Eine Schreibmaschine von LEGO

Warnung! Dies ist kein Spielzeug! … Na ja, zumindest nicht für Kinder.

Die Idee zu einer LEGO-Schreibmaschine geisterte ja schon einige Jahre hier herum – doch nun ist es soweit. Gestern, am 9. Juni, hat der Klemmbaustein-Hersteller aus dem dänischen Billund bekanntgegeben, dass offiziell am 1. Juli (für VIP-Kunden bereits ab 16. Juni) ein solches Set auf den Markt kommt.

Der Artikel stammt aus der LEGO Ideas Serie. Das bedeutet, dass ein LEGO-Fan eine Designidee auf der Plattform von LEGO Ideas einreicht. Dann stimmt die Community über das Projekt ab. Je erfolgreicher das Projekt ist, desto besser. Nach Abschluss des Votings setzt sich LEGO mit dem Design auseinander und entwickelt das Produkt zur Serienreife.

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© LEGO – Eine Hommage an die Schreibmaschine

Das ursprüngliche Design stammt vom Briten Steve „The Brick Consultant“ Guinness, der den Prototypen der Schreibmaschine bereits 2018 einreichte. „Ich wollte etwas vollkommen anderes erschaffen, etwas, das LEGO vorher so noch nie kreiert hat. Etwas, das zeigt, dass man mit LEGO einfach alles machen kann“, so Guinness in einem Interview. Zu Recherchezwecken kaufte er sich extra eine alte Schreibmaschine, deren Mechanismus er genau studierte. „Ich hoffe, es erweckt in älteren LEGO-Fans wie mir etwas Nostalgie – und in jüngeren Fan, die vielleicht noch nie eine richtige Schreibmaschine gesehen, so etwas wie Staunen und Neugierde darauf.“ Weiterentwickelt wurde die Schreibmaschine dann von den LEGO-Designern Wes Talbott und James May.

Das 2.079-teilige Set ist – wie man wohl sieht – nicht als Spielzeug gedacht, sondern als Modell. Als Altersgruppe wird auch 18+ angegeben. Es stellt eine dreireihige Fantasie-Schreibmaschine (die Ziffern-Reihe wurde eingespart) mit der englisch-sprachigen QWERTY-Tastenreihe dar. Die Tasten sind voll beweglich und gehen nach Tastendruck auch wieder in ihre Ursprungsposition.

Natürlich ist es keine richtige Schreibmaschine, sondern soll nur die Funktionsweise andeuten. So sind eben keine richtigen Typen vorhanden, die die Buchstaben durch ein echtes Farbband auf Papier pressen. Und wenn man genau hinsieht, so wird nur der mittige Typenhebel nach vorne katapultiert. Allerdings bewegt sich der Wagen mit jedem Tastendruck nach vorne. Auch lässt sich Papier „einspannen“. So weit ich das aber vom Video beurteilen kann, dürfte die Mechanik des Zeilenschaltens nur angedeutet sein (da kann ich mich aber auch irren). Und ob der Zeilenschalthebel einen festen Ruck aushält?

Auch bin ich neugierig, ob LEGO das Element der Glocke berücksichtigt hat. Ich bezweifle es, weil da hätte LEGO mit einem anderen Material als Plastik arbeiten müssen. Aber so ein helles Ping am Ende der Zeile… das hätte schon etwas.

Als zusätzliche Gimmicks gibt es eine Imitation eines Farbbandes sowie einen in Schreibmaschinen-Form geschriebenen Brief von LEGO-Geschäftsführer  Thomas Kirk Kristiansen in mehreren Sprachen, den man einspannt – und so die Illusion einer funktionierenden Schreibmaschine vervollkommnen kann.

Das Set „Typewriter“ wird mit der Nummer 21327 herauskommen und rund 200 Euro kosten. Gut, dafür könnte man mindestens vier echte, gut funktionierende Schreibmaschinen kaufen – dennoch finde ich es eine gelungenen Hommage an mein liebstes Schreibgerät. Auf jeden Fall besser als jene Plastik-Tippsen aus China, die vor einigen Jahren auf den Markt kamen, die tatsächlich schreiben konnten (aber trotzdem ein größerer Witz sind).

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© LEGO – Sicher ein begehrtes Sammelobjekt

Ich persönlich finde die Idee, die LEGO da verfolgt hat, ganz, ganz toll. Bin mir allerdings nicht ganz sicher, ob ich mir das Set leisten werde – vor allem, da man für das Geld gleich mehrere funktionierende Schreibmaschinen bekommen kann. Andererseits habe ich schon einen Haufen Schreibmaschinen-Accessoires – also warum nicht dieses auch? Na, über meine endgültige Entscheidung werdet Ihr eh hier lessen.

Der ideologische Wert dieses Sets ist aber nicht zu unterschätzen. LEGO hält mit diesem Produkt das Andenken an die Schreibmaschine am Leben. Es kann auch zu einem kurzlebigen Hype führen – vor allem, wenn man sich ansieht, wie viele Videos, Kommentare und Blog-Artikel zur LEGO-Schreibmaschine seit der offiziellen Bestätigung durch LEGO allein seit gestern herausgebracht wurden. Das ist ein Wahnsinn! Da sieht man, wie heiß ersehnt dieses Projekt war, welche Emotionen eine Schreibmaschine – und sei es nur als LEGO-Produkt – auslösen kann. Und vielleicht führt es dazu, dass sich LEGO-Kunden dann auch mit einer echten Schreibmaschine auseinandersetzen. Das wäre eine win-win-Situation.

Rodja

PS: Ich möchte daran erinnern, dass es noch immer kein Schreibmaschinen-Emoji gibt.

PPS: LEGO stammt von den Wörtern „leg godt“ ab. So heißt auf Dänisch „spiel gut“. Etwas, das mir meine dänische Freundin vor Urzeiten mal erklärt hat. Vielen Dank dafür, Solveig.

Ronny Rindler und der Freewrite, Teil 2

Der Freewrite? Das Freewrite?! Keine Ahnung, welcher Artikel da jetzt passt. Nachdem es ja eigentlich ein abgespeckter Computer ist, tendiere ich zu „der“. Das Gerät habe ich hier ja schon des Öfteren vorgestellt. Eigentlich würde mich das Ding ja schon sehr reizen… aber es ist mir doch einfach zu teuer. Und nachdem man den Freewrite nicht so einfach hierzulande antesten kann, sondern quasi blind aus den USA bestellen muss, habe ich vor einer Investition letztendlich zurückgescheut (obwohl ich das Geld bereits ausgelegt habe – aber letztendlich überwogen die Zweifel und ich zog mein Investment wieder zurück). Dennoch… die Versuchung ist stark.

