Typewriterspotting: „Himbeeren“ von Kayo

Mit Linz, der Hauptstadt von Oberösterreich, verbinde ich nicht all zu viel: Stahlstadt (voest alpine, Linz-Donawitz-Verfahren), ars electronica, Industrie, Smog (war in den 1980ern ein Ding, das ständig in den Nachrichten kam), meine dänische Freundin als Au-pair in Linz-Leonding. Und musikalisch? Da fällt mir eigentlich nur österreichischer HipHop ein, vor allem durch die Vorreiter-Band Texta geprägt. Wobei ich dazu sagen muss, dass ich da nicht so viel Ahnung habe – und ich daher auch musikhistorisch vielleicht nicht unbedingt richtig liege.

© Kayo

Nun hat vor kurzem der Linzer HipHopper Kayo das Video „Himbeeren“ veröffentlicht. (Vielen Dank an Filmemacher Markus Kaiser-Mühlecker fürs darauf aufmerksam machen.) „Himbeeren“ ist die Vorabsingle zu seinem zweiten Solo-Album, das voraussichtlich – so Corona will – im Sommer veröffentlicht wird.

Und was fällt mir in dem Clip auf? Schreibmaschinen, gleich drei Stück davon! Natürlich musste ich gleich nachfragen, was der Linzer Musiker, der auch das Video als Regisseur inszeniert hat, mit der Schreibmaschine so verbindet. Durch den kleinen Sketch in der Mitte des Videos nahm ich sogar an, dass Kayo seine Texte selbst mit der Schreibmaschine schreibt. Doch dem war leider nicht so. Dennoch setzt er beim Texten auf Old-School-Techniken, wie er den Schreibmaschinisten auf Anfrage verriet. Er erzählte auch, wie er auf die Idee mit den Schreibmaschinen kam – und wie er diese im Video umsetzte.

Kayo verbindet mit der Schreibmaschine in erster Linie ein Relikt aus vergangenen Tage. „Wie viele analoge Geräte aus früheren Tagen, strahlt auch die Schreibmaschine eine gewisse Faszination auf mich als Sinnbild für Entschleunigung aus. Außerdem bringt die Schreibmaschine beim Tippen eine gewisse Absolutheit mit, die man in digitalen Zeiten nicht mehr gewohnt ist“, erzählt der Musiker.

Er selbst habe damals in der Schule noch Maschinschreiben gelernt. „Auch meine Eltern hatten immer eine zu Hause, und da mich der kreative Schaffensprozess schon als Kind faszinierte und ich mir immer irgendwelche Dinge ausdachte und niederschrieb oder zeichnete, liebte ich auch diese Schreibmaschine, weil Ideen die man im Kopf hat plötzlich manifest werden konnten.“

Doch das ist schon lange her. Tatsächlich habe er bis vor dem Dreh schon lange nicht mehr mit der Schreibmaschine geschrieben. Doch wie kam er überhaupt darauf? „Die Idee, eine Schreibmaschine zu verwenden kam daher, dass ich den Songtext, der ja ausschließlich aus Schüttelreimen besteht, naturgemäß nicht schnell auf einer Schreibmaschine runtergetippt habe, sondern dass das schon ein paar Wochen dauerte bis ich alle Reime zusammen hatte. Ich fand es witzig, im Video zu suggerieren dass mir das alles gerade einfällt, während ich so auf der Schreibmaschine dahin schreibe“, erklärt Kayo. „Mir kam ein alter Video-Effekt in den Sinn, bei dem der Song beim Videodrehen in halber Geschwindigkeit gesungen wird. Wenn das Video dann in doppelter Geschwindigkeit abgespielt wird, passen die Lippenbewegungen wieder zum Original-Song, aber alle anderen Bewegungen sind sehr schnell. Ich dachte mir, dass dieser Effekt das Schreibmaschinen-Schreiben sehr lustig wirken lassen könnte, was sich nach ein paar Test-Shootings auch bestätigte.“

Was bei dem Clip auffällt, ist, dass der Text ohne Tippfehler geschrieben wurde. Kayo dementiert aber, dass ein „Stunt-Typer“ für den Dreh verwendet wurde. „Ich habe den Text selber getippt, das war aber nicht besonders schwer – wir wandten dazu auch den besagten Video Trick in Extremform an. Die Geschwindigkeit des Songs wurde für den Dreh 8-fach verlangsamt, so konnte ich sehr gemütlich tippen, und am Ende wurde das Video in 8-facher Geschwindigkeit abgespielt, und passte somit wieder zum Original-Song.“

Aber woher kommen dann die drei Schreibmaschinen (eine Triumph, eine Olympia SM und eine Olympia Traveller)? Vor allem zumindest noch eine gut funktionierende? „Als ich meiner Freundin von der Schreibmaschinen-Idee fürs Video erzählte, meinte sie gleich ihr Vater hätte noch zwei, drei Schreibmaschinen zuhause rumstehen. Er päppelte diese dann ein wenig auf und los ging’s“, erzählt Kayo.

