Postkarten-Challenge III – Advanced Version 2019

Kurzmitteilung

Das Jahr 2018 neigt sich dem Ende zu – und wie aufmerksame Leser richtig vermuten, so auch der Norwegen-Kalender meiner Postkarten-Challenge 2018. Wie voriges Jahr hatte ich mir auch heuer vorgenommen, jede Woche eine Karte zu schreiben. Und ich muss sagen, dass ich im Endspurt eigentlich ganz gut bin – nur noch sechs Karten übrig (ja, ich weiß, ist nicht ganz genau – aber ich bin zuversichtlich, dass ich das bis zum 31. Dezember schaffen werde.

Es ist also Zeit, sich Gedanken für das nächste Jahr zu machen – und auch da will ich mich einer Postkarten-Challenge unterziehen – aber mit ein bisschen mehr Herausforderung. Eine Advanced Version sozusagen. Diesmal gibt es sogar kleine Briefchen mit – von Fall zu Fall – kleinen Extras dazu. Dazu werde ich die Box „Typewriter Notes“ der US-Verlegerin Janine Vangool verwenden.

© Rodja Pavlik

Eine Box enthält 20 Notizzetteln, zusammengefaltet auf Polaroid-Größe, sowie 20 Briefumschläge. Auf den Zetteln befinden sich dann auch passenderweise Schreibmaschinen-Motive in Polaroid-Größe.

So eine Box habe ich mir schon 2015 zugelegt, bis dato aber nie verwendet. Damals fand ich die Motive einfach zu schön, als dass ich sie wirklich hätte verwenden wollen. Heute denke ich mir, dass es wohl keinen besseren Botschafter in Sachen Schreibmaschine gibt, als eben ein auf meiner Continental Silenta 1936 getippter Brief auf diesen Notizzetteln.

Und da ein Jahr mehr Wochen hat als Zetteln/Kuverts in einer Box sind, musste ich mir natürlich auch gleich mehrere Boxen auf Vorrat bestellen – und zwar drei. (So bleibt mir noch immer eine Box erhalten).

Zum Einsatz werden natürlich auch mein Schreibmaschinen-Stempel und ein Kalligraphie-Set kommen, an dem ich mich gerade versuche.

Wer also irgendwann im Jahr 2019 ein kleines Briefchen (mit vielleicht einem kleinen Extra) erhalten will, möge mir bitte seine postalische Anschrift an schreibmaschinist(at)gmx.at übermitteln.

Die Adresse wird nur im Rahmen der Postkarten Challenge III 2019 verwendet – und nach Gebrauch wieder gelöscht und nicht gespeichert.

Challenge III wird dann mit der ersten Jänner-Woche 2019 starten.

Bis dahin – falls ich hier nichts mehr veröffentlichen sollte – wünsche ich eine besinnliche Weihnachtszeit und einen guten Rutsch ins neue Jahr.

Rodja

„Uncommon Type“ von Tom Hanks

Momentan erfahren Schreibmaschinen ja einen ziemlichen Hype – und dass so ein altes Gerät in den Mittelpunkt des Medieninteresses gerät, haben wir unter anderem einem Oscar-Preisträger zu verdanken: Tom Hanks, der selbst ein großer Schreibmaschinen-Enthusiast ist und über Hunderte von Schreibmaschinen sein eigen nennt.

Nicht nur, dass er sein prominentes Gesicht und seine Expterise der Dokumentation „California Typewriter“ leiht, nein, er hat auch ein Buch mit Kurzgeschichten veröffentlicht. „Uncommon Type“ (der deutsche Titel „Schräge Typen“ soll im Februar 2018 erscheinen) beinhaltet 17 Kurzgeschichten, die Hanks auf verschiedenen seiner mechanischen Schreibmaschinen getippt hat. “In den zwei Jahren, die ich an den Geschichten gearbeitet habe, habe ich Filme in New York, Berlin, Budapest und Atlanta gedreht und überall geschrieben. Ich habe in Hotels bei Presse-Tourneen geschrieben, ich habe im Urlaub geschrieben. Ich habe im Flugzeug, zu Hause und im Büro geschrieben”, teilte Hanks den Medien mit.

© Rodja Pavlik

Nun ist das Buch in Amerika bereits erschienen – und ich habe mir natürlich ein Exemplar besorgt, ein Paperback. Zwar habe ich noch nicht reingelesen (Zeit ist momentan ein äußerst kostbarer Luxus, den ich mir nicht leisten kann), aber allein die Aufmachung ist für Schreibmaschinen-Fans sehr interessant. Neben vier Postkarten (mit Buchcover und drei verschiedenen Schreibmaschinen – Olivetti Underwood, Groma Kolibri (kyrillische Schriftzeichen) und Continental als Motiven) befinden sich auch im Inneren des Buches Bilder der Schreibmaschinen, mit denen der Hollywood-Schauspieler seine Geschichten geschrieben hat (u.a. Olympia, Remington, IBM, etc., etc.). Die Bilder sind aber auf Papier gedruckt, so dass ein Laie wie ich nicht wirklich Details erkennen kann. Vielleicht bietet die teuere Hardcover-Version des Buches eine optisch bessere Qualität.

Momentan ist ja Hanks auf medialer Promo-Tour für sein Buch (wie in dem unten angeführten Clip von der TV-Show „CBS Sunday Morning“). Und ja, auch ich habe mit meinen bescheidenen Mitteln versucht, ihn für meinen Blog zu interviewen. Ich geb’s zu, ein bisschen größenwahnsinnig, aber ich wollte es zumindest ausprobieren. Und bis dato hat sich sein Agent eh noch nicht mit meinem Sekretariat in Verbindung gesetzt. (Nicht, dass ich wirklich damit gerechnet hätte, aber träumen wird man ja wohl noch dürfen, dass einen der Hauch von Hollywood streift.)

