive Schrift ist noch immer mein Traum auf einer mechanischen Maschine. So was aber in einer haptisch vernünftigen Maschine in gutem Zustand und zu einem bezahlbaren Preis zu finden, gleicht fast einem Sechser im Lotto. Für die IBM kostet so eine Schrift in den geneigten Börsen nur ein paar Euro. 

© Eric Schlicksbier

 Nicht alles wurde von IBM perfekt designt. Die Schreibschrift fällt gerade in den Buchstaben „g“ und „f“ ganz deutlich im Vergleich zu den beiden RaRo-Schreibschriften (RAnsmeyer ROdrian Schriftengießerei) ab. Und bei dem „t“ der Dual Gothic fragt man sich endgültig, was die Designer da geritten haben mag. Angesichts der verfügbaren Schriften ist das aber Klagen auf hohem Niveau.

© Eric Schlicksbier

 Der andere Zweck, den sie für mich erfüllt, ist das schnelle Schreiben von Briefen. Ich muss zugeben, dass das eine sehr persönliche Problematik ist. Ich werde vielleicht nie verstehen können, wie Menschen es schaffen, auf einer mechanischen Maschine im 10-Finger-System brauchbar zu schreiben. Ich bekomme mit vielen Fingern nicht den notwendigen Druck hin, bzw. scheitere am richtigen Rhythmus so dass sich die Typen nicht ständig miteinander verhaken. Auch wenn ich auf einer mechanischen Maschine schnell zu schreiben vermag, so kommt es nicht im geringsten an meine Geschwindigkeit an einer IBM heran. Als zusätzlicher Bonus lassen sich Vertipper auch nahezu spurlos von dem Papier tilgen — egal, ob das Papier weiß ist oder nicht. 

© Eric Schlicksbier

 Neben den ganzen rationalen Gründen habe ich aber auch eine emotionale Bindung zu den Selectric Modellen, die mich vielleicht wohlwollender auf solch elektrischen Maschinen blicken lässt. Mein Vater war Chefarzt in einer Kinderklinik und fast immer wenn wir gemeinsam in der Stadt oder auf dem Markt unterwegs waren, wollte er „mal eben“ nach dem Rechten schauen oder hatte „nur kurz“ was zu erledigen. Nicht immer konnte ich bei den Visiten und Untersuchungen dabei sein und dann hat er mich immer in seinem Vorzimmer geparkt, wo ich die Selectric seiner Sekretärin für mich entdeckt hatte. Zwar kannte ich Schreibmaschinen von zu Hause, wo wir eine Olympia Color-Tip S, eine Olympia SF und eine elektrische Triumph Gabriele 5000 hatten, aber sie waren allesamt nicht vergleichbar mit der Magie und dem Klang eines rasenden und ratternden Kugelkopfes. Als die Leidenschaft für Schreibmaschinen wieder neu entfachte, war klar, dass irgendwann auch eine Selectric auf meinem Schreibtisch stehen musste.

© Eric Schlicksbier

Dieses Jahr habe ich mich dazu entschieden, Schreibmaschinen auch wieder beruflich zu nutzen. Als Fotograf und Podcaster muss ich immer wieder Konzepte und Texte erstellen. Ideen wollen gesammelt und ausgearbeitet werden. Allerdings bleibt die Selectric dafür ausgeschaltet und ich greife meist zu meiner Olympia SM3 mit der Congress Perl Elite Schrift (zu der vielleicht zu späterer Zeit mal mehr). Der Schreibfluss ist bei der Ausarbeitung solcher Konzepte ein völlig anderer. Längere Pausen des Nachdenkens sind nichts seltenes und in diesen Situationen bekommt das Grundsurren des Motors einer Selectric fast schon etwas Spöttisches: „Was? Du kommst schon wieder nicht weiter? Du musst schon wieder überlegen? Steckst Du fest?“. Eine mechanische Maschine wartet hingegen treu geduldig, bis die nächste Taste betätigt wird — egal, wie lange das dauern mag.

Erik

INFO: https://www.schlicksbier.com/

Andreas schreibt auf einer Mercedes Superba

Anm.: Als ich die Rubrik „… schreibt auf einer…“ kreierte, hoffte ich, anderen Leuten Lust auf die Schreibmaschine zu machen. Was ich jedoch nicht bedachte… Ich könnte mir selbst Appetit auf neue Schreibmaschinen holen. Autor Andreas Freiherr Mattes von Rothenstein, der freundlicherweise zum zweiten Mal einen Beitrag für diese Kategorie geschrieben hat, hat mich ja schon auf eine Adler „angespitzt“. Und auch beim vorliegenden Artikel denke ich: „Mann, ich muss die mal ausprobieren!“

Komischerweise denke ich das jetzt auch bei einer elektrischen IBM Selectric, von der mir ein anderer Bekannter so vorschwärmt (Du! Ja, DU!!! Du weißt genau, dass ich Dich meine!!!). All diesen wunderbaren Menschen möchte ich ein aufrichtiges „Danke! Und F.U.!!“ ausrichten. ;-D Doch nun zurück zum eigentlichen Artikel.

