Kurzfilm „The Typewriter“ von Evelyne du Bois

Wenn man gedanklich ein Musikstück mit Schreibmaschinen verbindet, dann ist das wohl „The Typewriter“ von Leroy Anderson. Das 1950 komponierte, nur 1:34 Minuten lange Stück wurde durch den pantomimischen Sketch des US-Komikers Jerry Lewis, den er oft in seinen Programmen einsetzte und schließlich auch in der Komödie „Der Ladenhüter“ (1963) filmisch verewigte, weltbekannt. Seitdem gab es viele Interpretationen: vom Sketch, aber auch vom Musikstück selbst. Auch hier im Blog wurden einige vorgestellt – vom A cappella-Beitrag von Tolga Gülen über die Volksmusiker von Knedl & Kraut (Beitrag auf Youtube wurde anscheinend gelöscht) bis hin zum Schlagerstar Helene Fischer. Natürlich wird das komische Stück auch von einem rein klassischen Orchester gespielt, wie z.B. mit dem bekannten österreichischen Percussionisten Martin Grubinger (The Typewriter (Leroy Anderson) – WhatsAppStyle by Martin Grubinger).

Vor kurzem stieß ich auf eine neue, filmische Interpretation des Schreibmaschinen-Lieds, diesmal von der Niederländerin Evelyne du Bois, die 2019 ihr 2D-Animations-Studium an der Hogeschool voor de Kunsten (HKU) in Utrecht abschloss. Bereits 2018 machte sie als Abschlussarbeit für ihr zweites Jahr „The Typewriter“, über den sie nun mit den Schreibmaschinisten sprach.

Mit dem Film war sie auch auf einigen Filmfestivals. „Ich wurde sogar mit einigen Studienkollegen und einem Professor nach China zu einem Filmfestival eingeladen. Das war bis dahin mein größter persönlicher Erfolg.“ Aber „The Typewriter“ wurde nicht nur zu reinen Filmfestivals eingeladen. „Ich fand es toll, dass der Kurzfilm auch auf einigen Tanzfilmfestivals gezeigt wurde. Es überraschte mich total, dass man ‚The Typewriter‘ auch als Tanzfilm und nicht nur als Animationskurzfilm wahrnehmen könnte.“

Zum Film – hier entlang…

The Typewriter from Evelyne du Bois on Vimeo

Ob sie durch Filme wie „Mademoiselle Populaire“ oder den Jerry-Lewis-Sketch zu ihrem Film inspiriert wurde? Das verneinte Evelyne du Bois gegenüber den Schreibmaschinisten. „Um ehrlich zu sein, ich kannte weder Jerry Lewis noch den Film ‚Mademoiselle Populaire‘. Was schade ist, weil sie wirklich gute Inspirationsquellen gewesen wären. Und jetzt möchte ich mir unbedingt ‚Mademoiselle Populaire‘ anschauen!“

„Ich wollte eigentlich immer schon etwas mit Ballett animieren“, erklärte die 2D-Animatorin den Grundgedanken für ihren Film. „Da gibt es auch ein Musikstück namens ‚The Office‘ aus dem Film ‚Brazil‘, wo Schreibmaschinen einen bestimmten Rhythmus vorgeben. Da wusste ich, dass ich auch Schreibmaschinen für den Film verwenden würde. Ich empfand dieses Musikstück als catchy – und eigentlich wollte ich es auch als Ausgangspunkt für den Film verwenden. Aber ich wusste nicht, welche Geschichte ich damit erzählen könnte, und ich fand auch nicht heraus, wie und was ich zu dieser Musik animieren könnte.“