Aus persönlicher Erfahrung wissen die Schreibmaschinisten, dass der Gebrauch von Schreibmaschinen immer wieder Reaktionen hervorrufen. Größtenteils angenehme, manchmal auch weniger erfreuliche. Wie war das jedoch am Set? Laut Kayo war Schmunzeln und Verwunderung die häufigste Reaktion. „Darauf tippen wollten eher Kinder, da diese ja in der Regel noch nicht mit einer Schreibmaschine in Kontakt gekommen waren. Da ja eine Kamera involviert war hielten die Leute aber in der Regel einen gewissen Respektsabstand“, erklärt Kayo.

© Kayo

Ob der Linzer Musiker nach dem Dreh denn Lust bekommen habe, in Zukunft auf die Schreibmaschine zu setzen? Da winkt Kayo doch ab: „Es hat sehr viel Spaß gemacht, wieder mal eine zu benutzen, aber ehrlich gesagt kann ich es mir im Moment schwer vorstellen, dass die Schreibmaschine in meinem Alltag wieder mal eine Rolle spielen könnte. Aber falls es mich überkommt, ist es gut zu wissen, dass drei Schreibmaschinen allzeit bereit stehen. Die Schreibmaschinen werden natürlich weiter in Ehren gehalten und warten auf ihren nächsten Einsatz“, so Kayo.

Dennoch bleibt der HipHopper beim Texten dem Old School verhaftet. „Meistens schreibe ich mit Stift und Papier, alleine schon, weil ich auch meine Beats auf dem Rechner produziere und das Schreiben dann eine willkommene Bildschirmpause darstellt“, so Kayo. Aber so ganz will er auf Modernes nicht verzichten: „Unterwegs tippe ich immer Songideen und Reime in mein Handy, vor allem Schüttelreime.“

Rodja Pavlik

INFO: Mehr Infos zu Kayo auf www.kayo.at

Im Farbrausch

Auf den tippenden Straßenpoeten Luke Winter bin ich bereits 2017 gestoßen, als der Brite über Crowdfunding sein Buch „Stories for Strangers Vol. II“ (hätte eigentlich „Stories while they waited No.2“ heißen sollen) finanziert bekommen wollte. Ich spendete einen Betrag – und bekam dafür auch das fertige Buch.

© Rodja Pavlik

Vor kurzem wurde ich dann über einen Blogeintrag des Australiers Robert Messenger wieder auf Luke Winter aufmerksam. Was ich nämlich nicht wusste: Der Poet fertigt nämlich auch ganz besondere Farbbänder für Schreibmaschinen an.

Farbbänder… Ich kenne viele Schreibmaschinen-Nutzer, die nur eine Farbe haben wollen. Damit können sie doppelt so viel auf Schwarz/Weiß tippen als mit einem zweifärbigen. Ich wiederum nutze, wenn es geht, zweifärbige Bänder. Man kann damit einem Text zusätzliche Nuancen verleihen. (Zu den Vorteilen von zweifärbigen Bändern aber ein anderes Mal.)

Luke Winter bietet nun ganz besondere Farbbänder an – und zwar mehrfärbige. D.h., auch mehr als zwei Farben. Und die Farben sind nicht untereinander, sondern nebeneinander. Man kann nicht zwischen zwei Farben wählen, indem man einfach auf die jeweilige Farbspur umschaltet, sondern geht beim Tippen jede Farbe durch. Dadurch erscheint der Text auch so schön bunt. Multi-colour-Farbband, sozusagen. Oder, wie Luke Winter sie nennt, Rainbow Typewriter Ribbons.

© Rodja Pavlik

Auf seiner Homepage, wo er auch seine Bücher vertreibt, bietet er die Rainbow Typewriter Ribbons um 14 britische Pfund (4 m) und 18 britische Pfund (8 m) an (exkl. Versandkosten).