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© Astrohaus

Einer, der sich den Freewrite geleistet hat, ist der in Wien lebende Schreibcoach und Autor Ronny Rindler. Ich durfte schon einmal ein Video von ihm hier posten, in dem er den Freewrite vorstellt. (Und er interviewte mich auch zum Gebrauch der Schreibmaschine hier.)

Nun hat Ronny vor einiger Zeit ein weiteres Video zum Freewrite gepostet. Anlass war der NaNoWriMo, der National Novel Writing Month, in dem Autoren den ganzen November Zeit (in Zahlen: 30 Tage!!!) haben, einen Roman mit mindestens 50.000 Wörtern zu verfassen. (Nicht irritieren lassen, der National Novel Writing Month ist auch international schon eine Institution geworden.) Aufgrund des NaNoWriMo konnte Ronny den Freewrite wieder auf Herz und Nieren (in diesem Fall wohl Platinen und Chips) testen und nun ein umfangreicheres Fazit auf Video abliefern. Enjoy!

Rodja

INFO: Ronny Rindler: https://www.rindlerwahn.de. Auf Youtube: RINDLERWAHN schreibverrückt

6 nützliche Tipps für die Schreibmaschine

Woran merkt man, dass Schreibmaschinen beliebter werden? Nun, zum einen daran, dass die Preise auf diversen Gebraucht-Plattformen langsam anziehen. Und zweitens, dass es Youtuber gibt, die sich mit dem Thema beschäftigen. Im englischsprachigen Raum gibt es die schon länger, aber hier im deutschsprachigen Raum sind mir erst vor kurzem gleich zwei Vlogger aufgefallen. Was ärgerlich ist, weil ich eigentlich auch ein paar Videos machen wollte. Aber jetzt habe ich ja keinen Grund mehr dazu. Pfffff….

Aber zurück zu den deutschen Vloggern. Bei diesen handelt es sich zum einen um Kolibri, der sich auf Schreibmaschinen aus der ehemaligen DDR zu spezialisieren scheint, und zum anderen um BADULAI, der Schreibmaschinen vorstellt, aber auch Tipps gibt.

Und sechs recht bemerkenswerte Tipps hat BADULAI in diesem englischsprachigen Video hier zusammengestellt.

An und für sich spricht BADULAI deutsch, warum er hier aber auf Englisch switcht, entzieht sich meiner Kenntnis. Dennoch sind die Tipps leicht zu verstehen – und ich muss zugeben, dass ich ein bisschen baff bin. Ich habe eigentlich nur einen Trick davon gekannt (Stichwort: Lineal) – und einen zweiten Trick kannte ich in der Theorie, aber erst durch diesen filmischen Beitrag wurde mir klar, wie er anzuwenden ist (Stichwort: fehlender Buchstabe – obwohl… Korex oder Tipp-Ex verwend ich nimmermehr). Dafür ein ganz großes Danke an BADULAI.

Auf jeden Fall habe ich die beiden abonniert und freue mich über weitere Beiträge.

Rodja

Erik schreibt auf einer IBM Selectric II

Hand auf’s Herz: Wie viele haben schon bei der Überschrift eine Schnappatmung bekommen? Kaum hängt an einer Maschine ein Stromkabel, so ist sie für viele Schreibmaschinen-Fans unattraktiv. Auch Richard Polt bricht in seinem „Typewriter Revolution“-Buch nur sehr bedingt eine Lanze für die elektrischen Maschinen. 

Im Prinzip kann ich es für elektronische Maschinen noch verstehen, auch wenn selbst diese Plastikbomber mit ihren Typenrädern ihre eigenen Fans haben. Alleine schon dieser seltsame Klang wenn das Rädchen gedreht wird und die Plastiktype auf das Papier trifft. Und trotzdem sind selbst diese Maschinen entschleunigender und die Schriftstücke brauchen mehr Hirnschmalz als bei irgendwelchen Computer-Pamphleten.  

Ich weiß, dass viele gerade diese wunderbare mechanische Eleganz der stromlosen Maschinen schätzen, aber wie sehr ist eine IBM Selectric erst ein Wunderwerk der mechanischen Technik? Eine Kugel, die gedreht und in vier verschiedenen Neigungswinkeln präzise das Papier erreichen muss? Filigraner kann Schreibmaschinentechnik fast nicht werden und nicht umsonst verzweifeln viele Hobbybastler an einer Selectric.  

© Eric Schlicksbier

Für mich erfüllt sie aber zwei ganz andere, elementare Zwecke. Zum einen bin ich ein absoluter Schriften-Fetischist. Schreibmaschinen mit der Pica-Schrift, egal wie selten ein Model sein mag, kann man mir nachwerfen und sie interessieren mich nicht. Abseits der Pica wird es spannend, was bei mir zunehmend zu einem Platzproblem führt. Bei einer IBM Selectric kann ich alle Schriften in einer Maschine haben — ich muss nur den Kugelkopf gegen den einer anderen Schrift austauschen, was auch wunderbar mitten im Text geht. So was eignet sich hervorragend um Zitate oder Zwischenüberschriften hervorzuheben oder Wörter durch kursive Auszeichnung hervorzuheben.

Apropos kursiv: Eine kursive Schrift ist noch immer mein Traum auf einer mechanischen Maschine. So was aber in einer haptisch vernünftigen Maschine in gutem Zustand und zu einem bezahlbaren Preis zu finden, gleicht fast einem Sechser im Lotto. Für die IBM kostet so eine Schrift in den geneigten Börsen nur ein paar Euro. 

© Eric Schlicksbier

 Nicht alles wurde von IBM perfekt designt. Die Schreibschrift fällt gerade in den Buchstaben „g“ und „f“ ganz deutlich im Vergleich zu den beiden RaRo-Schreibschriften (RAnsmeyer ROdrian Schriftengießerei) ab. Und bei dem „t“ der Dual Gothic fragt man sich endgültig, was die Designer da geritten haben mag. Angesichts der verfügbaren Schriften ist das aber Klagen auf hohem Niveau.