Wie gesagt, ich bin noch nicht wirklich dazu gekommen, das Buch zu lesen (da habe ich noch eine lange Liste abzuarbeiten). Die Reviews zu „Uncommon Type“ lesen sich aber auch sehr zwiespältig. Ich bezweifle aber, dass mein Englisch so gut ist, dass ich beurteilen kann, ob Tom Hanks‘ Kurzgeschichten gute oder schlechte literarische Qualität aufweisen. Aber eine Rezension werde ich definitiv noch nachliefern…

Rodja

PS: Was die Postkarten betrifft… Ach herrje, die sind mir schon fast zu schade, um sie wirklich zu verschicken… :-/

Bis die Finger bluten…

Früher war nicht immer alles einfacher…

Wenn ich mich so an die 80er-Jahre, Anfang der 90er-Jahre zurückerinnere, war es damals schon sehr schwer, ein eigenes Magazin auf die Beine zu stellen. Ich hatte zwar nicht so viel organisatorisch mit Schülerzeitungen zu tun, belieferte sie nur mit selbst gezeichneten Comics – aber dennoch kann ich mich an Endlos-Kopier-Orgien am schuleigenen und kostenintensiven Kopierer erinnern. Und heften. Und verteilen. Und kein Feedback bekommen. (Außer dass sich mal ein Religionslehrer über den Kondom-Cartoon von mir aufregte.)

Heutzutage macht man keine Fanzines mehr, zumindest keine aus Print. Heute macht man Blogs. Man ist dank dem Internet schnell vernetzt, bekommt schneller Infos – und die Veröffentlichung erfolgt quasi per Knopfdruck.

Vor kurzem stolperte ich über Adrian Straub und seine Mercedes-Schreibmaschine, die mit einem USB-Anschluss versehen wurde. Der junge Mann erstellt an der Schreibmaschine auch eine Familienzeitung.

© Dia Westerteicher

Das triggerte eine Idee in mir, über die ich ein anderes Mal berichten möchte. Aber diese Idee veranlasste mich, einige Hintergrundrecherchen zu Schülerzeitungen, Fanzines oder Grassroot Magazines anzustellen – und so stieß ich auch auf Dia Westerteicher, der in den 1980ern das Horror-Fanzine „Evil Ed“ herausbrachte. Das Fanzine wurde nun – eben ganz 2010er-mäßig – als Blog und als Podcast unter http://evil-ed.de/ wieder belebt. Und netterweise gibt es die alten Ausgaben auch als Download. Wer neben aktuellen Filmtipps auch etwas Filmhistorisches über den Kampf gegen die damals aufkommende Zensur durch die FSK (bedeutet Freiwillige Selbstkontrolle – man hat mir als Österreicher versucht zu erklären, was dieses quasi-verpflichtende „freiwillig“ bedeutet – ich hab’s bis heute noch nicht so richtig kapiert) lesen will, der wird hier bestens bedient.

Dia Westerteicher ist nun mein erstes Opfer (dafür war er aber ausgesprochen willig), der von den Zeiten damals an der Schreibmaschine erzählte. Hier sein Erfahrungsbericht, den er – eben einem richtigen Gorehound enstprechend – mit einem schön sinnlichen Titel verziert hat…

Bis die Finger bluten…

Meine Schreibmaschinen-Geschichte

Ich war ein anstrengendes Kind.

Wirklich, eines dieser Blagen, das sich mit viereinhalb Jahren das Lesen selbst beibringt und danach jede und jeden mit seinen Kenntnissen nervt. Der dem Opa abends mit: „Das steht da nicht!“ ins Vorlesewort fällt, darauf hin die Grimm’sche Gesamtausgabe an sich reißt und das Märchen vom „Sneewittchen“ (sic!) selbst, und mit verstellten Stimmen, vorliest.

Halt eine echte Nervensäge – besserwisserisch und altklug.

Ende der 60er Jahre in ein Schulsystem gestopft, das mir das mit der linken Hand schreiben noch mittels unsanfter Linealschläge abgewöhnen wollte, und in dem Aufrührer, die, im Alter von acht Jahren, mit dem Religionslehrer über die darwinistische Abstammungslehre diskutieren wollten, mittels eines gezielten Schlüsselwurfes aufs ebensolche –bein ruhig gestellt wurden.

Einzig und alleine die Deutschlehrer sind mir aus diesen unseligen Zeiten in Erinnerung geblieben. Mein zehnseitiger Aufsatz „Sonntag am Fenster“ aus der Serie „Wie ich mein Wochenende verbracht habe“ wurde zum Ende der Grundschulzeit in der Aula vorgelesen, Herr Lehrer Nehmer (Aufnehmer, Aufnehmer – hahaha) hatte sich dafür eingesetzt.

Dies war dann wohl auch der Auslöser dafür, dass mein größter Wunsch zu meinem zehnten Geburtstag im Jahr 1972 eine eigene Schreibmaschine war. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon großer Filmfan, verbrachte mindestens drei Nachmittage pro Woche in unserem Stadtteilkino und hatte meine ersten Romanentwürfe und Theaterstücke bereits, von Hand und im wahrsten Sinn des Wortes mit links geschrieben, in der Schublade.

