Ich hab dich durchschaut, (Hermes) Baby!

Wer jemals einen Brief von der Hanseatischen Analogpost-Gesellschaft bekommen hat, weiß, wie viel Freude diese Gruppe aus Hamburg dem Empfänger bereiten kann. Ich habe schon einmal Fanpost für diese Seite hier bekommen und rannte mindestens eine Woche mit einem fröhlichen Lächeln herum.

Nicht nur, dass die Briefe formvollendet geschrieben/getippt sind, nein, auch die Kuverts sind wundervoll und fantasiereich gestaltet. Oft zieren seltene, manchmal auch eigens kreierte Briefmarken diese. Es macht auch immer wieder Spaß, kleine, zusätzliche Geschichten auf den Umschlägen zu entdecken. Das ist echte, wahre Brief-Kunst!

Und doch habe ich mit dieser Überraschung hier einfach nicht rechnen können. Ich bekam (schon voriges Jahr, komme aber erst jetzt dazu, es entsprechend zu würdigen) einen Packen Röntgenfotos von einer Hermes Baby!!!

© Rodja Pavlik

Ich war vollkommen perplex – und ich kann mich noch erinnern, dass ich so laut losgelacht habe, dass meine Kinder fragend aus ihren Zimmern kamen. Weil ohne es selbst zu wissen, dass ich so etwas will, ja, sogar brauche, hat die Hanseatische Analogpost-Gesellschaft mir damit ein wunderschönes Geschenk gemacht…

Auf die (unbewusste) Idee bin ich eigentlich gekommen, als ich in den Urlaub (siehe hier und hier) geflogen bin und mein Handgepäck gescannt wurde. Da sah ich zum ersten Mal die Röntgenfotos meiner Schreibmaschinen – und ich war vollkommen fasziniert. Zwar verharrte die Security immer bei der Schreibmaschine etwas länger als bei anderen Gepäckstücken – aber nie lange genug, als dass ich schnell ein Foto davon schießen hätte können. Außerdem bezweifle ich, dass die Security das gerne gesehen hätte.

© Rodja Pavlik

Und nun das hier: Echte Fotos und digitale Aufnahmen einer Hermes Baby, aufgenommen in einer Arztpraxis. Es ist zwar nicht genau das Gleiche wie ein Foto von der Apparatur mit dem Scan vom Flughafen zu haben – aber ich muss sagen, dass ich jetzt wenigstens diesen selbstmörderischen Drang, mein Smartphone zu zücken und Fotos am Flughafen zu schießen, nicht mehr ganz so stark spüre.

Die Röntgenaufnahmen haben auf jeden Fall einen Platz an der Wand verdient. Ich überlege auch, ob ich mir nicht einen Lichtkasten und so einen Ärztekittel zulegen sollte – und dann stellt Euch das Intro von „Scrubs“ mit mir mal vor. (Nun, wie Ihr das jetzt aus Eurem Kopf bekommt, ist Eure Sache. ;-D)

Rodja

© Hanseatische Analogpost-Gesellschaft

„Geisterjäger John Sinclair“-Erfinder Jason Dark und seine Schreibmaschine

2015 hatte ich das Vergnügen, den deutschen Schriftsteller Helmut Rellergerd zu interviewen. Den meisten ist er wohl unter seinem Pseudonym Jason Dark bekannt. Als solcher ist er das Mastermind hinter der Romanserie „Geisterjäger John Sinclair“. Seit Jahrzehnten tippt er auf seiner Olympia Monica mehrmals im Monat pro Romanfolge je 100 Seiten. Selbst im Zeitalter des Computers tippt er lieber auf seinem „Hackkasten“, wie er die Schreibmaschine im Interview mit den Schreibmaschinisten leicht despektierlich nennt.

Die Vorbereitungen für das Interview verliefen damals sehr problemlos. Ich schrieb den Verlag Bastei Lübbe direkt an und erklärte, dass ich Jason Dark bezüglich seiner Arbeitsmethode interviewen wollte – und nach knapp zwölf Stunden bekam ich als Antwort seine Telefonnummer zugeschickt, Jason Dark wisse bereits Bescheid, ich könne ihn ruhig anrufen. So unbürokratisch, das war wirklich eine tolle Erfahrung. Leider hatte der Verlag aber nur das typische Headshot-Foto von Jason Dark – und keines mit seiner Schreibmaschine.