Die Idee gefiel mir ganz gut, allerdings habe ich nicht unbedingt gute Erfahrungen mit custom made Farbbändern gemacht. Das Anliegen in Ehren, aber die Leute, die oft dahinter stecken, haben oft nicht die Expertise, geschweige denn das nötige Equipment, um gute Farbbänder herzustellen. Ich habe schon mal einige custom made-Farbbänder bestellt, die Qualität war nicht besonders berauschend. Vor allem trocknete die Farbe schnell aus.

Dennoch orderte ich Luke Winters Rainbow Typewriter Ribbons, weil ich die Idee an sich gut, neu und unterstützenswert finde. Sie bringt Farbe und ein bisschen Frische in die Typosphere.

© Rodja Pavlik

Der Versand funktionierte auch rasch und tadellos. Bekommen habe ich zwei kleine Schachteln mit offenen Farbbändern und einer kleinen Beschreibung. Normalerweise bekommt man ja die Bänder in Folie eingeschweißt, damit sie nicht austrocknen. D.h., Luke Winters Farbbänder sind wohl für den baldigen Gebrauch gedacht.

Für das reine Rainbow Typewriter Ribbon sollte der Käufer selbst zwei Original-Schreibmaschinenspulen parat haben. Nicht diese Einweg-Plastik-Einwegspulen, wie man sie beim Kauf eines normalen Farbbandes bekommt, sondern jene Spulen, die als Original-Zubehör bei älteren Maschinen manchmal zu finden sind. (Wenn sie nicht weggeschmissen wurden.) Die sind aus Metall und haben meist einen Widerhaken, an dem man das Farbband aufspießen/befestigen kann.

Ich beschloss, das Farbband auf einer kürzlich erstandenen Triumph Durabel zu testen. Auf deren Spulen wickelte ich das Rainbow Typewriter Ribbon auf. Um nicht zu schmutzig zu werden, benutzte ich Einweg-Küchenhandschuhe. Ein bisschen kommt man sich da auch wie ein Chirurg vor.

© Rodja Pavlik

Die Installation verlief recht problemlos. Und dann tippte ich darauf los. Zuerst einzelne Sätze – aber da kamen die wechselnden Farben zu wenig zur Geltung. Also schrieb ich eine längeren Text. Am Anfang war die Farbe noch recht schwach, aber wenn man ein bisschen ins Tippen kam, wurde es besser. Und wenn man mehrere Zeilen geschrieben hat, dann kann man sich schon einen ersten Eindruck machen.

Auf den ersten Blick bietet sich auch ein wirklich gefälliges, farbenfrohes Schriftbild. Nur wenn man etwas genauer schaut, merkt man, dass die Buchstaben nicht immer perfekt abgedruckt werden. Auf Anfrage meinte Luke Winter, dass es damit zusammenhängen könnte, dass ein frisches Farbband noch zu viel Farbe hat. Erst nach einiger Benützung würde sich das einpegeln und ein schärferes Schriftbild ergeben.

Ich muss noch hinzufügen, dass meine Triumph Durabel wahrscheinlich auch gewartet gehört, deswegen kann ein Teil der farblichen Unzulänglichkeiten natürlich damit zusammenhängen, dass die Maschine nicht ganz einwandfrei arbeitet bzw. die Gummiwalze verhärtet ist.

Dennoch fiel mir auch bei Fotos von anderen Nutzern des Rainbow Typewriter Ribbon im Internet auf, dass ebenfalls eine gewisse Unschärfe der Buchstaben vorhanden ist.

© Rodja Pavlik

Fazit: Im Großen und Ganzen bin ich mit dem Produkt von Luke Winter zufrieden. Gut, einen Artikel oder ein Buch werde ich damit nicht schreiben, aber für spezielle Sachen wie Briefe kann ich mir den Einsatz des Rainbow Typewriter Ribbon durchaus vorstellen. Würde ich es noch einmal bestellen? Definitiv ja. Es bietet doch einen gewissen Schauwert.

Rodja

INFO: Luke Winter: www.storiesforstrangers.com, https://prancepress.ecwid.com; Rainbow Typewriter Ribbon: Direkt-Link Edit: Ach, so etwas von bad timing. Gerade erfahren, dass Luke Winter für ein Monat nach Griechenland geht – und erst ab März wieder liefern kann. 😦

2. Type-In in Münster

Dieses war der erste Streich,
doch der zweite folgt sogleich…

© Ralf Börger

Man möge mir verzeihen, aber Weihnachten naht – und da ist es schwierig, Zeit für sein Hobby zu finden. Und so habe ich es vollkommen verschwitzt, dass in Münster bereits am 2. Dezember 2017 das erste Type-In der Stadt stattgefunden hat.