Da ich in eine finanziell eher schwach besaitete Arbeiterfamilie hineinadoptiert worden war, wurden nun also Weihnachten 71 und Geburtstag 72 zusammengezogen – und am Morgen des 11. März stand dann das gute Stück morgens auf dem Wohnzimmertisch. Eine herrlich orange PRIVILEG 3ooT wartete darauf, von mir gestreichelt zu werden, ein Meisterwerk ostdeutscher Maschinenkunst, vertrieben durch das Versandkaufhaus QUELLE, dem Inbegriff des Goldenen-Jahre-Kapitalismus.

An Papier hatte man auch gedacht, und so machte sich der kleine Dia (der damals noch ganz normal Dietmar hieß) ans Werk. Der halbe Samstag und der gesamte Sonntag gingen dahin. Während zu Beginn noch der einzelne Zeigefinger über der Tastatur kreiste und ab und ab nur mal für ein gut gezieltes „KLACK“ herunter schnellte, gesellten sich nach und nach mehrere Finger dazu und die Pausen zwischen den einzelnen „KLACKS“ wurden kürzer. Am Ende des Wochenendes machten sich innerhalb der Familie schon einige Zweifel breit, ob ein Schlagzeug nicht ein sinnvolleres Geschenk gewesen wäre.

In den folgenden Jahren ließ ich unter anderem Donald Duck gegen Godzilla antreten, überarbeitete einige meiner Schulaufsätze in kürzere Geschichten und schrieb Abenteuer, in denen meine ebenfalls Kino-verrückten Freunde in verschiedenste Filmfiguren schlüpften.

In späteren Jahren kamen dann Science-Fiction-Storys und Horrorheftromänchen dazu, in denen Charaktere mit Namen wie „Harry Kent“ mitspielten und die sich offensichtlich an dem orientierten, was ich damals las. Mit 14 Jahren kam dann, dank zweier Jahre im Konformationsunterricht zurückgehaltener eigener Meinung, die ersehnte Super 8-Kamera und der dazugehörige Projektor dazu – meine eigene Filmfabrik war fertig. Innerhalb der Woche gehörte die Freizeit dem Entwickeln und Niederschreiben von Geschichten und Drehbüchern, am Wochenende wurde das Geschreibsel in Bilder umgesetzt. Dafür – und für die kleine Sammlung an Super 8-Filmkopien – ging dann auch sämtliches Taschen- und, mittels des Austragens der „Bild am Sonntag“ verdiente, sonstige Geld dahin.

Nebenher las ich noch viel und war im Sci-Fi-Fandom recht aktiv, was mich dann auch in Kontakt mit den ersten Fanzines brachte. Abgesehen von ein paar experimentellen Werken von W.K. Giesa, der später zu einem gefragten Heftromanautor (u.a. bei Perry Rhodan) werden sollte und in seinen Fanpublikationen Comic und Kurzgeschichte verband, waren diese Frühwerke deutscher Fankunst aber eher geprägt von deutscher Gründlichkeit und brachten dem Leser mit ihrer steifen Ernsthaftigkeit eher Langeweile als Vergnügen. Matritzengedruckte Bleiwüsten bei denen das einzige Positive der angenehme Geruch von Eierlikör war.

Als es nach der Realschule dann an die Berufswahl ging, war es mir (und meinem damaligen Deutschlehrer) ziemlich klar, dass nur die Richtung Journalismus eingeschlagen werden durfte. Leider war das, bedingt dadurch, dass ich zu dieser Zeit in einer 1.000-Seelen-Gemeinde mitten im dunkelsten Westerwald lebte, nicht machbar. Die nächste Ausbildungsstätte wäre mindestens 100 Kilometer entfernt gewesen, zusätzlich machte mir meine – heute gebe ich das zu – aus Faulheit geborene, mittlere Reife das Leben schwer.

Also galt es das kleinere Übel in Kauf zu nehmen – ich entschied mich für eine Ausbildung als Schriftsetzer, da ich somit zumindest noch etwas mit Sprache zu tun haben würde. Zusätzlich hat Handwerk ja goldenen Boden, was in einer, wie bereits erwähnt, Arbeiterfamilie zum Ende der 70er Jahre hin, als sehr positiv aufgenommen wurde. Heute ist mir bewusst, dass dort der Gedanke „Das wird ihm die Flausen schon austreiben“ im Hintergrund deutlich mitschwang.

Meine Hoffnung, dass ich dort aber in irgendeiner Form auch nur einer meiner Leidenschaften frönen könnte, zerschlug sich aber recht bald. Bleisatz war angesagt, Buchstabe für Buchstabe wurde einzeln zusammengeführt, der vorhandene Fotosatzcomputer (ein damals ultramodernes Gerät mit Ein-Zeilen-Display) war dem Chef und dem ältesten Gesellen vorbehalten. Seit dieses Gerät im Einsatz war, wurde die ebenfalls vorhandene Zeilensetzmaschine nur noch für Standardprojekte wie Beerdigungskarten eingesetzt. Das war besonders traurig, war doch die „Lynotype“, dieses 2 Meter 50 hohe und vier Quadratmeter füllende Monster an deutscher Ingenieurskunst erstens mittels einer Tastatur bedienbar, zweitens in der Lage, es nahezu mit meinem Schreibtempo aufzunehmen und drittens bei der Besichtigung der Werkstatt einer der Hauptgründe für mich gewesen, den Vertrag zu unterschreiben.

Wem dieses Monster nichts sagt, es handelt sich um eine Maschine, in der für jeden Buchstaben eine (oder besser mehrere) Gussformen in einem Reservoir liegen und auf Tastendruck in eine Art Stempel fallen. Ist eine Zeile voll, wird sie tatsächlich in eine passende Menge flüssige Bleimischung getunkt, das Ergebnis ist eine fertige Buchdruckzeile, die wenige Minuten nach dem Satz direkt verwendet werden kann. Ein weiterer Vorteil ist natürlich, dass man diese Zeilen auch jederzeit wieder einschmelzen kann. Die Geräusche, die dieses mechanische Wunderwerk aus dem späten 19. Jahrhundert machte, während die oben angeordneten Vorlagen durch sie ratterten, der eigenständige Geruch des flüssigen Bleis und all die herrlichen beweglichen Teile werde ich nie vergessen.