Nun hat mir ein Bekannter vor kurzem den Hinweis geschickt, dass es von Jason Dark eine Minifigur mit Schreibmaschine gibt. Das machte mich neugierig – und so stieß ich auf die Webseite Dergeisterjaeger.de, auf der in offizieller Kooperation mit dem Verlag „John Sinclair“-Merchandise wie Romanhefte, Tassen, Themen-Dinnerabende und vieles mehr kaufen bzw. buchen kann – unter anderem eben auch Figuren. Und so kam ich auch mit Jörn Brom, dem Betreiber der Site, ins Gespräch.

© dergeisterjaeger.de

Brom, der auch einen Webshop für Spezialeffekte für Film und Theaterproduktionen betreibt, erzählte, dass die Idee zu der Mini-Büste zusammen mit dem Autoren entstand. „Ich hatte damals Jason Dark zuhause besucht und irgendwie ist die ganze Sache dann zusammen geflossen.“

Die Figur wurde schließlich von Character Designer Hauke Scheer nach Ideen von Jörn Brom (im Bild rechts neben Autorenlegende Jason Dark) entworfen, der letztendlich die Serie auch produzierte.

© dergeisterjaeger.de

Wie auf dem Bild ersichtlich, hat Jason Dark eine weiße Olympia Monica auf dem Tisch – von früheren Fotos weiß ich aber, dass er auch eine grüne besitzt (die – ich weiß nicht wieso – von der Farbe her mehr an die 1970er erinnert). Die grüne Farbe wurde letztendlich auch für die Schreibmaschine der Mini-Büste verwendet.

Das Tüpfelchen auf dem i ist auf jeden Fall, dass Jason Dark die Büsten höchstpersönlich signierte.

© dergeisterjaeger.de

Von der Figur stellte Jörn Brom auch einen größeren Pokal her, der auf einer Convention 2018 auch als Preis an Jason Dark überreicht wurde.

Rodja

Swintec, die durchsichtige Schreibmaschine

Als ich von ca. Mitte bis Ende der 1980er Maschinenschreiben in der Schule lernte, war das anfangs noch auf einer IBM Selectric. Diese massiven, elektrischen Kugelkopfmaschinen waren durch Filme und Serien aus den USA für mich so etwas wie omnipräsent. Ich dachte, die würde es ewig geben. Doch in der dritten Handelsschule standen auf einmal neue Schreibmaschinen da – aus Plastik: Eine Toptronic, sogar von Hermes, wie ich erst vor einigen Jahren erfahren habe. Mit einem Zeilen-Display und einer Speicherkapazität von einer Zeile. Das heißt, man konnte einen Fehler ausbessern, bevor der Satz auf Papier verewigt wurde. Ich dachte, ich hätte die Zukunft gesehen.

Dann kam der Aufbaulehrgang zur Handelsakademie (mit Matura/Abitur-Abschluss) – und dort hatten wir schon EDV und CTV (Computerunterstützte Textverarbeitung). Allerdings wurde da noch auf Nadeldruckern ausgedruckt. Irgendwie konnte ich mir nicht vorstellen, dass sich diese pixelige Schriftart durchsetzen würde. Unsere Referate schrieben wir damals noch auf elektrischen Schreibmaschinen (ich auf meiner brother Electric 3600), andere hatten aber bereits elektronische mit Zeilenspeicher.

Aber von wegen Zukunft. Als ich dann das erste Mal ins wirkliche Berufsleben eintrat, wurde ich von Computer und Netzwerkdruckern empfangen. Und das hat sich seitdem nicht geändert. Die elektronischen Schreibmaschinen hielten sich noch eine Weile, wurden aber ein Nischenprodukt und verstaubten oft auch ungenutzt in einer Ecke. Und wenn man sich die Schreibmaschinen anschaut, so wirken sie in ihrem Plastikgehäuse unglaublich fragil.

So, wo wollte ich eigentlich mit dieser elendslangen Einleitung denn eigentlich hin? Ach ja… Swintec!