Doch das ist nicht ganz so schlimm, denn am 16. Dezember folgt bereits das zweite Type-In – und zwar ab 16:00 Uhr im Hansa-Coworking. Organisiert wird das Event von der Schreibmaschinenlyrikerin Marion Lohoff-Börger.

Insgesamt warten sechs Maschinen wie die Triumph-Matura oder eine rote (sic!) Olympia Monica darauf, von Interessierten ordentlich bearbeitet zu werden. So lässt sich die Weihnachtspost mit Vintage-Feeling prima erledigen.

Der Eintritt ist frei, eine kleine Spende für Materialkosten wird aber gerne gesehen.

Rodja

INFO: Marion Lohoff-Börger https://schreibmaschinenlyrik.jimdo.com/, http://www.marion-lohoff-boerger.de/. 2. Type-In in Münster, 16. Dezember 2017, ab 16:00 Uhr. Hansa Coworking, Dortmunder Str. 25, 48155 Münster. https://www.hansa-coworking.de/.

Was Otto Office sich unter Retroflair vorstellt

Ich geb’s zu, ich bin schon älteren Semesters. Dennoch bin ich mir sicher, dass viele in Bezug auf Schreibmaschine bei Begriffen und Phrasen wie „back to the roots“, „Tipp-Erlebnis neu aufleben lassen“, „ein Stückchen Nostalgie ins Arbeits- und Berufsleben zurückbringen“ und „charmantes Retroflair“ sich andere Geräte vorstellen, als die so vom Büroartikel-Versandhandel Otto Office ganz aktuell beworbene Triumph Adler Twen 180 plus.

Mir da eine elektronische Schreibmaschine vorzusetzen ist schon ein bisschen eine Enttäuschung. Andererseits finde ich es wieder herzig, mir so ein altmodisch wirkendes Verkaufsvideo zu präsentieren. Und – das muss auch betont werden – es ist wohl das neueste Werbevideo für eine Schreibmaschine.

Auf der Produktseite von Otto Office gibt es ein längeres Video, in dem wenigstens auch eine historische Adler 7-Schreibmaschine (zumindest entnehme ich das dem Gerede im Video) in Aktion zu sehen ist. Wobei sie sich da a bisserl mit den Jahrhunderten vertan haben: „Bereits im 18. Jahrhundert sorgte die Entwicklung der Schreibmaschine für Furore.“ Das wäre von 1700 bis 1799…

Aber wenn ich ehrlich bin – wenn schon eine elektronische Schreibmaschine, dann eine durchsichtige vom US-Unternehmen Swintec.

Rodja

INFO: www.otto-office.com/de/Buerotechnik/Schreibmaschinen/207100/s

Die einsame Gabriele

Vor kurzem habe ich mir Farbbänder für meine Schreibmaschinen beim „Miller“ besorgt. Das Geschäft ist zweigeteilt – der eine Part mit edlen Sachen wie Füllhalter, gebundenen Kalendern, etc., liegt direkt auf der Mariahilfer Straße. Für Bürosachen wiederum muss man in den Hinterhof hinein und in ein eigenes Lokal gehen.

© Rodja Pavlik

© Rodja Pavlik

Auf meinem Weg ins hintere Geschäft bemerkte ich einen Haufen Müll – viele leere Koffer und vollgestopfte Pappkartons. Auf meine Frage im Geschäft antwortete man mir, dass anscheinend im Haus die Dachböden entrümpelt wurden. Man sei auch verärgert darüber, denn der Müll hätte längst abgeholt werden sollen.

© Rodja Pavlik

© Rodja Pavlik

Als ich aus dem „Miller“ kam, sah ich mir noch einmal den Haufen an. Da fiel mir zwischen den ganzen Koffern ein kleiner auf. Eine Schreibmaschine! Nach anfänglichem Zaudern öffnete ich den Koffer und entdeckte eine Gabriele 20 von Triumph-Adler. Ein stark gebrauchtes Ding – und von der Verfärbung her würde ich auch auf einen starken Raucher schließen. So richtig grindig halt. Aber trotzdem ein trauriger Anblick. Ein kurzer Check zeigte, dass die Maschine noch tippte. Aber das hässliche Ding mit nach Hause nehmen? Lieber nicht. Da hängt der Haussegen schief.