Allerdings war dieses Gerät – ebenso wie mein Ausbildungsberuf – schon damals, Ende der 1970er Jahre, ein Museumsstück, und so endete meine Ausbildung mit dem letzte Gesellenbrief, der in Rheinland Pfalz noch an einen Bleisetzer vergeben wurde, und die Lynotype im Vorgarten der Druckerei, von wo sie dann Mitte der 90er Jahre auf den Schrott wanderte. Ebenso hätte ich auch mit dem Gesellenbrief verfahren können, der anhand der Noten (praktisch 4/theoretisch 1) deutlich zeigte, dass ich den falschen Beruf gewählt hatte.

Nach einigen dürftigen Monaten als Junggeselle (in beiderlei Hinsicht) zog es mich dann auch wieder zurück in die Großstadt, in der ich die ersten zwölf Jahre meines Lebens verbracht hatte. Dank einiger Überzeugungsarbeit und Ehrlichkeit in Bezug auf die misslungene Berufswahl, kam ich dann auch in einem modernen Satzstudio unter, in dem ich zumindest einige Zeit mal an einem modernen Fotosatzcomputer mit Seitenbildschirm (bedenket, wir reden hier von 1980/81) arbeiten durfte. Aber Kreativität blieb beim stumpfen Abtippen fremder Texte irgendwie auch auf der Strecke.

© Dia Westerteicher

Also wurde zum Leidwesen meiner (damals noch nicht und heutigen Ex-) Frau die alte Privileg wieder ausgepackt. Damals war ich, oder besser waren wir, sehr intensiv mit dem „Krieg der Sterne“-Virus infiziert und im zu dieser Zeit noch neuen Fandom organisiert. Neben den Treffen mit anderen Fans an fast jedem Wochenende, gehörte natürlich auch die Arbeit am eigenen Fanzine mit dazu. Also hieß es Artikel und Geschichten schreiben – die dann auch tatsächlich mal veröffentlicht wurden.

So war es mir möglich, erstmals in den Herstellungsprozess eines solche Magazins Einblick zu erhalten, und als dann der Stern der STERNE zu sinken begann, war ich bereits süchtig nach Selbstpublikation.

Ein neues Projekt zur Ablenkung von der Arbeit, die mittlerweile in Verpackungsdesign in einer Wellpappenfirma bestand, musste her. Da kam mir die FSK zur Hilfe, die sich in den Jahren seit 1983 langsam auf den Videomarkt gestürzt hatte und es im besonderen auf Horrorfilme – also mein Lieblingsfilmgenre – abgesehen hatten. Das war dann die Geburtsstunde des „Evil Ed“-Magazines, das auch heute noch online unter www.evil-ed.de zu finden ist, in dem ich erstmals komplett ohne Schranken DAS und SO schreiben konnte, wie es mir gefiel.

Allerdings hate die gute 300T mittlerweile mehr oder weniger die Zusammenarbeit aufgegeben, ihre Schreiblinie erinnerte mehr an einen Slalomkurs, und einige Typen waren tatsächlich mittlerweile beschädigt. Das alte Mädchen musste ersetzt werden, etwas Neues musste her.

Allerdings erwies sich das Neue als etwas tatsächlich viel Älteres, denn in einem Gebrauchtwarenhandel traf mich die berühmte Liebe auf den ersten Blick, als selbiger auf eine wie neu aussehende ADLER-Maschine aus den 50er Jahren fiel. Ein grau-grüner Koloss von zwölf Kilo Gewicht, aber durch gute Pflege viel gefühlvoller bedienbar, als es das alte Mädchen von Privileg jemals war.

Wir begannen also im Februar 1986 mit der Herstellung unserer ersten Ausgabe und stießen dabei auf Probleme, die heutigen Magazinherausgebern nie wieder begegnen werden. Da wir ja nicht nur Textwüsten herausgeben wollten, galt es also nun beim Abtippen der Texte bereits für Fotos nötige Freiflächen einzuhalten. Also erstellten wir ein Formular mit einem umlaufenden Rahmen, um eine grundsätzliche Form zu haben und kopierten diese einige 100 Mal. Wohl gemerkt, wir reden hier von Kopiergeräten, bei denen man am Ende deutlich sah, dass es sich um eine Kopie handelte.

Für unsere erste Ausgabe suchten wir uns also nötige Fotos aus Magazinen und Büchern heraus, markierten die gewünschte Größe mit Bleistift auf unseren Grundformular und tipperten zielgerichtet darauf hin und daran vorbei. Dann kopierten wir die gewünschten Bilder von ihrem Originalort und klebten sie zu den Manuskripten. Natürlich sah das am Ende aus wie „kämpfende Schwarze im Tunnel“, denn Graustufen kannten damalige Kopierer noch nicht, gerasterte Bilder waren der damaligen Optik noch überlegen, und echter Offsetdruck war unerschwinglich teuer.

© Dia Westerteicher

Bereits für unsere zweite Ausgabe investierten wir also ein wenig Geld und kauften uns Rasterfolie, die, zwischen Originalbild und Kopiererglas gelegt, eine zusätzliche kopiergemäße Aufrasterung ermöglichen sollte. Trotzdem wäre nach dem Rasterungsvorgang ja noch ein weiterer verschlechternder Kopiergang nötig gewesen, also bissen wir in den sauren Apfel und schnitten die gewollten Bilder komplett aus, um sie ins Layout zu kleben. Noch heute stolpere ich ab und an über solcherart zerstörte Werke meiner Sammlung von Sekundärliteratur und könnte mich immer noch in den Allerwertesten beißen.

