Barbara Kaudelka: von Beruf Schauspielerin, von Berufung Schreibmaschinen-Kollekteuse

Auf diesem Blog hier stelle ich Leute vor, die – aus welchen Gründen auch immer – gerne mal in die Schreibmaschine hacken. Eine kleine Gruppe davon sind Filmemacher. So konnte ich schon Beiträge von Animationsfilmer Benjamin Swiczinsky (u.a. „Heldenkanzler“, Kurzfilm über den Austrofaschisten Engelbert Dollfuß) über seine Olympia Traveller de Luxe und Patrick Haischberger (Kurzfilm „Rainy Season“ nach einer Kurzgeschichte von Stephen King) über seine Olympia SM 3 hier einpflegen.

© Michael Taborsky

Nun darf ich zum ersten Mal jemanden vorstellen, die hauptsächlich vor der Kamera agiert: die Schauspielerin Barbara Kaudelka. Barbara und ich sind uns schon ein paar Mal im Rahmen meines Interesses für Indie-Filme über den Weg gelaufen. So spielte sie u.a. in „Katharsis“ von Kawo Reland und in der „Wienerland“-Webserie von Jan Woletz mit. (Das schreib‘ ich jetzt nur, um Schleichwerbung für meinen zweiten Blog HomeMovieCorner zu machen.)

Natürlich ist Barbara Kaudelka nicht für ihre Auftritte in Indie-Filmen bekannt. Bekannt wurde sie vor allem durch Filme und Fernsehserien wie „Janus“,„CopStories“, „Die Toten von Salzburg“ oder die US-Serie „Covert Affairs“. Natürlich ist sie auch auf den Brettern, die die Welt bedeuten – sprich: Theater – vorzufinden. Und ihre Stimme kennt man in Österreich auch aus Werbungen und Dokumentationen und als Erzählerstimme in der ORF-Serie „Walking on sunshine“. Ein richtiger Ohrwurm, sozusagen. Und wäre das nicht Multitalent genug, schreibt sie auch noch Kolumnen (u.a. für „VOR Magazin“ und „Schau Magazin“). Fehlt noch, dass sie ein Buch schreibt (na, wenn das jetzt kein Spoiler ist…).

Und obwohl sie so omnipräsent ist… es ist mir bis vor kurzem nicht in den Sinn gekommen, dass sie – laut Eigendefinition – eine richtige Schreibmaschinen-Kollekteuse ist. Dabei waren die Anzeichen mehr als deutlich. Ein Foto auf Instagram hier, ein paar Schreibmaschinen in einem Talk mit Regisseur Leo Bauer („Der Blunzenkönig“, „Die Lottosieger“) im Hintergrund da. Erst nach einem Artikel in der „Kurier Freizeit“ erlebte ich einen richtigen Aha!-Moment. Man muss sich das ungefähr so wie in jener Szene von „Die üblichen Verdächtigen“ vorstellen, als der Polizeiermittler anhand von zahlreichen Details entdeckt, dass der vermeintlich harmlose Kriminelle in seinem Büro der brutale und gemeingefährliche Gangster Keyser Soze ist. Genau so müsst Ihr Euch das vorstellen. Barbara Kaudelka ist mein „Keyser Soze“…

Natürlich war ich neugierig und wollte ihren „Leidensweg“ erfahren. Ich schrieb sie an und plante, mit ihren Antworten einen Artikel zu schreiben. Womit ich nicht gerechnet habe: Die Antworten waren so umfangreich, witzig, sympathisch, empathisch und klug, dass der innere Chefredakteur in mir aufschrie: „Ach, pfeif drauf. Wozu die Mühe machen? Stell’s einfach online.“ (Okay, ein bisschen Faulheit war auch dabei.) Die Dame kennt sich auf jeden Fall mit Schreibmaschinen aus – und es macht Spaß, sie darüber philosophieren zu hören.

© privat

PS: Ein kleines Dilemma habe ich aber schon damit. Ist der „Hanx-Effekt“ ein Begriff? Ich erkläre gerne: Der mehrfach Oscar-gekrönte Schauspieler Tom Hanks ist ebenfalls ein Schreibmaschinen-Fan. Und sobald er im Fernsehen oder in einem Internet-Clip mit einer Schreibmaschine zu sehen ist, bemerken amerikanische Sammler ein Steigen der Preise. Ich blicke sorgenvoll in die Zukunft: Wird das nun in Österreich auch mit Barbara Kaudelka passieren?