© Rodja Pavlik

© Rodja Pavlik

Ironie am Rande: Viele halten ja Schreibmaschinen für out-of-date und reif für den Müll. Aber ihren Nachfolgern ergeht es keinen Deut besser, wie ein Apple PowerBook 540c vor Ort beweist. (In der Schachtel, auf der das PowerBook steht, war auch ein entsorgter, vollständiger Desktop-Computer – mit Bildschirm und sonstiger Hardware – drinnen.)

Und drei Mal darf man jetzt raten, welches der vorgefundenen Geräte noch immer seine Bestimmung erfüllt. Na?

© Rodja Pavlik

© Rodja Pavlik

Wie man sich vorstellen kann, ist es dann leider doch nichts mit dem guten Vorsatz geworden, die Schreibmaschine NICHT mit nach Hause zu nehmen. Sie ist wirklich stark gebraucht, hat aber ein sehr schönes Schriftbild. Das Zugseil (sag ich jetzt mal als Laie) müsste wohl auch neu gespannt werden, der Tabulator ist doch ein bisschen lahm.

Aber keine Sorge, Gabriele 20 ist nur auf Zeit da. Ich werde sie ein bisschen sauber machen und sie dann zum Second-Hand-Geschäft 48er-Tandler (ein Erfahrungsbericht dazu hier) bringen. Falls sie verkauft wird, kommt der Erlös wenigstens karitativen Zwecken zugute.

Rodja

© Rodja Pavlik

© Rodja Pavlik

Fabian schreibt auf einer Hermes Baby

Hurra, der zweite Gastbeitrag zu „…schreibt auf einer…“. Diesmal Fabian Neidhart, der von seiner Hermes Baby schreibt. Der 29-jährige Stuttgarter ist Straßenpoet, Sprecher und Botschafter des Lächelns. Auf seiner Homepage Mokita.de bietet er außerdem seinen Roman „Das Leben ist ein Erdbeben und ich stehe neben dem Türrahmen“ unter einer Creative Commons-Lizenz kostenlos an. Man kann das Buch aber auch um zehn Euronen über Amazon beziehen.

© Fabian Neidhart

© Fabian Neidhart

Meine Geschichte mit Schreibmaschinen beginnt 2010. Ich bin in Berlin, auf einer Lesung und verbringe ein paar Tage mit einer Freundin, die ich viel zu selten sehe. Und bei ihr im Zimmer steht eine Schreibmaschine. Es ist eine schwere, selbst für eine Schreibmaschine alte Maschine. Wenn ich davor jemals eine Schreibmaschine benutzt habe, kann ich mich nicht mehr dran erinnern. Meine Erinnerung an Tastaturen beginnt mit acht Jahren und dort ist das ein 386er mit Windows 3.11 und einem Speed-Button. Nichts mit Schreibmaschine. Aber eben dann.

© Fabian Neidhart

© Fabian Neidhart

Ich verbringe Stunden damit, mich mit der Maschine vertraut zu machen. Mit schmerzenden, geschwärzten Fingerkuppen fahre ich Tage später nach Hause und ich weiß, dies wird nicht meine letzte Begegnung mit Schreibmaschinen gewesen sein. Und tatsächlich, ziemlich bald darauf finde ich eine Anzeige, in der zwei Schreibmaschinen verschenkt werden, eine elektrische und eine manuelle. Ich melde Interesse an und schleppe ein paar Tage später zwei Koffer quer durch Stuttgart. Die elektrische Maschine ist direkt in den Keller gewandert, die andere auf meinen Schreibtisch, eine Triumph Norm von 1936. Damit ging es los.

Danach habe ich drei Jahre lang so ziemlich jede Schreibmaschine aufgenommen, die im Umkreis von Stuttgart verschenkt wurde. Deshalb stehen nun knapp 20 Schreibmaschinen auf dem Dachboden meiner Eltern, einige Olympia, ein paar Triumph und Adler und wenige Olivetti und noch ein paar andere. Meist Büromaschinen, wie sie in den 1970ern zum Arbeiten genutzt wurden. Und bis auf zwei IBM Selectric II alles manuelle Maschinen. Meine Lieblingsmaschine dabei ist die Hermes Baby von 1949. Sie ist neben einer Olivetti Valentine auch die einzige, für die ich Geld bezahlt habe. Einen Euro. Als einziger Bieter bei einer Auktion auf eBay, die nur Abholung anbot und zwei Straßen von mir entfernt war.