Aber das Leben ist (und sollte) ein ewiges Lernen sein und nach einem Jahr des fröhlichen Experimentierens und fünf Ausgaben fanden wir unsere Rille (den „Groove“). Mittlerweile tippte ich einen Text einfach nur runter, eine Freundin setzte das auf ihrer Arbeitsstelle (unserem Polizeipräsidium) während der Arbeitszeit mittels einer elektrischen und teilprogrammierbaren Maschine in Spalten um, und unser Layout entstand auf die klassische Art und Weise mittels Leuchttisch, Skalpell, Fixogum und Tusche.

Auch die Adler wich in dieser Zeit dann einer „modernen“ elektrischen Maschine, einer 60er Jahre Olivetti, die sowohl von der Größe mit ihrer 45 cm Wagenbreite, als auch vom Gewicht her, den mechanischen Metallklotz sogar noch überragte. Nach dem Einschalten, das immer vom Flackern des Lichtes in der gesamten Wohnung begleitet wurde, hörte man die Maschine immer im Leerlauf dumpf wummern. Ein Geräusch, das mir noch bis heute in den Ohren klingt.

Zusammen mit Carbon-Farbband und den mit einem Klick austauschbaren Kugelköpfen ergaben sich somit bereits ganz neue – und qualitativ erheblich hochwertigere – Möglichkeiten. Auch die Zeit des Punktekonfettis war nun endgültig vorbei, alle Buchstaben hatten die gleiche Anschlagsstärke und waren reinschwarz.

© Dia Westerteicher

Innerhalb der nächsten zwei Jahre (um genau zu sein 1989) kam dann auch der erste Heimcomputer ins Haus, damals ein Amiga 500. Der wurde dann um einen Laserdrucker ergänzt und im Jahr 1990 veröffentlichte ich mein erstes, komplett mit Computer erstelltes Magazin. Wobei ich damals noch – wegen mangelndem und unbezahlbar teurem Speicher – jede Seite in zwei Teilen ausdrucken musste, der Leuchttisch also dank des nötigen Zusammenfügens immer noch große Teile des Büroraumes blockierte.

Das Ende des fröhlichen Maschinengeklappers war allerdings erreicht und es galt, neue wichtige Techniken (wie den Affengriff, Strg-C und –V und das Gestalten einer autoexec.bat-Datei) zu lernen. Aber das ist eine andere Geschichte und sie soll ein anderes Mal erzählt werden.

Und heute?

Nach nahezu 25-jähriger Abstinenz befindet sich seit Ende letzten Jahres wieder eine Schreibmaschine in meinem Besitz. Eine klassische Continental aus den 40ern, die mich wieder in einem Second-Hand-Laden angesprungen hat und die ich mittels einiger Stunden Arbeit, einer Menge Maschinenöl und einem neuen Farbband tatsächlich wieder in einen schreibfähigen Zustand versetzt habe. Ich habe begonnen, wieder private Briefe auf ihr zu tippen, was – nach einer überraschend schwierigen Zurückgewöhnungsphase – schon fast zu einer meditativen Entschleunigung führt. Trotzdem, einen 2.000 Worte starken Text, wie den vorliegenden heute auf einer „Mechanischen“ zu schreiben, käme mir nicht mehr in den Sinn. So weit geht die Nostalgie dann doch wieder nicht.

Dia Westerteicher

INFO: http://evil-ed.de

Wiedersehen mit Erika – Sonderausstellung für eine Schreibmaschine

Hinweg mit Tint‘ und Feder,
mit Erika schreibt jeder

Die Erika der Firma Seidel & Naumann gilt als die meisthergestellte Kleinschreibmaschine Deutschlands. Nun bietet das Esche-Museum in Limbach-Oberfrohna vom 16. Juni bis 15. Oktober 2017 (Eröffnung 15. Juni 2017, 18 Uhr) eine Sonderausstellung zu diesem Kapitel sächsischer Industriegeschichte.

© Robert Doerfler

Die Exponate werden von Reinhold Schubert zur Verfügung gestellt. Was mich aber besonders freut, ist, dass der Schreibmaschinen-Maler Robert Doerfler (der hier ja schon öfters vorgestellt wurde) einige seiner Bilder ebenfalls im Rahmen der Schau ausstellt.

Das obige Bild stammt übrigens aus Roberts Oeuvre. Eine Erika, getippt auf einer Erika – das hat ja was Eschereskes an sich. (Höhöhö… got it? Escheresk… Esche-Museum… Ach, vergesst es!!)

Übrigens hat Robert in Zukunft Großes vor. A4 wird ja mit der Zeit auch langweilig. Aus dem Grund hat er sich auch eine Breitbandschreibmaschine von Wanderer Continental besorgt. Damit sind Bilder in A3 und A2 möglich.

© Robert Doerfler

Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie Robert bei der Arbeit an einem solchen Bild ausschaut…

Rodja

INFO: http://www.esche-museum.de, http://typewriter-art.de

Tristan schreibt auf einer Wanderer Continental

Tristan Fiedler ist ein deutscher Autor und Drehbuchschreiber. Im Rahmen der „Dollar Babies“-Aktion von Stephen King konnte er z.B. für den Filmemacher Michael Wolf die Geschichte „Nona“ des US-Horrorautors für einen Kurzfilm adaptieren. (Exkurs „Dollar Babies“: King stellt Filmstudenten seine Kurzgeschichten für eine nicht-kommerzielle Verfilmung zur Verfügung – und das für einen Dollar und so lange er im Besitz der Rechte ist.) Der gleichnamige Kurzfilm befindet sich gerade in der Festivalauswertung.