© Eric Schlicksbier

 Der andere Zweck, den sie für mich erfüllt, ist das schnelle Schreiben von Briefen. Ich muss zugeben, dass das eine sehr persönliche Problematik ist. Ich werde vielleicht nie verstehen können, wie Menschen es schaffen, auf einer mechanischen Maschine im 10-Finger-System brauchbar zu schreiben. Ich bekomme mit vielen Fingern nicht den notwendigen Druck hin, bzw. scheitere am richtigen Rhythmus so dass sich die Typen nicht ständig miteinander verhaken. Auch wenn ich auf einer mechanischen Maschine schnell zu schreiben vermag, so kommt es nicht im geringsten an meine Geschwindigkeit an einer IBM heran. Als zusätzlicher Bonus lassen sich Vertipper auch nahezu spurlos von dem Papier tilgen — egal, ob das Papier weiß ist oder nicht. 

© Eric Schlicksbier

 Neben den ganzen rationalen Gründen habe ich aber auch eine emotionale Bindung zu den Selectric Modellen, die mich vielleicht wohlwollender auf solch elektrischen Maschinen blicken lässt. Mein Vater war Chefarzt in einer Kinderklinik und fast immer wenn wir gemeinsam in der Stadt oder auf dem Markt unterwegs waren, wollte er „mal eben“ nach dem Rechten schauen oder hatte „nur kurz“ was zu erledigen. Nicht immer konnte ich bei den Visiten und Untersuchungen dabei sein und dann hat er mich immer in seinem Vorzimmer geparkt, wo ich die Selectric seiner Sekretärin für mich entdeckt hatte. Zwar kannte ich Schreibmaschinen von zu Hause, wo wir eine Olympia Color-Tip S, eine Olympia SF und eine elektrische Triumph Gabriele 5000 hatten, aber sie waren allesamt nicht vergleichbar mit der Magie und dem Klang eines rasenden und ratternden Kugelkopfes. Als die Leidenschaft für Schreibmaschinen wieder neu entfachte, war klar, dass irgendwann auch eine Selectric auf meinem Schreibtisch stehen musste.

© Eric Schlicksbier

Dieses Jahr habe ich mich dazu entschieden, Schreibmaschinen auch wieder beruflich zu nutzen. Als Fotograf und Podcaster muss ich immer wieder Konzepte und Texte erstellen. Ideen wollen gesammelt und ausgearbeitet werden. Allerdings bleibt die Selectric dafür ausgeschaltet und ich greife meist zu meiner Olympia SM3 mit der Congress Perl Elite Schrift (zu der vielleicht zu späterer Zeit mal mehr). Der Schreibfluss ist bei der Ausarbeitung solcher Konzepte ein völlig anderer. Längere Pausen des Nachdenkens sind nichts seltenes und in diesen Situationen bekommt das Grundsurren des Motors einer Selectric fast schon etwas Spöttisches: „Was? Du kommst schon wieder nicht weiter? Du musst schon wieder überlegen? Steckst Du fest?“. Eine mechanische Maschine wartet hingegen treu geduldig, bis die nächste Taste betätigt wird — egal, wie lange das dauern mag.

Erik

INFO: https://www.schlicksbier.com/

Andreas schreibt auf einer Mercedes Superba

Anm.: Als ich die Rubrik „… schreibt auf einer…“ kreierte, hoffte ich, anderen Leuten Lust auf die Schreibmaschine zu machen. Was ich jedoch nicht bedachte… Ich könnte mir selbst Appetit auf neue Schreibmaschinen holen. Autor Andreas Freiherr Mattes von Rothenstein, der freundlicherweise zum zweiten Mal einen Beitrag für diese Kategorie geschrieben hat, hat mich ja schon auf eine Adler „angespitzt“. Und auch beim vorliegenden Artikel denke ich: „Mann, ich muss die mal ausprobieren!“

Komischerweise denke ich das jetzt auch bei einer elektrischen IBM Selectric, von der mir ein anderer Bekannter so vorschwärmt (Du! Ja, DU!!! Du weißt genau, dass ich Dich meine!!!). All diesen wunderbaren Menschen möchte ich ein aufrichtiges „Danke! Und F.U.!!“ ausrichten. ;-D Doch nun zurück zum eigentlichen Artikel.

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Kurvenreich und doch geradlinig? Kann das sein?

Memo an mich selbst: Stöbere nicht so viel im Internet nach Schreibmaschinen. Andererseits wäre mir dann diese Schönheit entgangen. Sie ist für mich eine der schönsten Kleinschreibmaschinen, die ich bisher gesehen habe. Und sie sieht nicht nur elegant aus, sie schreibt auch so. Die Mercedes Superba. Ein genaues Baujahr konnte ich nicht festlegen, irgendwann um 1940 herum dürfte sie hergestellt worden sein. Bis 1954 wurde sie von den Mercedes-Büromaschinen-Werken in Zella/Mehlis gebaut. Als ich sie auf den Fotos vom Verkäufer sah, dachte ich: „Huch, was ist das denn?“ Solch eine geschlossene Schreibmaschine hatte ich noch nie gesehen.

© Andreas Mattes

Meistens liegt das Typensegment ja offen und man kann den Typen bei ihrem Auf und Ab zusehen, wenn sie ihre Abdrücke aufs Papier bringen. Aber hier ist alles geschlossen, beim Schreiben tauchen die Typen nur einen kurzen Moment auf und verschwinden dann wieder im Gehäuse. Scheinbar fühlte sich der ein oder andere Büromensch durch die Bewegung der Typen beim Schreiben irritiert und ein schlauer Ingenieur sorgte für Abhilfe, in dem er die Schreibmaschine mit einem geschlossenen Deckel versah. Unter dem Deckel ist ein Filzpolster angebracht, welches zusätzlich die Tippgeräusche dämpft, man sieht also keine „zappelnden“ Typen und hört auch recht wenig von ihnen, was das Schreiben für alle im Raum Anwesenden wesentlich erträglicher macht. Auf unsere beiden Hunde wirkt das rhythmische Geklackere sogar schlaffördernd, ihre Schnarchgeräusche sind auf jeden Fall lauter als die Schreibmaschine.