© Evelyne du Bois

„Aus meinem Ballett-Unterricht wusste ich aber, dass es da noch ein anderes Musikstück gibt, in dem Schreibmaschinen benutzt werden. Meine Lehrerin spielte damals sehr oft Musik von Leroy Anderson, und daheim hatte auch meine Mutter eine CD von Leroy Anderson. Aber da hatte ich schon fünf oder sechs Jahre lang nicht mehr das Stück ‚The Typewriter‘ gehört“, so du Bois. Als sie es dann aber nach langer Zeit zum ersten Mal wieder hörte, machte es sofort „Klick“, vor allem fiel ihr auch auf Anhieb eine Geschichte ein. „Musik ist eine meiner Hauptquellen für Inspirationen – und auf die ganze Story kam ich nur durch dieses Musikstück.“

Der Zeichenstil orientiert sich sehr an den 1950ern und 1960ern. „Ich wollte den Film in dieser Zeitperiode ansiedeln, weil diese am besten zu der Musik passt – aber eben auch zum Thema der Sekretärin, die ihren Büroalltag meistern muss. Auch der im Film verwendete Zeichenstil ist vom damals vorherrschenden Zeichenstil Comic Modern beeinflusst. Ich liebe diesen Stil, er ist für viele meiner Arbeiten eine meiner Inspirationsquellen. Ich mag diese dicken, schwarzen Linien und diese simplen, aber klaren Formen.“

© Evelyne du Bois

Allerdings: „Ich wollte aber auch mit diesem Stil brechen, mehr lose Linien verwenden, mehr Farben, wie man sie aus dem Showbiz kennt, zeigen, wenn sie eben zu tanzen anfängt. Ich wollte zeigen, ja, genau so will sich die Protagonistin fühlen: aus dem Alltagstrott ausbrechen, lockerer werden und jenen Schritt wagen, um ihre – vielleicht auch unsicheren – Träume zu verfolgen.“

Welche Schreibmaschinen wurden eigentlich als Referenz benutzt? Anhand bestimmter Formen und Farben würden die Schreibmaschinisten schon einmal auf die Hermes 3000 tippen. „Es ist schon eine Zeit her, dass ich an diesem Film arbeitete. Ich erinnere mich nicht mehr genau daran, welche Schreibmaschine ich da als Referenz benutzte“, erklärte du Bois auf Anfrage. „Ich dachte, das Meerschaumgrün wäre so eine typische 1950er-Farbe und ich suchte online nach guten Bildern von Referenzmodellen. Ich war auch in Second-Hand-Läden, wo ich viele Fotos von gebrauchten Schreibmaschinen schoss. Es kann also durchaus die Hermes 3000 sein, mit der ich anfing. Aber letztendlich dachte ich mir dann doch ein abgewandeltes, etwas vereinfachteres, leichter zu zeichnendes und animierendes Modell aus.“

Mit Schreibmaschinen zum Arbeiten kann sie persönlich nichts anfangen. „Es ist mehr das Geräusch und das Tippen der Tasten an sich, das ich an Schreibmaschinen mag. Es ist wirklich einfallsreich, wie Musiker die Schreibmaschine als rhythmisches Instrument benutzen. Damit hat auch meine Faszination begonnen. Andererseits mag ich auch diese großen, alten Registrierkassen in den Geschäften sehr – mit ihren roten, echten Tasten (statt diesen Touchscreen-Kassen, die wir heutzutage haben). Die machen mich richtig nostalgisch. Schreibmaschinen erinnern mich an diese alten Registrierkassen, darum mag ich sie wohl so sehr. Aber leider besitze ich selbst keine Schreibmaschine.“

Zurzeit arbeitet Evelyne du Bois als freischaffende 2D-Animatorin von Auftragsarbeit zu Auftragsarbeit. Zuletzt erhielt sie aber eine Förderung für ein eigenes Projekt, das sich gerade in der Vorproduktionsphase befindet.

Rodja

PS: Bereits 2015 stellte ich hier einen Animationsfilm vor: „Typewriterhead“ von Eric Giessmann, der in dem Film auch seine schwerwiegende Tinnitus-Erkrankung thematisierte.

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