Obwohl Tristan Fiedler moderner Technik nicht abgeneigt ist – seinen ersten Roman „Das Dunkle Bild“ veröffentlichte er als E-Book – liebt er es, auf der Schreibmaschine zu tippen.

Schreiben ist harte Arbeit. Das vergisst man manchmal. Beim Schreiben auf dem Computer fühlt sich das gar nicht so sehr danach an. Kaum hat man sich eine Formulierung überlegt, schon steht sie da. Der blinkende Cursor wartet ungeduldig auf die nächste. Schreibt man per Hand oder mit der Schreibmaschine, sieht das schon ganz anders aus. Die Sätze huschen nicht so schnell auf das Papier, als gäbe es gar keinen Schreibprozess mehr, sondern nur ein „Direkt-auf-das-Papier-denken“. Und, vielleicht noch viel wichtiger: Die Sätze stehen tatsächlich auf Papier. Man kann sie nicht einfach markieren und wieder löschen, Satzteile umbauen oder rot unterstrichene Rechtschreibfehler einfach korrigieren. Schreiben bedeutet auf einmal: Nachdenken, was genau man da eigentlich schreiben will. Ist der Satz schon richtig formuliert? Ist es auch der richtige Satz an der richtigen Stelle?

Das Schreiben von Hand ist mir sehr wichtig, ich praktiziere es allerdings viel zu wenig – ich bin einfach zu faul. Die Schreibmaschine bringt für mich da irgendwie ein spielerisches Element hinein. Wie eine Modelleisenbahn. Das Ratschen des Papiers, wenn ich es hineindrehe, der Schlitten, der von rechts nach links wandert und wieder zurückfliegt. Und dann natürlich das „Pling“ des kleinen Glöckchens, wenn ich gewarnt werde: Gleich ist die Zeile zu Ende. All das macht das Schreiben auf meiner Schreibmaschine zu einem lebendigen Erlebnis.

© Tristan Fiedler

© Tristan Fiedler

Mein Modell habe ich auf der Auer Dult gekauft, einem Jahrmarkt, der dreimal im Jahr in München stattfindet – und eigentlich eher das Ziel älterer Herrschaften ist, die sich hier neben Gemälden, antikem Schmuck, kitschigen Porzellanengelchen oder Putzbürsten auf dem neuesten technischen Stand jede Menge antiquarischen Krimskrams kaufen können. Hier stand sie neben einem Stahlhelm aus dem Ersten Weltkrieg und sah aus, als sei sie die Waffe gewesen, die den Soldaten trotz Helm das Leben gekostet habe. Die Continental ist ein Modell aus den ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts und wiegt 25 Kilogramm. Ein wahres Monstrum. Schreiben ist hierauf wirklich Arbeit. Und bedeutet im wahrsten Sinne des Wortes: Nachdenken, was man schreiben will. Die Typenhebel müssen einen weiten Weg zum Papier zurücklegen. Deshalb müssen die Tasten tief hinuntergedrückt und mit sehr viel Entschlossenheit bedient werden. Das laute „Wumm! Wumm!“, mit dem die Buchstaben sich dann in das Papier hineingraben, macht einem deutlich: Diese Worte sind für die Ewigkeit. Wähle weise.

Zum Glück haben meine Schwiegereltern auf ihrem Schwabinger Dachboden noch eine Continental Reiseschreibmaschine gefunden. Sie ist wesentlich kleiner, leichter und das Schreiben fühlt sich nicht so sehr danach an, als meißele man Worte in eine Steintafel. So kann ich je nach Laune wechseln. Meine langen Texte schreibe ich allesamt auf dem Computer, wie zum Beispiel meinen letzten SP-Roman „Das Dunkle Bild“ (erhältlich z.B. auf Amazon). Doch kleinere Kurzgeschichten, die ich zur Übung schriebe, Briefe an Freunde, Merkzettel oder Etiketten für Einmachgläser werden bei mir allesamt auf der Schreibmaschine geschrieben. Und durch das Schreiben auf der Continental hat sich auch meine Herangehensweise an Texte auf dem PC geändert. Ich denke mehr über die Sätze nach. Denn fast schon erwarte ich, dass ich wieder das laute „Wumm! Wumm“ höre, wenn ich die Tastatur bediene.

© Tristan Fiedler

© Tristan Fiedler

Wer übrigens am PC schreibt und sich immer schon gefragt hat, weshalb die Tastatur nicht alphabetisch geordnet ist: Auch hier hat die Schreibmaschine ihren Einfluss. Denn die Reihenfolge der Buchstaben wurde bei der Schreibmaschine so gewählt, dass die am häufigsten verwendeten Buchstaben möglichst weit auseinander liegen. So sollte verhindert werden, dass die Typenhebel sich auf dem Weg zum Papier und wieder zurück ständig ineinander verhaken. Auch das Lösen der Hebel gehörte beim Schreiben dazu. Die Schreibmaschine mahnte einen sozusagen zur Besonnenheit, wenn man sich zu sehr in Ekstase schrieb. Denn man sollte sich daran erinnern: Schreiben ist nicht nur Spaß. Schreiben ist harte Arbeit.

Tristan Fiedler

INFO: https://twitter.com/tristanfiedler1

Nona – Trailer from Michael Wolf on Vimeo.