Screenshot

Das erste Mal wurde ich auf diese US-Firma durch die ziemlich amerikanische Doku „The Typewriter (In The 21st Century)“ des Musikers und Kameramanns Christopher Lockett aufmerksam. (Warum „ziemlich amerikanisch“? Mehr dazu demnächst in einer Rezension dieser sehenswerten Doku.) Der Film folgt quasi den Nachwehen solch reißerischer Schlagzeilen wie „Die letzte Schreibmaschinen-Fabrik der Welt geschlossen“ (bezieht sich auf das Schreibmaschinen-Tochterunternehmen der indischen Firma Godrej & Boyce, das 2009 aufhörte, Schreibmaschinen zu produzieren, und 2011 endgültig in eine Produktionsstätte für Kühlschränke transformiert wurde).

In seiner Doku geht Lockett der Frage nach (eben wie auch später der weitaus bekanntere Dokumentarfilm „California Typewriter“), was aus der Schreibmaschine wurde und wie ihr aktueller Stand in der Gesellschaft heute ist. Dabei stellte er eben auch die US-Firma Swintec vor, deren Inhaber angesichts der reißerischen Schlagzeile meinte, dass man eigentlich nur sie hätte anrufen müssen, um diese Aussage zu widerlegen. Denn Swintec stellt noch immer diese Schreibmaschinen her – und zwar für ein ganz spezielles Klientel.

Fragil und durchsichtig

Swintec stellt nämlich elektronische Schreibmaschinen für Insassen von US-Gefängnissen her. Und aus diesem Grund bestehen die Maschinen aus durchsichtigem, fragilen Plastik. Die Schreibmaschinen kosten laut Swintec-Homepage und je nach Ausstattung zwischen 335,50 und 369,50 US-Dollar. Das ist nicht unbedingt ein Schnäppchenpreis, schon gar nicht für einen Häftling. Warum nimmt man dann nicht mechanische, gut gewartete Schreibmaschinen vom Flohmarkt her?

Nun, diese sind eben nicht fragil und durchsichtig. Denn gerade dass die Schreibmaschine aus zerbrechlichem Plastik besteht und durchsichtig ist, ist eines der Merkmale, die es Gefangenen erlaubt, so ein Schreibgerät zu besitzen. Alte mechanische Schreibmaschinen bestehen aus Metallteilen, die – mal mehr, mal weniger kreativ – zu tödlichen Hieb- und Stichwaffen umfunktioniert werden können. Die Walze ist schwer, die Typenhebel könnten zu Stichwaffen zugespitzt werden. Solche Sachen halt. Das kann man mit dem leicht zerbrechlichen Plastik der Swintec-Schreibmaschinen nicht machen. Die zersplittern, bevor sie ernsthaften Schaden anrichten können.

Und das Plastik ist durchsichtig, dass Wachen bei der Durchsuchung der Gefängniszelle sofort erkennen können, ob Verbotenes wie z.B. eine Waffe oder Drogen darin versteckt sind. Bei einer älteren Maschine müssten sie diese erst aufschrauben, um einen Blick ins Innere werfen zu können.

© NJ.com


Wie erwähnt, werden die Schreibmaschinen je nach Ausstattung zu unterschiedlichen Preisen angeboten. Meiner Interpretation nach hängt das mit den Regularien seitens der Justiz in den jeweiligen US-Bundesstaaten zusammen. Die teuerste Schreibmaschine hat zum Beispiel einen Speicher von 32.000 Zeichen (Ich bin mir nicht ganz sicher, ob diese Zeichen permanent gespeichert werden können, oder ob der Speicher erlischt, sobald man die Schreibmaschine abdreht.) Die „New York State Version“, die nur in den Gefängnissen des US-Bundesstaates New York zugelassen ist, kostet zwar auch so viel, hat aber nur einen 7.000-Zeichen-Speicher. Die billigere „Michigan Version“ kostet nur 345,50 US-Dollar und hat weder Speicher noch Papierhalter. Interessant finde ich es, dass die Häftlinge die erlaubte Konfiguration korrekt bestellen müssen, sonst wird eine Gebühr (ich würde es mal Strafgebühr nennen) von 25 Prozent fällig.