Und nun… Vorhang auf für Barbara Kaudelka…

Wie genau mein Faible für Schreibmaschinen begonnen hat, kann ich gar nicht mehr so im Detail rekonstruieren – das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass es mich schon seit frühester Kindheit begleitet. Diese Faszination ist etwas, das mich eng mit meinem Vater verbindet, wir teilen uns diesen Spleen.

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Ich erinnere mich daran, wie ich als kleines Mädchen in seinem Arbeitszimmer gesessen bin und auf seiner Schreibmaschine herumgefuhrwerkt hab. Damals war ich noch so klein, dass es nur wildes Herumgetippsel war – das muss nervtötend gewesen sein, aber mein Papa hatte damals schon eine Engelsgeduld mit mir: er hat mir Papier eingezogen, die Rolle justiert, alles erklärt und mich einfach machen lassen. Ich erinnere mich noch genau daran, wie er mir dann gezeigt hat, dass man bei Doppel-Farbbändern auch in Rot schreiben kann und wie man damit Muster tippen konnte. Das weiße Blatt Papier ist zum Leben erwacht, das war magisch. Als ich dann in das Alter kam, in dem ich schon Schreiben und Lesen konnte, habe ich auf seiner alten Olympia meine ersten Kurzgeschichten geschrieben. Ich weiß noch ganz genau, was mein erster längerer Text war: eine Nacherzählung von Sir Arthur Conan Doyles „Der Hund von Baskerville“. Hier haben sich recht früh drei Leidenschaften getroffen: Grusel-Genre, das Schreiben per se und die Magie der Schreibmaschine. 

Wie viele Schreibmaschinen hast Du? Hast Du bestimmte Vorlieben? Hast Du ein Beute-Schema? Was müssen die Schreibmaschinen können? 

Wieviele? Never enough 😆 Schreibmaschinen sind meine Manolo Blahniks. Aber Spaß beiseite; aktuell sind’s 26, davon stehen zurzeit 15 offen in der Wohnung. Seufz, das Kreuz mit dem Platz…

Beuteschema habe ich eigentlich kein spezifisches. Ich bin begeisterte Sammlerin, mein Lebensgefährte nennt mich liebevoll seinen nerd, aber ich gehe nicht primär nach dem Wert der Maschinen. Das mag jetzt vielleicht seltsam klingen, aber eine Schreibmaschine muss „Ausstrahlung“ haben, um mich abzuholen. Da gehören natürlich auch Optik, Funktionalität oder Seltenheit dazu, aber mehr noch ihre Geschichte. Eventuell auch kleine Produktionsfehler, die das Stück einzigartig machen.

Die Zeiten, in denen man ins Geschäft ging, um sich eine Schreibmaschine zu kaufen, sind lange vorbei. Heutzutage besorgt man sie sich von einem Vorbesitzer… oft sind es genau diese persönlichen stories, die eine Maschine besonders machen und mich letztlich zum Kauf bewegen. Wie weit ist sie gereist? Wer hat sie davor besessen, welche Lebensgeschichte zieht da gemeinsam mit der Schreibmaschine bei mir ein? 

Den Großteil meiner Maschinen hab ich ganz klassisch auf Flohmärkten oder auf gängigen Plattformen entdeckt, manche geschenkt bekommen. Vor Corona habe ich gemeinsam mit meinem Papa richtige Einkaufsfahrten unternommen: zuerst habe ich online ein paar Schreibmaschinen gefunden, Kaufinteresse bekundet, die Besichtigungs- und Abholtermine alle auf einen Tag gelegt, und dann sind wir zwei ins Auto gestiegen und oft quer durchs Land gefahren, um sie abzuholen. Abends sind wir dann mit breitem Grinsen und einem Kofferraum voller Schreibmaschinen wieder heimwärts getuckert. Herrlich!