Das „Kellerwerk“ und die Olivetti M40 Kr. (vereinfachte Kriegsausführung)

Upcycling – so wird der Prozess genannt, in dem aus Abfallprodukten oder (scheinbar) nutzlosen, weil nicht mehr verwendeten Stoffen oder Produkten andere, neuwertige Produkte entstehen. Wenn z.B. aus der Trommel einer alten Waschmaschine ein Hocker entsteht, oder aus alten Schwimmwesten aus Flugzeugen wasserabweisende, belastbare Rucksäcke werden. Aus einem alten Dia-Projektor eine Lampe gemacht wird. Aus den Tasten einer ausrangierten Schreibmaschine Manschettenknöpfe und Ringe… Yikes!!! Darüber hüllen wir jetzt aber rasch den Mantel des Schweigens…

But you get the idea. Das Ganze ist einerseits Ressourcen-schonend, andererseits auch etwas, das dem Lifestyle-Gefühl anspricht. Etwas Handgefertigtes mit einem Hauch von Historie. Und darauf haben sich eben Sascha Johannik und Romana Fürst vom Geschäft „Kellerwerk“ in der Gumpendorfer Straße im 6. Wiener Gemeindebezirk spezialisiert.

© Rodja Pavlik

© Rodja Pavlik

Mir ist das Geschäft schon früher aufgefallen, weil ich schon länger nach einem strapazierfähigen Rucksack für meine Hermes Baby suche. Doch als ich voriges Jahr eines Tages an dem Geschäft vorbeikam, erregte etwas anderes meine Aufmerksamkeit.

Da stand sie – eine Olivetti M40 Kr. (vereinfachte Kriegsausführung) auf der Verkaufstheke. Ein Monstrum von einer Schreibmaschine, starr und unbeweglich. Natürlich ging ich sofort in das Geschäft.

Wie ich eintrat, bemerkte ich auch eine andere Schreibmaschine – eine Continental mit kyrillischen Schriftzeichen.

© Rodja Pavlik

© Rodja Pavlik

Und gleich daneben… Ringe aus den Tasten einer Schreibmaschine. Oy, das tut weh. :-/ Natürlich hatte ich den Verdacht, dass auch der Olivetti M40 Kr. ein ähnliches Schicksal drohen würde. Doch da konnte mich Romana Fürst beruhigen. Nein, dieser Maschine würde man nicht die Tasten entfernen.

Sie würden aus der Schreibmaschine eine Lampe machen!

D’oh!

© Rodja Pavlik

© Rodja Pavlik

Romana musste mir meinen Schock angemerkt haben, denn sie fragte mich gleich, wie viel ich für die ganze Schreibmaschine zahlen würde. Doch so ein sperriges Ding bei mir daheim? Leider habe ich nur Platz für Reiseschreibmaschinen, die man auch mal wegstellen kann.

Und so sehr mich das dräuende Schicksal der Olivetti M40 Kr. dauerte, so war ich doch recht neugierig. Man muss es ja so sehen. Diese Schreibmaschine will niemand. Sie wurde vielleicht schon seit Jahrzehnten nicht mehr gebraucht. Und macht es da nicht Sinn, etwas Neues daraus zu machen? Ich denke schon. So sehr mich auch der Gedanke schmerzt.

Und eine Lampe, der man den Schreibmaschinen-Ursprung ansieht, ist auf jeden Fall besser, als Ringe oder Manschettenknöpfe aus den Tasten.

Also bat ich Romana, mich über das Schreibmaschinen-Lampen-Projekt auf dem Laufenden zu halten, damit ich den Transformationsprozess für den Blog hier dokumentieren kann. Sie versprach es, betonte aber, dass es noch einige Zeit dauern würde.

Wochen, Monate vergingen – und nachdem ich keine Nachrichten bekam, schaute ich immer wieder bei „Kellerwerk“ vorbei. Vielleicht hatte man ja mich und mein Ansuchen vergessen. Aber da stand die Olivetti M40 Kr. noch immer auf der Verkaufstheke, noch immer unbehelligt.

Und dann passierte es: Wie ich wieder einmal ins Geschäft ging, um mich nach der Schreibmaschine zu erkundigen, sagte man mir, dass man die Lampen-Pläne ad acta gelegt habe und dass die Olivetti M40 als Dekoration im Shop bleiben würde. Vielleicht würde man sie für die Kunden zum Eintragen in einen Newsletter verwenden, auf jeden Fall sollte das sperrige Ding den hässlichen Belegdrucker verbergen, den man demnächst installieren würde.

© Rodja Pavlik

© Rodja Pavlik

So sehr der Transformationsprozess mich gereizt hätte, fiel mir doch ein Stein vom Herzen. Und ich bot gleich an, die nötigen Sachen zur Ingangsetzung der Schreibmaschine zu besorgen. Ich glaube, Sascha und Romana waren ein bisschen vorsichtig ob meines Enthusiasmus‘ – aber ich kann es ihnen nicht verdenken. Kommt da ein Typ ins Geschäft und bietet einfach von sich aus an, Sachen zu besorgen.

Ein kurzer Check zeigte, dass zumindest die Tasten und Typen einwandfrei funktionierten. Also besorgte ich noch ein Farbband (Gruppe 8) und zwei passende Metallspulen. Das hört sich so kennermäßig an, aber ohne Meister Schilhan in der Rochusgasse im dritten Bezirk hätte ich absolut keinen Tau davon gehabt.

Danach spulte ich das Farbband auf die Metallspulen und installierte diese in die Olivetti M40 Kr. – und voila… Nun steht eine funktionierende Schreibmaschine im „Kellerwerk“.

Rodja

Nachträgliche Anmerkung von Sascha Johannik und Romana Fürst: Vielen Dank für den sehr gelungenen Bericht. Die Schreibmaschine kommt mit neuem Farbband übrigens super bei unseren Kunden an. Vielen Dank nochmal!

