Field Writing Nr. 3: La nouvelle Einfallslosigkeit

Mir ist klar, dass Wien wächst. In meinem Geburtsjahr 1971 hatte diese Stadt rund 1,6 Millionen Einwohner, Anfang 2022 waren es 1,9 Millionen. Und irgendwo müssen diese Leute ja auch wohnen. Es muss also gebaut werden – aber erstaunlicherweise kann man sich die neuen Wohnungen als Normalsterblicher auch nicht leisten.

Andererseits wird es in Wien auch immer heißer. Es bilden sich immer mehr Hotspots in der Stadt, wie auch die Stadtverwaltung anhand einer Hitzekarte selbst weiß. Als Gründe werden neben dem Klimawandel auch die städtische Verbauung mit Asphalt und Beton, die Wärme speichern, genannt. Man weiß also, warum sich die Hitze in der Stadt hält – aber das scheint niemand der Bauindustrie gesagt zu haben – oder es kümmert sie ganz einfach nicht.

© Rodja Pavlik

Seit einiger Zeit wohne ich im 14. Bezirk am Fuße des Satzbergs, in der Nähe gleich der Wienerwald. Gegenüber meinem alten Grätzl Ober Sankt Veit im 13. Bezirk gefühlsmäßig ein Abstieg – ich mag einfach den Vorort- bzw. Dorfcharakter, der teilweise in Ober Sankt Veit noch vorhanden ist (obwohl dort in letzter Zeit leider auch viel gebaut wurde).

Warum sind wir dann weggezogen? Na ja, es warat weng Wohnsituation… Die neue Wohnung auf Miete bietet jedem Kind ein Zimmer – das war das ausschlaggebende Argument. Aber so recht wohl wollte ich mich hier anfangs nicht fühlen. Doch dann kam Corona – und damit diverse Lockdown-Stadien. Und erst da lernte ich die Gegend hier so richtig zu schätzen. Ich konnte hier Luft schnappen, im Wald spazieren gehen, das Paradies oder den Satzberg erkunden – und das ohne vielen oder überhaupt Leuten zu begegnen. Und irgendwie fand ich dann doch Gefallen an der Gegend.

Doch kurz nachdem wir herzogen – so ungefähr ein Jahr später, bemerkte ich eine Veränderung am Satzberg. Auf einigen, manche mehr, manche weniger verfallen wirkenden Häusern und Zäunen hingen plötzlich Transparente, die von großartigen und exklusiven Brauprojekten verkündeten… Banken und Immobilienfirmen hatten hier zugeschlagen. Das verhieß nichts Gutes.

© Rodja Pavlik

Und nun bin ich hier in der Freyenthurmgasse und schau auf das sich anbahnende Ergebnis. Ich sitze auf dem Gehsteig gegenüber einer Baustelle, auf einem dreibeinigen, zusammenlegbaren Hocker, mit dem Rücken an eine Mauer gelehnt, eine Hermes Baby auf dem Schoß.

Ich starre auf etwas, das einst eine riesige Wiese mit einem Mehrparteienhaus darauf war. Und Bäumen. Wenn man auf Google Maps schaut, dann findet man an dieser Adresse noch ein Bild von 2019 vor. Bäume verdecken die Aussicht auf das Haus, das mitten am steilen Hang auf einer riesigen Wiese stand. Ein etwas älterer Passant, der mit seiner Tochter und einem Enkel an mir vorbeigeht, schwärmt noch davon, wie er damals als Kind am Hang hier Ski fahren lernte. Und in dem Haus wohnten an die acht Parteien, erzählte der Mann.

© Screenshot Google Maps

Doch das ist die Vergangenheit. Die nahe Zukunft verspricht an dieser Stelle 34 qualitativ hochwertige Eigentumswohnungen von 46 m2 bis hin zu 121 m2, in den Varianten 2- bis 5-Zimmer – mit 39 KFZ-Stellplätzen und zwei Motorradstellplätzen. Jede Wohnung wird einen Außenraum (Eigengarten, Balkon oder Terrasse) haben.