Etwas, das ich bei der Doku „Typewriters (in the 21st century)“ von Christopher Lockett vermisst habe, ist ein Statement von jenen, die diese Schreibmaschine auch nutzen. Lockett interviewte zwar den Swintec-Geschäftsführer, aber eben keine Gefängnisinsassen. Das kann verschiedene Gründe haben, wie z.B. dass es ihm von den Gefängnissen nicht erlaubt wurde – oder dass der Beschaffungsprozess zum Erhalt einer Drehgenehmigung einfach zu bürokratisch und zeitaufwendig war. Dennoch vermisse ich diesen Standpunkt.

Umso erfreuter war ich, als ich diesen Beitrag von Youtuber Eric Swanson fand, der in seinen Videos über seine Erfahrungen als Häftling erzählt. Soweit ich verstanden habe, hat Swanson mit dieser Schreibmaschine seine Arbeiten für ein Fernstudium schreiben können.

© Eric Swanson

Ich muss zugeben, dass so eine elektronische Schreibmaschine mit ihren Features durchaus ihren Reiz haben könnte – vor allem das Durchsichtige ist sicher ein Blickfang. Allerdings halte ich den Preis für überteuert. Außerdem bezweifle ich, dass Swintec auch in QWERTZ produziert.

Rodja

PS: Dass dieses durchsichtige Plastik-Dingens für Gefängnisinsassen nicht nur für Schreibmaschinen gilt, hat der britische Youtuber Techmoan in einem sehr interessanten Video zusammengefasst, das u.a. Fernseher, Radio, Kopfhörer, Kassettenspieler und Kassetten (aber eben keine Schreibmaschine) enthält.

© Techmoan

Field Writing Nr. 5: Mein Bau, mein Grätzl!

Heute ist es soweit… ich begebe mich auf die Spuren meiner Kindheit. Back to the 70ies and 80ies (und ja, auch noch 90ies). Und diesmal bin ich nicht alleine – ein Team von Wiener Wohnen begleitet mich. Sie machen einen Podcast über den maschinschreibenden Field Writer und die Erinnerungen an seine Kindheit im Wiener Gemeindebau in der Görgengasse 9 – 11 im 19. Bezirk, in Döbling, machen. (Die entsprechende Folge Nr. 29 gibt es hier zu hören.)

© Rodja Pavlik

Es ist ein etwas surreales Gefühl, dass ich hier bin. Ich bin jetzt 51 Jahre alt – und versuche mich an eine Zeit von vor 40 Jahren und mehr zu erinnern. Der Gemeindebau, in dem ich aufwuchs, wurde 1962 erbaut. 1969 zogen meine Eltern und mein Bruder hier ein. Die Legende besagt, dass, als meine Eltern mit meinem Bruder zum ersten Mal in diese Gegend fuhren, um die Wohnung zu besichtigen, sich mein Bruder sofort in den Hartäckerpark verliebte. Er erkannte sofort die unzähligen Möglichkeiten, auf der Rodel mit wahnwitzigem Tempo verschiedenste Routen hinunterzusausen. (Ich sage bewusst Hartäckerpark. Denn obwohl der Park bereits 1953 in Hugo-Wolf-Park umbenannt wurde, hielt sich der ursprüngliche Name sehr, sehr lange. Selbst ich sprach noch bis in die späten 80er, Anfang 90er vom Hartäckerpark. Irgendwie ein Kuriosum, dass sich der alte Name zumindest mündlich so lange gehalten hat.)

Ich kam 1971 zur Welt. Wenn ich mich so zurückerinnere, dann habe ich nur diesen strahlend hellen Bau in Erinnerung, in dem ich viele glückliche Jahre verbringen durfte. Natürlich ist die Erinnerung schon etwas verschwommen.