INFO: Kellerwerk, Gumpendorfer Straße 48, 1060 Wien Di – Fr 11-18 h und Sa 10-15 h www.kellerwerk.at

Typewriterhead

TYPEWRITERHEAD from Eric Giessmann on Vimeo.

Vor kurzem stießen die Schreibmaschinisten auf den sehr sehenswerten Film „Typewriterhead“ des deutschen Filmemachers Eric Giessmann. Der 28-Jährige aus Dormagen präsentiert damit seine Abschlussarbeit an der AKV ST Joost, Breda in den Niederlanden im Studiengang Animation.

© Eric Giessmann

© Eric Giessmann

Giessmann machte sein Abitur (Matura) 2006, fing zu studieren an – aber dann brachte eine plötzlich auftretende Krankheit sein Leben fast zum Stillstand. Er erlitt einen Tinnitus, kurz darauf ertaubte er – seine Innenohren waren ruiniert. Es kann sein, dass die Ertaubung und die anschließenden Behinderungen auf den Tinnitus zurückzuführen sind, die Ärzte können aber auch nicht ausschließen, dass die beiden Ereignisse unabhängig voneinander eintraten. „Genau genommen weiß man sehr wenig über die Vorgänge im Innenohr. Die Ärzte finden gegenwärtig keine plausiblen Gründe und es gibt auch keine direkten Therapiemöglichkeiten“, so Giessmann in einem Interview gegenüber den Schreibmaschinisten. „Zu dem Zeitpunkt hatte ich denkbar alles verloren, was mir zum Leben wichtig war“, schilderte er seine Lage. „Ich entschied mich nach dieser Episode für ein Cochlea-Implantat. Danach musste ich erst hören und gehen neu lernen.“ Erst als das einigermaßen klappte, konnte der Filmemacher sein Studium wieder aufnehmen und 2015 beenden.

In der Phase des erzwungenen Nichtstuns entstanden auch erste Ideen für den Abschlussfilm. „Es war mir wichtig, das Drehbuch selbst zu schreiben“, erzählt Giessman. „Die Idee mit der Schreibmaschine entsprang einer Skizze, die ich wären der Zeit gemacht hatte, als diese ganzen Probleme mit meinem Kopf anfingen. Natürlich konnte ich in der Zeit als Gefangener in meinem Körper leider denken und so hörte mein ‚Apparat‘ auch nicht auf zu rattern“, beschreibt der Animator die Situation.

© Eric Giessmann

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„Ich wägte noch zwischen ein paar anderen Ideen ab und entschied mich dann aber für den Schreibmaschinenkopfmann. Ich mochte den Charakter einfach. Und Charaktere, die man auf Anhieb mag sind gute Charaktere, weil man dann nicht mehr damit beschäftigt sein muss, ihn sympathisch zu machen.“ Auch ist der Film als Hommage an die Schreibmaschine zu verstehen: „Die Schreibmaschine trägt auch zu etwas Nostalgie im Film bei, sie ist etwas, das man nur noch aus Geschichten oder alten Filmen kennt. Heute ist sie durch den Computer ersetzt worden – damit wollte ich auch zum Ausdruck bringen, dass hier etwas zu Ende geht, etwas Aussterbendes. Der Schreibmaschinenkopf als ein Symbol des denkenden Menschen, das ist jedem sofort klar – und darum herum spann ich dann die Geschichte, die ich erzählen wollte.“

Obwohl optisch nicht so leicht erkennbar, da ziemlich verschlankt, stand eine Continental der Wanderer-Werke Siegmar-Schönau (siehe Foto von den Tonaufnahmen) als Pate. „Mein Vater hatte noch diese alte Schreibmaschine bei sich rumstehen, ich glaube, noch aus dem Zweiten Weltkrieg stammend. Wiegt fast ´ne Tonne und macht unglaublich hübsche Geräusche“, so der Filmemacher. „Ideal für den Sounddesigner Simon Kamphans und den Komponisten Robert Wolf (Facebook-Site).“

© Eric Giessmann

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„Ich versuchte, den Mechanismus zu verstehen und zu reparieren, putzte und ölte sie. Man ist doch überrascht, wie genial diese ganzen Schräubchen und Gewinde darin zusammen funktionieren. Da waren richtige Heureka-Momente dabei. Anschließend lief sie wieder Klasse und man konnte darauf schreiben. Das alles war natürlich wichtig für das 3D-Modell nachher im Computer“, so Giessmann.

Die Tonaufnahmen waren ein wesentlicher Bestandteil der Produktion: „Wir haben einen Aufnahmetag organisiert, an dem Simon mit seiner ganzen Apparatur zu mir kam. Danach habe ich wild auf dem Teil rumgetackert, gehackt, geschlagen, gekratzt… was eben alles so geht, während Simon mit Headphones da saß und die Elektronik bediente. Danach war die Schreibmaschine etwas verbogen, aber ich konnte sie wieder reparieren“, erklärte Giessmann abschließend.

© Eric Giessmann

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Privat wird Eric Giessmann die Schreibmaschine eher nicht verwenden. „Ich hatte die Idee, ein paar offizielle Briefe mit ihr zu schreiben – mit schön vielen mit X übertippten Rechtschreibfehlern, aber ich bin noch nicht dazu gekommen“, so der deutsche Filmemacher. Und ganz pragmatisch: „Der Hauptzweck von ihr bestand darin, als Filmreferenzmaterial zu dienen.“

Rodja

INFO: Film-Site: http://animatedshortf.blogspot.de/; www.ericgiessmann.com/