© Andreas Mattes

Als mir die Maschine angeliefert wurde, war sie im originalen Holzkoffer, in dem sie wohl die meiste Zeit ihres Daseins verbracht hatte. Eigentlich hatte sie keinerlei Staub angesetzt, der Lack war schwarz wie die schwärzeste Nacht, einzig das kleine Schildchen für die Farbbandauswahl war abgelöst. Dieses erinnert mich irgendwie an die Flagge Frankreichs. Ein paar Tropfen Kleber und es war wieder an seinem Platz, unter dem schwarzen, gewölbten Deckel. Einmal mit der Druckluftpistole vorsichtshalber die Schreibmaschine ausgeblasen, eine Grundreinigung der Tasten, dann ein paar Tropfen Öl und ein neues, zweifarbiges Farbband eingelegt und sie war schreibfertig.

© Andreas Mattes

Ich bin begeistert von ihrer Formschönheit, die so selten zu sehen ist, sie ist ein wahrer Augen- und Ohrenschmaus und es macht richtig, richtig Spaß auf ihr zu schreiben, denn sie lässt sich sehr weich „anschlagen“.

Für die Einstellung der Papierränder kippt man das Blech mit der goldenen Schrift „Mercedes“, an dem die ausklappbare Papierstütze befestigt ist nach vorne und gelangt so an die Randsteller, die ansonsten nicht zu sehen sind. Kommt man dann beim Schreiben an den Punkt wo es nicht mehr weitergeht, man aber mehr will, drückt man vorne, links oben über der Eins, einen gerändelten Knopf und kann dann bis zum Blattende weiterschreiben. Rechts außen am Gehäuse befindet sich ein ebenfalls gerändelter Drehknopf, mit dem man die Farbbandrollen umspulen kann, wenn eine Rolle während das Schreibens abgespult sein sollte.

© Andreas Mattes

Was sofort ins Auge springt, sind die roten Umschalttasten links und rechts an der Tastatur, die wunderbar aus dem glänzenden Schwarz hervorstechen. Aber nicht nur das Schreiben auf ihr macht Spaß, es ist auch eine Freude sie nur zu betrachten. Es soll tatsächlich Menschen geben, die finden Schreibmaschinen ästhetisch und der bloße Anblick einer solchen bringt die Augen zum Leuchten. Ich gehöre definitiv dazu.

Andreas

INFO: Autoren-Site von Andreas Freiherr Mattes von Rothenstein auf Facebook: https://www.facebook.com/ScriptoriumPoetas

Andreas schreibt auf einer Adler 7

Jede Dummheit findet einen, der sie begeht

Bisher fand ich Schreibmaschinen eher zum Sterben langweilig. Nie habe ich mir darüber Gedanken gemacht. Genauso wenig wie über Briefmarken. Briefmarkensammler fand ich sowieso immer irgendwie seltsam. Dass man aber auch Schreibmaschinen sammeln kann, erfuhr ich erst unlängst am eigenen Leib. Und das kam so:

Mitte des Jahres habe ich die kleine Kindergeschichte „Die Rückkehr der verlorenen Träume: Eine kleine Geschichte, nicht nur für kleine Ritter“ in Buchform über den Buchhandel veröffentlicht, so mit allem Drumherum, mit Verlag, Druckerei, Pressebericht und allem was dazu gehört. Und da ich eigentlich immer schon gerne geschrieben habe und auch im Internet mehr oder weniger anonym bereits mehrere Gedichte und kleinere Texte veröffentlicht habe, schimpfte ich mich, nach dem ich das erste, eigene Buch in den Händen hielt, stolz „Autor“. Und was gehört unbedingt zu einem richtigen Autor? Richtig, eine Schreibmaschine. Aber, dass eine Schreibmaschine unbedingt zu mir gehört, wusste ich eigentlich erst, als ich zufällig auf einer bekannten Internet-Auktionsplattform über eine aus den frühen 1930er Jahren stolperte. So etwas musste her, nur aus Jux und nur zur Dekoration und zum Angeben.

Zuvor wusste ich nicht einmal, dass es so etwas überhaupt noch gibt. Über diesen Fund war ich höchst erfreut und auch im Glauben, etwas höchst Seltenes entdeckt zu haben. Aber dem war nicht so, denn alte Schreibmaschinen gibt es noch wie Sand am Meer und so kam dann diese alte Mercedes Modell Nr. 6 zu mir aufs Sideboard. Aber sie tat nichts, außer gut aussehen, so ganz in Schwarz mit dem gewissen Etwas. Irgendwann dachte ich so bei mir, es wäre sicher toll, auf einer solch betagten Maschine zu schreiben. Und dieser Gedanke war bereits der Beginn einer Virusinfektion, die man nicht unterschätzen sollte. Langer Schwede, kurzer Finn, es kamen mehr und mehr funktionierende Schreibmaschinen hinzu.

Ich konnte alle wirklich für einen angebissenen Apfel und ein Ei im Internet erwerben, ok, manche kosteten zwei Äpfel und mehrere Eier, aber alles hielt sich im Rahmen. Die meisten waren Reiseschreibmaschinen im Koffer, aus den  50er/60er Jahren, die ich allein wegen der Optik ansprechend fand. Die Geschichten dahinter erforschte ich erst danach. Und dann fielen mir die Schreibmaschinen nur so zu, überall in meiner näheren Umgebung wurden welche angeboten, da konnte ich nicht „Nein“ sagen, zumal der Preis mir ein „Nein“ unmöglich machte. Nun hatte ich auch Schreibmaschinen von 1930 – 1940, die nicht nur toll aussahen, sondern auch tadellos funktionierten. Es sind keine spektakulären Maschinen, dafür gibt es weitaus wertvollere und seltenere, aber spektakulär müssen sie ja auch nicht sein.

Irgendwann vermittelte mir ein auf Facebook befreundeter Schreibmaschinist diese Adler 7, auf der ich gerade schreibe. Die Adler 7 war mir bereits ein Begriff, aber näher befasst hatte ich mich damit noch nicht. Sie wurde ihm angeboten, damit sie nicht beim Schrotthändler landet, aber er lehnte aus Platz- und Zeitgründen ab. Also schrieb ich der Besitzerin eine Mail, handelte einen Preis aus, nicht mehr als ein Menü bei McDonald’s für zwei Personen und bat sie, die Maschine gut zu verpacken, da sie ja versendet werden musste. Sie kam aus der Nähe von Bonn und ich wohne ihm Saarland. Ich schrieb, dass es schade um die Maschine wäre, wenn sie solange überlebt hätte und jetzt vom Paketdienst ein vorzeitiges Ende bereitet bekäme.