Während der Pandemie hab ich das dann ein bisserl anders gehandhabt, da waren die Termine meist outdoor, teilweise waren das sehr lustige Begegnungen: Schreibmaschinen-Besichtigungen in Schrebergärten mit Armeen von Gartenzwergen um mich herum oder auch mal ein Tipptest auf einer Parkbank auf der Prater Hauptallee. Das Sammlerherz findet seine Wege. 😉

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Ich lass es mir bei jedem Termin nicht nehmen nach der Geschichte hinter dem Verkauf, hinter dem Stück selbst zu fragen. So kommt man wunderbar ins Gespräch mit den Menschen und nicht selten sind da spannende Erzählungen zutage getreten – Lustiges, Berührendes, Skurriles. Oft sind es ältere Damen und Herren, die verkaufen.

Das sind meine Lieblingstermine – in sicherlich 95% der Fälle sind sie ziemlich verdutzt, dass jemand in meinem Alter sich für Schreibmaschinen interessiert. Mich amüsieren die überraschten Blicke insgeheim und wenn die Neugier dann siegt und sie kommt, die charmante Frage nach dem „Warum?“, freue ich mich jedes Mal, denn sie ist fast immer das Entrée zu einem interessanten Plausch.  

Immer wieder erreichen mich auch Emails von Menschen, die mitbekommen, dass ich Schreibmaschinen sammle und die mir Fotos von Fundstücken schicken, die sie irgendwo im Keller oder auf dem Dachboden herumstehen haben. Oft wissen die Verkäufer gar nicht, was sie da für Schätze loswerden wollen. Ich erinnere mich daran, wie einmal jemand die Schreibmaschine seines verstorbenen Großvaters weggeben wollte, um einen Pappenstiel. Das war ein zwar bisserl zernepftes, aber durchaus wertvolles Sammlerstück. Ich hatte damals schon ein Exemplar und hab’s nicht übers Herz gebracht, ihm das gute Stück so abzuluchsen. Ich hab ihm geraten den Preis zu verfünffachen und die Maschine an einen Sammler/Restaurator abzugeben; ein paar Wochen später kam dann noch ein Mail von besagtem Herren, in dem er sich bedankt hat und erzählt hat, dass er vom Erlös des Verkaufs seine Frau zum Jahrestag mal so richtig schick ausgeführt hat. Schön, oder? Hach, ich liebe solche Geschichten! 

© privat

Zu jeder Schreibmaschine, die ich besitze, gehört eine eigene story – und das macht sie für mich besonders. Egal, ob das meine Underwood ist, die ich von meinem Vater zu Weihnachten bekommen habe, oder eine antike Blickensderfer, die mir ein lieber Freund und Bestseller-Autor aus der Schweiz zum 40er geschenkt hat. Auch die wunderschöne, restaurierte Triumph, mit der mich zwei liebe Freunde überrascht haben, die ich vor einigen Jahren in einer freien Zeremonie „trauen“ durfte (ein Abend, der unvergesslich war) steht für ein besonderes Kapitel. Aber ebenso meine klapprige Olivetti Studio 45, die ein entzückendes Senioren-Ehepaar verkauft hat, weil es nach überstandener Krebserkrankung beschlossen hat eine Weltreise zu unternehmen, die blitzblaue Sperry-Remington, mit der ich mir das Baujahr teile (wir sind beide made in 1981), meine Continental aus dem Jahr 1932, die über die Jahrzehnte hinweg schon Besitzer in Italien, den USA und Skandinavien hatte, bevor sie bei mir in Wien gelandet ist oder die klobige, unscheinbare Büromaschine, die aber mal einem Top-Journalisten gehörte… it´s all about the story.  

Was machst Du mit Schreibmaschinen? Briefe schreiben? Romane? Artikel?  

In erster Linie sammle ich. Auch das Restaurieren macht mir Freude, oft brauchen die Schätzchen erst ein bisserl Zuwendung, wenn sie bei mir ankommen. 😉 Ich hab mir allerdings vorgenommen, das Vorwort zu meinem ersten Buch (an dem ich aktuell schreibe) an der Schreibmaschine zu tippen. 

Kennst Du noch andere Schreibmaschinen-Nutzer? 