Wenn man sich mit Schreibmaschinen beschäftigt, stößt man unweigerlich irgendwann auf die Hermes Baby. Sie ist das MacBook Air der Schreibmaschinen, eine Reisschreibmaschine, auf der beispielsweise Steinbeck geschrieben hat und die Max Frisch in „Homo Faber“ verewigt. Mit ihr habe ich Anfang 2011 das Ding namens Straßenpoesie begonnen. Ich sitze mit ihr auf Designmärkten, Kunstausstellungen oder Parties, Passanten nennen ein Thema und einen Preis und ich schreibe dann Geschichten auf Blankopostkarten. Macht unglaublich viel Spaß. Und immer habe ich zu viel zu tun.

© Fabian Neidhart

© Fabian Neidhart

2012 habe ich den Tumblr-Blog „typewriterspotting“ eröffnet, in dem ich Schreibmaschinensichtungen in Filmen, Serien und so weiter sammele.

Meine kleine Sammlung an Schreibmaschinen liegt mittlerweile auf dem Dachboden meiner Eltern. Ganz manchmal mache ich mit ihnen Workshops mit Jugendlichen. Führe sie an das Analoge und die Kreativität ran. Leider aber viel zu selten. Ich persönlich schreibe immer wieder auf der Hermes Baby. Es hat das Analoge eines Bleistifts oder eines Füllers und gleichzeitig das Bestimmte einer Computerschrift. Nur eben nicht so leicht auslöschbar. Man schreibt definitiv anders auf einer Schreibmaschine.

© Fabian Neidhart

© Fabian Neidhart

Für mein aktuelles Romanprojekt „Eine Nacht mit genügend Schlaf ist nur eine weitere, an die du dich nicht erinnern wirst“ habe ich die ersten fünf Seiten auf einer Schreibmaschine geschrieben. Für mehr bin ich leider zu faul. Deshalb nutze ich auch seit 2008 das gleiche Notizbuch, weil ich mir fast immer nur Notizen mache und den Rest dann am Computer schreibe. Ich will nicht alles doppelt abtippen müssen. Trotzdem, ich liebe diesen Grat von Altem und Neuem, und vor allem, die Verbindung dieser beiden Sachen. Und da gehören Schreibmaschinen definitiv dazu.

Fabian Neidhart
www.mokita.de
http://typewriterspotting.tumblr.com/

© Fabian Neidhart

© Fabian Neidhart

Schreibmaschinenthriller „Die Muse“ gratis online

Eva Merz - © high5films / ghost light productions

Eva Merz – © high5films / ghost light productions

Vor kurzem habe ich hier den No-Budget-Indie-Thriller „Die Muse“ des in Salzburg lebenden Filmemachers Christian Genzel vorgestellt, in dem eine Triumph electric 131f eine nicht unwesentliche Rolle spielt.

Nun bietet Regisseur Genzel eine Sommeraktion an: Er serviert sein kleines, aber feines Psycho-Kammerschauspiel „Die Muse“ für kurze Zeit gratis.

Bis einschließlich Sonntag (09. August 2015) gilt: Mit dem Kennwort SWORDFISH kann man den Film auf der VOD-Seite Vimeo gratis streamen – einfach beim Leihvorgang das Passwort angeben.

Synopsis: Katja (Henriette Müller), eine junge Frau Mitte zwanzig, erwacht in einer Zelle in einem Kellerraum. Ein Mann stellt sich ihr vor – es ist Peter Fischer (Thomas Limpinsel), ein Schriftsteller, der ihr erklärt, warum sie da ist: Sie ist Muse und Inspiration für sein neues Buch, und sie soll freiwillig in Gefangenschaft bleiben, damit er weiterschreiben kann. Er will ihr klarmachen, dass er an etwas Wichtigem arbeite und sie Teil dessen sein könne.

Zwischen den beiden entsteht ein Machtspiel: Katja versucht, Fischers Schwächen zu erkennen und sie auszunutzen, um aus der Gefangenschaft ausbrechen zu können, während Fischer immer wieder probiert, sie von seiner Sache zu überzeugen, und sie für ihre Fluchtversuche bestraft. Die Situation eskaliert…

Rodja

Hier geht es zum Videostream: http://vimeo.com/ondemand/diemuse (Passwort: SWORDFISH nicht vergessen)