© Andreas Mattes

Dann kam es wie es kommen musste und die Vorbesitzerin brachte das Paket mit der Maschine zum Versandshop, wo das Paket dann, immerhin elf Kilogramm schwer, von der Angestellten vom Tresen unsanft auf den Boden befördert wurde, bevor der Zusteller es zu mir beförderte. All dies schrieb mir die Vorbesitzerin in einer Mail und hoffte, dass nichts kaputt ging. Gott sei Dank war dem auch so, die Maschine hatte Sturz und Transport unbeschadet überstanden.

© Andreas Mattes

Und da stand sie dann vor mir, eine der legendären Adler 7 von 1914, die alleine durch ihr schickes Aussehen, schwarz mit goldfarbenem, geschwungenem Schriftzug, beeindruckte. Leider funktionierte sie nicht auf Anhieb, aber mit einem stolzen Alter von einhundertsechs Jahren darf man auch mal ein Zipperlein haben. Da ich mich mittlerweile ein wenig in die Technik der Maschinen eingelesen hatte, war das Zipperlein auch schnell behoben und sie hätte funktioniert, wenn…. ich ein passendes Farbband gehabt hätte. Farbbänder dieser Maschinen haben nicht die 13mm Breite wie die meisten neueren Maschinen, sondern 25mm Breite. Dazu fand ich nichts Passendes im Internet, bis ich einen Tipp bekam, dass es Drucker gäbe, mit 25mm Farbband. Ich wurde dank Google gleich fündig und spulte das neue Farbband nach Erhalt auf die alten metallenen Farbbandspulen der Adler 7 um. Dass das bestellte Farbband 50m lang war, ich aber lediglich höchstens 10m bräuchte, war mir gleich, ich kürzte es auf die benötigte Länge. Also fädelte ich das neue Farbband auch in die Farbbandgabel ein und tat erst einmal nichts, außer ehrfürchtig vor der Maschine sitzen und sie zu bestaunen. Für all die Hebel und Rädchen dachte ich, benötigt man ja einen Maschinisten-Lehrgang.

Sie sah so ganz anders aus, als alles was ich bisher in und auf meinen Regalen hortete. Und auch die Anordnung der Buchstaben auf der Tastatur war anders. Die Adler 7 hat nur drei Tastenreihen, anstatt der gewohnten vier Reihen. Selbst einige Buchstaben sind anders angeordnet und nicht da, wo sie üblicher Weise zu finden sind. Das erschwert das Schreiben damit, weil man eigentlich mehr sucht, als tippt. Vielleicht kommt daher der Ausdruck „ADLER-Such-System“, wer weiß.

© Andreas Mattes

Und auch die Funktionsweise der Adler 7 ist anders, dort, wo sonst Typenhebel sitzen, hat sie Stoßstangen, die bei jedem Tastenanschlag pfeilgerade vorschnellen, wie die Zunge einer Schlange und ebenso schnell wieder zurückschnalzen. Und nimmt man den  schweren Verkleidungsdeckel mit dem goldenen Schriftzug ab, sieht sie aus wie ein Ungetüm aus grauer Vorzeit.

Einhundertsechs Jahre stehen da nun vor mir und ich überlege, wer damit wohl schon in all den Jahren geschrieben hat. Sicherlich auch den einen oder anderen Liebesbrief. Naja, aber wozu braucht man ein ¾ Zeichen oder ein ½ Zeichen oder  ein ¼ Zeichen in einem Liebesbrief? Entweder man liebt ganz oder gar nicht, aber nicht in Brüchen. Wie dem auch sei, ich liebe diese Maschine jetzt schon, obwohl sie mich zur Verzweiflung bringt, aber das tut meine Ehefrau ja auch und ich liebe sie.

Und dann fange ich an zu schreiben, erst zaghaft, dann kräftiger und sie funktioniert. Sie gibt mir tatsächlich Antwort, ich kann es auf dem Papier sehen. Die Maschine und ich müssen uns erst kennenlernen. Es ist ungewohnt, weil man ordentlich Druck auf die Tasten bringen muss, damit auch am anderen Ende der Stoßstangen auf dem Papier etwas zu sehen ist, aber es macht unheimlich Spaß, gerade weil sie irgendwie anders ist und herrliche Geräusche dabei macht. Für ein Großraumbüro mit mehreren solcher Maschinen ist sie ungeeignet, zumindest nach heutigen Maßstäben. Jeder Buchstabe eine Musik für sich.

© Andreas Mattes

Die verchromte Umschalttaste für Großbuchstaben und zugleich auch für Zahlen und Zeichen liegt außerhalb des Tastaturfeldes am linken unteren Rand der Maschine und gibt ihr unter anderem das  interessante Aussehen. Für all diese Funktionen wird nur eine Taste benötigt, die entweder nur nach unten gedrückt wird um groß zu schreiben, oder nach unten gedrückt und dabei seitlich weggeklappt wird, um Zeichen zu schreiben. Auch die Umlaute ä, ü und ö muss man sich selbst zusammenbasteln. Mit einer „Tot-Taste“, die den Wagenvorschub nicht auslöst, setzt man die Pünktchen über den gewünschten Buchstaben und macht so zum Beispiel aus einem a ein ä. Rechts an der Maschine befindet sich ein Knopf, den man drücken kann, vom Aussehen ähnelt er sehr dem Choke-Knopf meiner auch schon betagten Harley-Davidson. Jedoch dient er hier nicht um den Kaltstart zu verbessern, sondern wird betätigt, wenn das  liebliche „Pling“ der verchromten Glocke erklingt und man noch ein paar Buchstaben über den eingestellten Rand hinaus schreiben möchte.

© Andreas Mattes

Es ist, als wäre man immer ein Fahrzeug mit Automatikgetriebe gefahren und fährt jetzt plötzlich Schaltgetriebe. Man benötigt Zeit, um fehlerfrei mit ihr schreiben zu können, Zeit, die man sich sowieso nehmen sollte, wenn man mit einer Schreibmaschine schreibt. Denn Schreibmaschinen sind im wahrsten Sinne Zeitmaschinen, weil sie eben zum einen aus einer anderen Zeit stammen und uns zum anderen entschleunigen und den Blick aufs Wesentliche richten. Hierbei ist es egal ob sie einhundertsechs  Jahre alt sind oder nur dreißig. Es ist und bleibt etwas Besonderes. Und das Besondere sollten wir uns immer bewahren.