Doch zu welchem Preis? Und das im doppelten Sinn. Erstens zu einem Preis, den sich der Durchschnitts-Wohnungssuchende nicht leisten können wird, zweitens kostet es den Satzberg an Substanz und Lebensqualität. Der Passant, mit dem ich sprach, meinte, dass die Leute hier gegen das Bauprojekt waren, doch gegen die Immobilienfirmen könne man einfach nichts machen. Er machte sich auch Gedanken darüber, wie nun das Schmelz- oder das Regenwasser von dem Hang abfließen würde, jetzt, wo alles zubetoniert sei.

Ich sprach mit einigen Leuten, die an mir vorbei gingen, über das Projekt und die Bebauung des Satzbergs im Allgemeinen. Niemand von ihnen wusste etwas Positives darüber zu sagen. So etwas darf man natürlich nicht unreflektiert in sich aufnehmen, denn Anrainer wissen prinzipiell nichts Gutes über ein Bauprojekt direkt neben ihrer Haustür zu sagen. Doch ich glaube ihnen, dass sie generell eine negative Veränderung im Gefüge des Satzberges wahrnehmen.

© Rodja Pavlik

Für das Wohnprojekt musste ein Teil des Erdreichs abgetragen werden, der Boden mit einer Art Estrich auf verschiedenen Plateaus eingeebnet werden. Jeder Quadratzentimeter Baugrund wird ausgenützt. Jeder Zentimeter Grünraum muss aber zuerst zerstört werden, bis dann a bisserl Grün, unterbetoniert, schön geordnet und ja nicht überwuchernd, zurückkehren darf. Auf dem angepriesenen Symbolfoto sieht man an den Rändern der Anlage viel Grün. Doch wer genau hinschaut, wird bemerken, dass das schöne Grün zu den Nachbargärten gehört, nicht zu der Wohnanlage.

Und so geht es hier auf einigen Grundstücken zu. Alte Häuser verschwinden oder große Grundstücke werden aufgeteilt. Die Straße weiter hinauf Richtung Dehnepark steht z.B. ein zweiteiliges Reihenhaus, das einst einen großen Garten hatte. Dann wurde der Garten abgeteilt – und nun steht auf dem einst leeren Teil ein großer Block, der wie eine riesige Lavawand wirkt, die sich Zentimeter um Zentimeter an die Reihenhäuser heranzupirschen scheint.

© Rodja Pavlik

Es gibt einige neue Bauunterfangen wie dieses hier am Satzberg. Sie sind alle im Fertigwerden begriffen und ähneln sich dabei wie eine aus Beton gegossene Kuhflade der anderen. Unten dick aufgetragen, nach oben verjüngend. Und alles so… glatt und fade. Keine Spur von Individualität. Wo ist ein Hundertwasser, wenn man ihn braucht?

Aber vielleicht zählen „innere Werte“. Vielleicht sind ja die Wohnungen innen so genial gebaut, aber das kann ich nicht beurteilen. Jenen Leuten, die da wohnen werden, wird das auch egal sein. Sie werden ja meistens nur das Innere sehen – und das Äußere nur, wenn sie wegfahren oder heimkommen.

Ich weiß nicht, wie man diesen Baustil nennt… oder vielleicht in Zukunft nennen wird. Mir fallen als Baustile Romanik, Gothik, Biedermeier oder Jugendstil ein. Aber das hier? „La nouvelle Einfallslosigkeit“? „Die geplante Langeweile“? „Das letzte Aufbäumen vor dem Klimakollaps“? Irgendwie erinnert mich der momentane Anblick auch an einen Cartoon des legendären Franquin aus „Schwarze Gedanken“.

aus „U-Comix präsentiert: Schwarze Gedanken – Komplett“ – Franquin, alpha-comic verlag 1986

Es steckt eine gewisse Gigantomanie in diesen Projekten, eine arrogante, selbstbewusste, die erschreckt. Mir geht eine gewisse Demut hier ab. Demut vor der Geschichte des Ortes, der Natur und den Nachbarn. Ich weiß, darum kann sich der Bauträger nichts kaufen. Irgendwie erinnern mich diese Immobilienspekulanten aber an Heuschrecken. Sie fallen über den Satzberg her, zerstören jegliches Grün – und wenn nichts mehr da ist, ziehen sie weiter, lassen das Zerstörte zurück. Wobei… da tu ich Heuschrecken Unrecht. Nach deren Invasion kann im nächsten Jahr wieder etwas erblühen. Hier am Satzberg… wohl nicht mehr.

Rodja

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