Ja, einen sehr netten Typen namens Rodja Pavlik, der macht richtig lässigen stuff! 😉  (Anmerkung der Chefredaktion: Frau Barbara K. wurde weder bezahlt noch erpresst!)

Welchen Vorteil hat die Schreibmaschine gegenüber dem Computer? Was gibt Dir eine Schreibmaschine, was ein Computer nicht kann. 

Neben dem Offensichtlichen (eine Schreibmaschine funktioniert auch ohne Steckdose), isses natürlich die Haptik, die unerreicht bleibt. Es gibt zwar mittlerweile externe keyboards, die sowohl die Optik, als auch die typewriter-Tonalität imitieren, aber das ist nicht mehr als ein nettes gimmick, kein Vergleich zum Original … fast, als würde man eine Schreibmaschine auf wish bestellen. 😀  

Hast Du eine Lieblings-Maschine? 

Optisch steh ich ziemlich auf meine karamellbraune Olympia Splendid 33. Und auf meiner Hermes Baby schreib ich gern. Aber ganz ehrlich: ich lieb sie alle ❤️ 

© privat

Während der Corona-Lockdowns habe ich auf meinem Instagram-Account den #typewritertuesday gestartet: während um mich herum alle Bananenbrot gebacken oder sich in shape geturnt haben, hab ich meine Schreibmaschinen fotografiert, die persönlichen stories dahinter erzählt und historische Hintergrundinfos geteilt. Ich denk, ich werd jetzt wieder damit beginnen, hab durch das Interview direkt wieder Lust drauf bekommen 😉  

Nimmst Du Schreibmaschinen auch mit? Z.B. in den Urlaub?
 
Nein, in den Urlaub kommen keine Schreibutensilien außer Papier und Füllfeder mit. Ich bin ein einziges Mal mit Schreibmaschine gereist, das war mit meiner Underwood Champion portable 1946. Ich hab sie im Ausland auf Geschäftsreise zufällig entdeckt und musste sie einfach mit nach Hause nehmen. So sind wir dann zusammen mit der Bahn zurück nach Wien gefahren. 

© privat

Kannst Du mit zehn Fingern blind tippen? Falls ja, hast Du es in der Schule gelernt oder selbst beigebracht? 

Ich bin nicht die begnadetste 10-Finger-Tipperin. Es geht schon, aber ich bin halt dann so langsam, da kommt keine Freude auf.  

Hast Du sonst noch analoge Vorlieben? Vinyl? Analoge Fotografie? Musikkassetten? 

Oh ja, ich liebe analoges Gerät, Medien insbesondere. Eine große Leidenschaft sind Hörbücher und Hörspiele, von denen hatte ich als Kind Unmengen… alle auf Kassette. Vieles davon hab ich auch heute noch und höre sie regelmäßig auf ebendiesen analogen Tonträgern, dieser körnige sound hat für mich etwas Magisches. Ich hab auch noch jede Menge VHS herumkugeln, von denen ich mich einfach nicht trennen kann. Ich bin halt ein waschechtes 80ies/90ies-kid. 

Soweit ich gelesen habe, reparierst Du auch Schreibmaschinen. (Wow! Daran habe ich mich ehrlich gesagt noch nie versucht – ich versuche immer Schreibmaschinen zu bekommen, die keine Probleme haben. Erstens habe ich nicht den Platz dafür, zweitens auch nicht die Zeit bzw. Geduld.) Wie informierst Du Dich darüber? Kennst Du jemanden, der sich mit Schreibmaschinen auskennt? Bist Du Mitglied beim IFHB (Internationales Forum Historische Bürowelt)? Hast Du entsprechende Literatur? 

Alles, was ich darüber weiß, hab ich von meinem Vater gelernt, er ist ein Technik-geek allererster Güteklasse und der unangefochtene König der (Schreibmaschinen-)Reparatur. Meine Affinität zu technischem Gerät, die Neugier zu wissen, wie genau etwas funktioniert, es auseinanderzubauen und wieder zusammenzusetzen, das hab ich definitiv von ihm.

Liebe Barbara, vielen Dank für das Interview.

INFO: www.barbarakaudelka.com; instagram.com/barbarakaudelka_official

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