Andreas

INFO: Autoren-Site von Andreas Freiherr Mattes von Rothenstein auf Facebook: https://www.facebook.com/ScriptoriumPoetas

Die DIY-Farbband-Umspulungsmaschine

Seit Jahren bin ich ein Fan von Vlogger Joe Van Cleave aus Albuquerque/New Mexico. Der Amerikaner ist Fotograf und Schreibmaschinen-Enthusiast. Neben seinem Blog betreibt er auf seinem Youtube-Channel unter anderem die „Typewriter Video Series“, für die er schon mehr als 240 Episoden produziert hat. Ehrlich, ich wusste nicht, dass man so viele Videos über das Thema Schreibmaschine machen kann.

Nun hat er vor kurzem ein Video über eine DIY-Farbband-Umspulungsmaschine veröffentlicht, das ich – mit seiner Erlaubnis – hier veröffentlichen kann.

© Joe Van Cleave

Für den normalen Gebrauch (sprich: alle heiligen Zeiten einmal ein normales Farbband umspulen) ist das Gerät wohl eher nicht gedacht. Vielleicht mehr für den professionellen Schreibmaschinenhändler, der mehrere Farbbänder auf einmal umspulen muss – oder von einer größeren Farbrolle mehrere kleinere Spulen bespulen möchte.

Dennoch finde ich das Gerät nachahmenswert. Eine nähere Beschreibung findet man auf Joes Blog. Die amerikanischen Maße mögen vielleicht irritieren, aber ich bin mir sicher, dass man auch mit Daumen x Pi eine ähnliche Maschine im metrischen Maß herstellen kann. Das Video hier wiederum zeigt auch noch die Anwendung einer Bohrmaschine fürs Spulen.

Rodja 

INFO: https://joevancleave.blogspot.com

Ralf schreibt auf einer daro Erika

Auf den Geschmack gebracht hat mich der Betreiber des Schreibmaschinisten-Blogs selbst. Als ich auf Instagram auf den Freewrite stieß, wurde ich neugierig. Nein, nicht dass ich in Versuchung gekommen wäre, für eine Tastatur mit e-Ink-Bildschirm und Speicher 650 Euro auszugeben. Aber ich wollte wissen, was das für ein Teil ist. Also Tante Google gefragt und auf dem Blog der Schreibmaschinisten gelandet. Die Euphorie über dieses Schreibgerät konnte mich auch hier nicht anstecken, aber ich habe mich mit einem anderen Virus infiziert: Der Bewunderung schöner, alter Schreibmaschinen. Lieber würde ich meinen Text auf einem solchen Gerät herunter hämmern wollen, als auf diesem abgespeckten Computer.

Erinnerungen wurden wach. Meine erste Schreibmaschine war eine giftgrüne (Privileg?-)Reiseschreibmaschine. Sie wurde bald abgelöst durch eine elektrische Schreibmaschine. Beide sind in dem Moment verschwunden, als der (zwei Monatsgehälter teure) PC auf meinem Schreibtisch Einzug hielt. Dessen Nachfolger, ein ESROM-Laptop, der es vom Gewicht her locker mit der elektrischen Schreibmaschine aufnehmen konnte, war wie sein Vorgänger ein Schreib-Werkzeug.

Um ins Internet zu gehen, musste man umständlich ein Modem in die Telefonbuchse stöpseln und anschließend viel Geduld mitbringen. Immerhin hielt einen das davon ab, „mal eben schnell“ ins Netz zu schauen, während man schrieb. Heute ist die Ablenkung allgegenwärtig. Hat man der Versuchung widerstanden, das am Vortag Geschriebene gleich wieder zu editieren oder gar zu löschen, sorgt der Klingelton einer eingehenden Mail umgehend und zuverlässig dafür, die Arbeit am Text zu unterbrechen. Ich komme mir manchmal vor wie der berühmte Pawlow’sche Hund. Warum also nicht mal ein Instrument ausprobieren, mit dem man ausschließlich reine Textverarbeitung betreiben kann? Nein, ich meine nicht dieses elektronische Gerät namens Freewrite, sondern seinen mechanischen Vor-Vorgänger.

Nachdem mich einige der Artikel der Schreibmaschinisten erst richtig heiß gemacht hatten, begann ich, auf dem bekannten Kleinanzeigenportal nach Schreibmaschinen zu suchen. Nur mal gucken, was man für so ein Teil heute anlegen muss.

© Ralf

Da ich nach der Wende in den ehemaligen Ostteil Deutschlands gezogen bin (eine andere Geschichte), bestand das regionale Angebot überwiegend aus Fabrikaten des Herstellers Robotron. Diesen volkseigenen Betrieb (der inzwischen lange abgewickelt ist) kannte ich bisher nur als Hersteller von Computertechnik. Aber egal. Also eine Robotron Cella. In edlem Schwarz, sowohl der Transportkoffer als auch die (Reise-)Schreibmaschine selbst. Wie neu blitzte sie mich auf den Verkaufsfotos an. Für kleines, für ganz kleines Geld: 20 Euro sollte das Prachtstück kosten. Also angefragt – und enttäuscht. Schon weg. Eh klar! Also weitersuchen.

Eine daro Erika (Anm.: daro steht für Datenverarbeitung, Automatisierung, Rationalisierung, Organisation) stach mir ins Auge, Hersteller Seidel & Naumann, später Robotron. Für einen ganz kleinen Taler – 10 Euro wurden aufgerufen. Und mit meiner Erika mache ich nun wieder meine ersten Versuche, wie früher im Zweifinger-Adler-Suchsystem. Der erste Text, der darauf entstand, war dieser Beitrag hier. Zur Strafe, dass er mich mit dem Virus angesteckt hat, wollte ich Rodja diesen Text als Typoskript zukommen lassen, aber ich habe es dann doch bei einem Foto und einer WORD-Datei belassen.

Spaß beiseite: Ich bin Rodja dankbar für die Arbeit, die er in seinen tollen Blog gesteckt hat und für die Inspiration aus den Artikeln.

Ralf

Rodja schreibt auf einer brother Electric 3600

Man sagt, seine erste Liebe vergisst man nie. Nun, Liebe war das zwischen mir und der brother Electric 3600 keine, mehr so eine Zweckgemeinschaft. Dennoch werde ich sie nie vergessen. Auf ihr habe ich nämlich ab Mitte der 1980er das Tippen gelernt – und zwar so richtig „blind“ das 10-Finger-System, das ich heute noch beherrsche. (Wenn ich so recht überlege, habe ich aus der damaligen kaufmännischen Schulbildung eigentlich nur meine Englisch-Kenntnisse und das Tippen in die Jetztzeit retten können.)

