Die Schreibmaschine als Deko

Auf der Suche nach Spuren der Schreibmaschine in der heutigen Zeit habe ich mir auch die klassischen Versandhäuser einmal näher angeschaut Als ich ein junger Bursche war, gingen in unserem Gemeindebau die dicken Kataloge der Versandhäuser um – die Bibeln des selig machenden Konsums wurden von Haushalt zu Haushalt gereicht. Eine Hausfrau bestellte den Katalog, andere borgten ihn sich aus.

Ich war fasziniert von den ganzen Sachen, die es da gab. Stereoanlagen, Platten, Spielekonsolen (und da rede ich von Atari und Activision), Video-Recorder (Video 2000, Betamax, VHS) – und auch Spielfilme! Und ich war so unschuldig damals, dass ich mir rein gar nicht vorstellen konnte, wie dieser „Massagestab“ funktionieren sollte. Massage ja, aber wie soll dieser Stab auf dem Rücken funktionieren? Und warum wurde ein diskreter Versand versprochen?

Aber ich schweife ab. Der Versandhandel und die Schreibmaschine haben ja eine gemeinsame Historie. Man nehme z.B. die Neckermann Brillant Junior, die eigentlich eine in der DDR hergestellte Groma Kolibri ist, die Neckermann quasi als Eigenmarke verkaufte. (Kleiner Exkurs: Vor Jahren bin ich über die Doku „Die Akte Joel“ über den unheilvollen Konnex zwischen Neckermann und US-Popstar Billy Joel („Uptown Girl“) gestoßen.)

Wieder zurück zum Thema. Natürlich nahm ich an, dass die Versandhäuser noch immer Schreibmaschinen verkaufen. Aber eher diese modernen, elektronischen – mit Zeilenspeicher und Korrekturfunktionen. Und damit hatte ich teilweise Recht. Neckermann hat solche, Otto wiederum nicht.

Womit ich allerdings auch nicht gerechnet habe, ist, dass z.B. das Versandhaus Otto die Schreibmaschine als Dekorations-Objekt verkauft. Das machte mich neugierig. Waren das echte Schreibmaschinen? Und woher bekam Otto die?

Die Spur führte zum Zulieferer, dem Versandhandel Heine, der die Schreibmaschinen um rund 180 Euro (exkl. Versandkosten) auch direkt vertreibt. Über das Deko-Objekt schreibt Heine auf seiner Homepage: „Ob eine Originalschreibmaschine von zum Beispiel Orga, Continental, Optima oder Olympia, alle verschönern einen Schreibtisch, ein Regal, eine Kommode, etc. auf außergewöhnliche Art und Weise. … Die Schreibmaschinenmodelle lassen sich herrlich in viele Wohnstile integrieren. So harmonieren sie wunderbar mit Einrichtungen im Kolonialstil, im Shabby-Chic oder im romantischen Stil.“

Screenshot

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Die Schreibmaschine quasi als funktionsloses Möbelstück, als modisches Accessoire? War das ein neuer Trend? Auf Nachfrage bei Heine erfuhren die Schreibmaschinisten: „Alte Raritäten wie Schreibmaschinen oder Nähmaschinen sind aktuell sehr gefragt, natürlich schön anzuschauen und etwas Besonderes, wofür Heine steht.“ Die Maschinen werden dabei anscheinend nur oberflächlich restauriert: „Unser Lieferant arbeitet die Maschinen auf, damit man zwar ein antikes Stück in Händen hat, aber die Optik trotzdem schön anzusehen ist.“

Welche Schreibmaschine der Kunde genau bekommt, weiß er im Vorhinein nicht. Nur die ungefähren Eckdaten – Gusskorpus, H/B/T ca. 24/40/34 cm – bekommt er, damit er sich schon mal Gedanken machen kann, wo er die Schreibmaschine aufstellen kann. Auf Nachfrage erklärte Heine: „Allgemein sind alte Schreibmaschinen schwierig zu bekommen und können sehr unterschiedlich im Aussehen sein. Damit unser Kunde so gut wie möglich weiß was ihn erwartet, haben wir uns entschieden uns auf gezielte Modelle zu konzentrieren.“ Dabei verspricht Heine Originale aus den 30er- und 40er-Jahren, also nicht unbedingt die schlechtesten Jahrgänge für eine Schreibmaschine.

Da die Schreibmaschine als reines Dekorationsobjekt verkauft wird, fragte ich mich, ob sie absichtlich entfunktionalisiert wird. Wie eine Pistole, die ja für Deko-Zwecke auch schussunfähig gemacht wird. „Wir verkaufen die Artikel als Dekoobjekt, da wir nicht dafür garantieren können, dass jede Maschine funktionsfähig ist. Sie werden allerdings nicht absichtlich funktionsunfähig gemacht“, so Heine. Das wollte ich dann doch noch etwas präziser haben. Hatte ich das richtig verstanden, dass die Schreibmaschinen – da nicht absichtlich stillgelegt – also im besten Fall reibungslos funktionieren könnten, im schlechtesten Fall eben nicht? Heine bejahte dies.

Wie das Produkt am Markt angenommen wird, beschrieb Heine so: „Spezielles Feedback unserer Kunden haben wir bis dato noch nicht erhalten, allerdings sind die Artikel gut nachgefragt, was ein positives Feedback ist.“

Rodja

INFO: www.heine.de

Leyya: „Superego“

Die österreichische Gruppe Leyya hat anscheinend niemand auf dem Radar gehabt. Zumindest tun jetzt alle so überrascht. Das Duo aus Eferding (Oberösterreich) wird gerade mit seinem Debütalbum „Spanish Disco“ in den Medien abgefeiert, als gebe es kein Morgen. Dabei bewegen sich die beiden durch das Video zu ihrer Single „Superego“, als hätten sie nie etwas anderes gemacht. Und der Clip von Regisseur Gabriel Hyden strotzt nur so von Retro-Sachen: Filmprojektor, Schreibmaschine, etc.

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Auf Anfrage der Schreibmaschinisten erzählte Regisseur Gabriel Hyden einige Details: „Die Schreibmaschine ist eine Optima Elite, hab sie vor vier Jahren in Berlin gekauft. Schreib auch ab und an drauf, aber ich müsste das Farbband mal wechseln, deshalb steht sie ein wenig am Abstellgleis im Moment. Aber sonst tut sie einwandfrei ihren Dienst, wenn auch als Requisite. Ich hab zum Beispiel das erste Rohskript zu meinem (Anm.: in Planung befindlichen) Film darauf geschrieben. Die Überlegtheit, die man mitbringen muss, find ich super. Ist einfach ein durchdachteres Schreiben darauf.“

Rodja

PS: Wenn man sieht, wie die Frau an der Schreibmaschine den Zeilenschalthebel bedient, könnte man glauben, dass sie das erste Mal an so einer Maschine sitzt.

INFOhttp://gabrielhyden.comwww.leyya-music.com