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Kurvenreich und doch geradlinig? Kann das sein?

Memo an mich selbst: Stöbere nicht so viel im Internet nach Schreibmaschinen. Andererseits wäre mir dann diese Schönheit entgangen. Sie ist für mich eine der schönsten Kleinschreibmaschinen, die ich bisher gesehen habe. Und sie sieht nicht nur elegant aus, sie schreibt auch so. Die Mercedes Superba. Ein genaues Baujahr konnte ich nicht festlegen, irgendwann um 1940 herum dürfte sie hergestellt worden sein. Bis 1954 wurde sie von den Mercedes-Büromaschinen-Werken in Zella/Mehlis gebaut. Als ich sie auf den Fotos vom Verkäufer sah, dachte ich: „Huch, was ist das denn?“ Solch eine geschlossene Schreibmaschine hatte ich noch nie gesehen.

© Andreas Mattes

Meistens liegt das Typensegment ja offen und man kann den Typen bei ihrem Auf und Ab zusehen, wenn sie ihre Abdrücke aufs Papier bringen. Aber hier ist alles geschlossen, beim Schreiben tauchen die Typen nur einen kurzen Moment auf und verschwinden dann wieder im Gehäuse. Scheinbar fühlte sich der ein oder andere Büromensch durch die Bewegung der Typen beim Schreiben irritiert und ein schlauer Ingenieur sorgte für Abhilfe, in dem er die Schreibmaschine mit einem geschlossenen Deckel versah. Unter dem Deckel ist ein Filzpolster angebracht, welches zusätzlich die Tippgeräusche dämpft, man sieht also keine „zappelnden“ Typen und hört auch recht wenig von ihnen, was das Schreiben für alle im Raum Anwesenden wesentlich erträglicher macht. Auf unsere beiden Hunde wirkt das rhythmische Geklackere sogar schlaffördernd, ihre Schnarchgeräusche sind auf jeden Fall lauter als die Schreibmaschine.

© Andreas Mattes

Als mir die Maschine angeliefert wurde, war sie im originalen Holzkoffer, in dem sie wohl die meiste Zeit ihres Daseins verbracht hatte. Eigentlich hatte sie keinerlei Staub angesetzt, der Lack war schwarz wie die schwärzeste Nacht, einzig das kleine Schildchen für die Farbbandauswahl war abgelöst. Dieses erinnert mich irgendwie an die Flagge Frankreichs. Ein paar Tropfen Kleber und es war wieder an seinem Platz, unter dem schwarzen, gewölbten Deckel. Einmal mit der Druckluftpistole vorsichtshalber die Schreibmaschine ausgeblasen, eine Grundreinigung der Tasten, dann ein paar Tropfen Öl und ein neues, zweifarbiges Farbband eingelegt und sie war schreibfertig.

© Andreas Mattes

Ich bin begeistert von ihrer Formschönheit, die so selten zu sehen ist, sie ist ein wahrer Augen- und Ohrenschmaus und es macht richtig, richtig Spaß auf ihr zu schreiben, denn sie lässt sich sehr weich „anschlagen“.

Für die Einstellung der Papierränder kippt man das Blech mit der goldenen Schrift „Mercedes“, an dem die ausklappbare Papierstütze befestigt ist nach vorne und gelangt so an die Randsteller, die ansonsten nicht zu sehen sind. Kommt man dann beim Schreiben an den Punkt wo es nicht mehr weitergeht, man aber mehr will, drückt man vorne, links oben über der Eins, einen gerändelten Knopf und kann dann bis zum Blattende weiterschreiben. Rechts außen am Gehäuse befindet sich ein ebenfalls gerändelter Drehknopf, mit dem man die Farbbandrollen umspulen kann, wenn eine Rolle während das Schreibens abgespult sein sollte.

© Andreas Mattes

Was sofort ins Auge springt, sind die roten Umschalttasten links und rechts an der Tastatur, die wunderbar aus dem glänzenden Schwarz hervorstechen. Aber nicht nur das Schreiben auf ihr macht Spaß, es ist auch eine Freude sie nur zu betrachten. Es soll tatsächlich Menschen geben, die finden Schreibmaschinen ästhetisch und der bloße Anblick einer solchen bringt die Augen zum Leuchten. Ich gehöre definitiv dazu.

Andreas

INFO: Autoren-Site von Andreas Freiherr Mattes von Rothenstein auf Facebook: https://www.facebook.com/ScriptoriumPoetas