Wir hatten schon vor der brother Electric 3600 eine Schreibmaschine, so eine schwarze, mechanische Gusseiserne, die meine Mutter von ihrer amerikanischen Chefin, Mrs. Laura Hoelzinger, bekommen hat. Die hatte natürlich die amerikanische QWERTY-Tastatur – und somit keine Umlaute und kein ß. Trotzdem schrieb mein Vater auf ihr einige Kurzgeschichten für mich (siehe „Ein Fund, der zu Tränen rührt“).

Meine Mutter arbeitete bei Mrs. Hoelzinger als Haushälterin, doch irgendwann wollte sie es sich beruflich verbessern und belegte Kurse in Buchhaltung und Schreibmaschine. Und da wurde auch die brother Electric 3600 für daheim angeschafft. Das war vermutlich um 1982 rum – und die Maschine hat damals 2.300 Schilling (ca. 175,- Euro) gekostet. Das war damals in den 80ern wirklich viel Geld, eine richtige Investition also.

Dennoch wechselte meine Mutter nie ins Sekretariat. Das war vor allem eine Zeitfrage. Im Sekretariat hätte sie Vollzeit arbeiten müssen. Etwas, das mit einem Mann, der am Abend etwas Warmes auf dem Tisch haben wollte, und mit einem schulischen Sorgenkind (ich), das Aufsicht bei den Hausaufgaben am Nachmittag benötigte, nicht machbar war. Und so tippte manchmal mein Vater auf der elektrischen Schreibmaschine, aber sonst stand sie mehr in der Ecke herum.

Doch bald wurde sie aus dieser wieder hervorgeholt. Ich glaube, ich habe in der vierten Klasse Hauptschule als Freifach Schreibmaschine gehabt. Da schrieb ich aber eigentlich nur in der Schule, lernte also nie wirklich tippen. Dann kam ich in die Handelsakademie. Ein Schuljahr, das ziemlich katastrophal endete. Zwar lernte ich da schon etwas tippen und Stenografie, dennoch reichte es nur für einen Fleck in diesem Fach (und in vielen anderen). Danach ging ich in die dreijährige Handelsschule – und dort strengte ich mich so richtig an. Und ja, ich meisterte auch Stenografie und das 10-Finger-System.

In der Handelsschule tippte ich mehrere Jahre auf einer IBM Kugelkopfmaschine, später auch auf einer elektronischen Toptronic (von Hermes, wenn ich mich nicht irre) mit Zeilendisplay und -speicher. Und während ich im anschließenden Aufbaulehrgang zur Handelsakademie erstmals CTV (Computerunterstützte Textverarbeitung) hatte, tippte ich daheim auf der brother Electric 3600. Diese Schreibmaschine war durch viele Jahre meine treue Begleiterin – von den ersten Zeilen asdf asdf asdf bis hin zu Hausaufgaben, Referaten, Bewerbungen und den ersten Uni-Arbeiten (so 1994 herum – da wechselte ich aber rasch auf einen VideoWriter von Philips – hier ein Youtube-Video – mit einer Speicherdiskette. Das Ding hat mir mein Bruder damals geborgt.). Nur Liebesbriefe schrieb ich keine auf ihr.

Ready to hummmmmmmmmmmmm……

Und nun steht sie wieder vor mir – die brother Electric 3600. Orange-schwarz, made in Japan. Und mit einer Mission. Denn mein zehnjähriger Bub soll zwecks Medienkompetenz das 10-Finger-System erlernen. Dabei muss er jetzt schon Texte in Word tippen, abspeichern und versenden. Und wir sollen ihm das beibringen. Weil Lockdown und so.

Aus dem Grund habe ich nun die brother von meiner Mutter abgestaubt. Sie ist zwar ein Plastikbomber – und gerade die Abdeckung ist sehr dünn. Aber alles sitzt tadellos und man sieht auch keine Bruchstellen, wie das bei altem Plastik oft passiert.

Ich bin erstaunt, die Maschine ist in relativ gutem Zustand. Die Walze ist noch nicht einmal steinhart. Meine Mutter hat vor fünf Jahren das Farbband erneuert – und nach einem kurzen Einschreiben ist die Farbabgabe wieder perfekt. Aber ich sehe, welche Spuren der Gebrauch von Tipp-Ex und Korex-Blättern in den 1980ern hinterlassen hat. Grindig. Die Klingel, die das Zeilenende anzeigt, geht nicht. Aber das stört mich nicht so sehr

Es ist ein komisches Gefühl, die Maschine wieder anzuwerfen. Dieses Gerät hat mir immer einen Heidenrespekt eingeflößt, wenn es unter Strom stand. Wenn man die Hand an die Seitenwand legt, spürt man ein starkes Vibrieren. Und über allem liegt dieser Summton, so ein unheilvolles „Hummmmmmmmmmmm…“ (Hm, gibt es statt Summen auch Hummen?). Ähnlich den Transformatoren der elektrischen Eisenbahn, die mein Bruder als Kind hatte. Ich fühlte mich da immer unwohl – und auch jetzt ist das noch immer so.

Rodja goes electric!!

Verstärkt wird dieses ungute Gefühl auch noch durch ein gelegentliches „Aufbellen“ des Motors. Daran bin ich nicht ganz unschuldig. Als ich damals Stenografie und Schreibmaschine lernte, war mir oft fad im Schädel. Und da platzierte ich die Steno-Bleistifte immer in den Typenkorb und katapultierte sie mittels Tastenanschlags hinaus. Nur einmal ging es schief und der Blei landete über Umwege im Inneren der Schreibmaschine, wo er auch noch heute  sein Unwesen treibt, wenn er kurz in den Motor gerät.

Die Tastatur ist um Wesentliches leichtgängiger als bei meinen mechanischen Schreibmaschinen. Ein kurzer Druck; die Taste muss nur die Hälfte dessen und mit weniger Kraft niedergedrückt werden, als ich von meinen mechanischen her gewohnt bin. Die Typen fliegen so schnell, dass man sie nur schemenhaft sieht. Und dann auch noch dieses leicht futuristische Schriftbild (also für eine Schreibmaschine aus den 1980ern). Ein weiterer Vorteil der elektrischen Schreibmaschine: Neben dem leichtgängigen Tippen braucht man sich keine Sorgen machen, ob man zu schwach tippt – das Schriftbild ist immer gestochen und gleichmäßig scharf.

Wenn man mit dem Finger die Rückseite einer getippten Seite entlang fährt, spürt man ein leichtes Relief.

Nach einem Einschreiben

Die Tastatur hat auf jeden Fall schon sehr starke Ähnlichkeiten zu den damals aufkommenden Computerkeyboards – ob C64 oder die externen Keyboards der PCs der späten 1980er, frühen 1990er. Statt einem Zeilenschalthebel habe ich eine Power Return-Taste, für schnelles Vorwärtskommen in der Zeile den Repeat Spacer. Auch eine Rückwärts-Taste gibt es. Doch statt nur einem Schritt rückwärts pro Tastendruck (wie bei mechanischen) kann diese Schreibmaschine auch mehrere Schritte rückwärts gesetzt werden. Und das mit lautstarkem Rattern. Man merkt, dass da mechanische Kräfte am Werk sind.

Captain Power Return and the Repeat Spacers

Und erst heute merke ich, wie privilegiert ich damals war. Alle Schreibmaschinen, auf denen ich meine ersten Schritte machte, hatten die Ziffern 1 und 0 – einen Luxus, den die meisten meiner jetzigen mechanischen Schreibmaschinen nicht haben. Ich dachte lange Zeit, dass 1 und 0 eh die Norm wären, bis ich eben eines Besseren belehrt wurde.

So muss ich bei meinen mechanischen Schreibmaschinen oft eben das kleine „L“ als 1 und das große „o“ als 0 verwenden. Direkter Vergleich: 1 = l und O = 0. Am Computer bemerkt man natürlich den Unterschied, auf der Schreibmaschine gibt es zwar zwischen 1 und l einen kleinen Unterschied, zwischen 0 und O eher nicht. Aber beim Tippen ist es beim 10-Finger-System angenehmer, wenn die Zahlen alle in einer Reihe sind und ich bei manchen Ziffern nicht in Buchstaben umdenken muss.

1 ist nicht gleich l

Was ich erst jetzt wieder entdecke… die meisten Buchstaben geben auf Tastendruck nur einen Buchstaben ab – bis auf Bindestrich, Punkt und X. Wenn man diese Zeichen länger gedrückt hält, werden so lange diese Zeichen getippt, so lange man die Taste hält. Das macht auch Sinn, denn mit dem Bindestrich „–„ kann man durchstreichen bzw. bei Großschaltung unterstreichen, mit „xxxx“ kann man durch-xen. Und „…“ dienen als Platzhalter.

Ich weiß nicht, ob ich die brother Electric 3600 jetzt öfters benützen werde. Für ein flottes, gleichmäßiges Tippen ist die wirklich noch gut zu gebrauchen. Aber auf einer mechanischen Schreibmaschine zu tippen – das ist für mich viel befriedigender. Es hat einfach mit Liebe und Hingabe zu tun.

Ich hoffe, dass mein Sohn das 10-Finger-System damit erlernen kann. Jetzt brauche ich nur noch ein altes Schreibmaschinen-Lehrbuch.

Rodja

The End…?

Wider die Einfärbigkeit auf getippten Seiten!

An einem Feature der Schreibmaschine scheiden sich die Geister: dem Farbbandschalter bzw. dem Nutzen und Benutzen von zweifärbigen Bändern.

Nun ja, eigentlich stehe ich damit allein auf weiter Flur, denn ich kenne niemanden, der tatsächlich zweifärbige Farbbänder verwendet. Und ich verstehe es auch vom ökonomischen Standpunkt her. Ist eine Spur Schwarz aufgebraucht und wird schwach bei der Farbabgabe, schaltet man einfach den Farbbandschalter um und schreibt auf der zweiten Spur Schwarz weiter.

Für mich jedoch haben aber zweifärbige Farbbänder sehr wohl einen Sinn. Ein großer Teil dieser Anwendungsmöglichkeiten findet in Entwürfen Niederschlag, nicht unbedingt in der finalen Version des Textes.

Es gibt nicht viele Features, um in einem Schreibmaschinentext etwas hervorzuheben. Man kann in BLOCKSCHRIFT schreiben, man kann etwas unterstreichen, entweder einfach oder zweifach (dazu verwendet man das „=“ eine halbe Zeile unter dem Geschriebenen), oder man setzt eben die zwei Farben bewusst ein. Und ich mag das.

© Rodja Pavlik

Natürlich habe ich auch Schreibmaschinen, die nur einfärbig schreiben (wie meine treue Hermes Baby), aber wann immer es geht, achte ich beim Kauf einer Schreibmaschine, dass sie zweifärbig schreiben kann. Und wenn sie es kann, dann möchte ich auch ein zweifärbiges Farbband dafür.

Für mich hat das Zweifärbige – bzw. die Wahlmöglichkeit – durchaus etwas Sinnvolles. Erstens, wie bereits gesagt, die Akzentuierung, das Hervorheben im Text. Es ist doch eine elegante Alternative zu z.B. in BLOCKSCHRIFT schreiben. Oder eben etwas im Nachhinein zu unterstreichen.

Die zweite Verwendungsmöglichkeit für mich, ist beim Schreiben von Geschichten oder Drehbüchern. Meistens habe ich schon einen Geschichtsstrang im Kopf, den ich abarbeite. Der ist aber nicht fix, meistens fallen mir beim Schreiben noch Ideen ein. Wenn ich im Flow bin, switche ich einfach auf Rot und schreibe den zweiten möglichen Handlungsstrang auf. Oder eine mögliche, spätere Wendung, die mir erst jetzt eingefallen ist. Sobald ich damit fertig bin, schalte ich auf Schwarz zurück und schreibe am alten Strang weiter. So geht nichts verloren – und ich kann dann genau unterscheiden, was der ursprüngliche Gedanke war – und mich erst später entscheiden, was besser ist.

© Rodja Pavlik

Manchmal fällt mir aber auch eine Frage zu bestimmten Sachen ein, die ich noch genauer nachrecherchieren muss. Ich könnte das ja sofort am Computer nachschauen – aber so wie ich mich kenne, bleibe ich dann auf Youtube oder Facebook hängen und versumpere. So schreibe ich die Frage/Problemstellung in Rot auf – und kann kurz darauf wieder zur Geschichte zurückkehren und schwarz weiterschreiben.

Ja, für mich machen zweifärbige Farbbänder durchaus Sinn und ich möchte diese Wahlmöglichkeit einfach nicht missen.

Rodja