© Erika Pavlik

Dieser Wohnbau ist so anders als die meisten Wohnbauten hier in der Umgebung. Er ist offen und sehr hell. Die anderen Bauten sind eher geschlossen und man kann nur durch Ein- und Durchgänge in den Innenhof. Außerdem waren sie damals – zumindest jene in der Kratzlgasse – schmutziggrau. Die hatten so etwas Trutzburgisches an sich. Mein Bau hingegen ist strahlend „weiß“ und freundlich. Wenn ich von langen Urlauben wie dreiwöchigen Aufenthalten in Griechenland (Oh, meine Eltern waren so stolz darauf, sich das leisten zu können. Für mich war der Aufenthalt in der heißen Sonne immer eher ein Gräuel. Aber die 24-stündigen Busfahrten runter und rauf waren kleine Abenteuer. Und ich bekam immer die Lustigen Taschenbücher zum Lesen.) oder Interrail-Reisen zurück kam, fühlte ich immer eine gewisse Vorfreude, wenn ich die vertrauten Umrisse des Baus sah.

Ich wohnte damals im höchsten Gebäude der Gegend. Vom sechsten Stockwerk aus hatten wir von der einen Seite eine fantastische Aussicht auf Weinberge, auf den Hackenberg, den Leopoldsberg, den Kahlenberg. Vom Balkon vom Wohnzimmer aus sahen wir wiederum auf den Hugo-Wolf-Park – und wenn wir nach links schauten, sahen wir in weiter Ferne ein hohes Gebäude, das meine Fantasie unheimlich anregte. Es musste das größte Gebäude der Welt sein, dieses UNO-Gebäude da! Wenn man heute hinschaut, ist die UNO-City eher das Zwergerl im Schatten der anderen „Monster“ da auf der Donauplatte.

© Erika Pavlik

Irgendwie erinnere ich mich gerade an den Erdbeeren-Händler. Er stand an manchen Tagen in der Kratzlgasse und schrie seine Kundschaft herbei. „FRiiische Annannnasss! Nuuur FÜÜÜNF-und-FÜÜÜNFZIG Schilllinge!“. Beim Preis bin ich mir grad nicht sicher. Aber es hatte diese markante Sprachmelodie. Und jedes Mal, wenn ich die Stimme hörte, schaute ich vom Balkon runter. Und manchmal ging meine Mutter was kaufen – und es gab Erdbeeren mit Rahm.

Döbling? Ein Nobelbezirk?!? Nicht, dass ich mich erinnern könnte…

Ja, ich bin in Döbling aufgewachsen, einem sogenannten Nobel-Bezirk. Ein Vorurteil, das auf manche Grätzl hier im 19. Bezirk durchaus zutreffen mag, aber nicht unbedingt hier in der Görgengasse 9 – 11. Hier war quasi ein kleines Industrieviertel.

Wenn ich damals erzählte, dass ich aus dem 19. Bezirk kam, wurde ich zuerst mal als „rich kid“ abgestempelt. So einen Ruf hatte Döbling damals. Doch das verstand ich nie. Mein Vater war Hackler in einer Präzisionsfedern-Fabrik, meine Mutter hatte einen Teilzeitjob und war Hausfrau. Und auch die Eltern meiner Freunde waren „Normalos“.

Ich erinnere mich noch an eine ungute Episode aus der Schule. Ich war Anfang der 1990er in der zweiten Klasse Aufbaulehrgang zur HAK (Handeslakademie) als ein besonders präpotenter Lehrer-Arsch mich während der Stunde anschoss: „Pavlik! Was moch’n Sie im 19?!?“ „Wohnen“, antwortete ich lapidar wie aus der Pistole geschossen – und hatte sogar die Lacher auf meiner Seite. Wie sich herausstellte, wohnte auch er im 19. Später hielt ich ein Referat, das sogar recht gut verlief, worauf der Professor meinte: „Pavlik, das nenne ich Döblinger Qualitätsniveau!“ Er meinte es als Lob, mir war’s peinlich.

Mein Bau, bestehend aus einem langgezogenen und zwei kleineren Bauten, war von Produktionsbetrieben umgeben. In der Saileräckergasse war damals die Danubia, bekannt für Zähleruhren; dann die Görgengasse hinauf die Präzisonsfeder-Firma Nowak & Tobisch, bei der sogar mein Vater einige Zeit lang gearbeitet hat. (Auf ihrer Webseite haben sie auch ein Aquarell der alten Firma von der Sicht der Weinberggasse aus.) Direkt von meinem Kinderzimmer blickte ich auf die Schokoladenfabrik Bensdorp (oder, wie ich lange Zeit missverstand, Bensdorf). Ich liebte den Geruch von Schokolade, der manchmal über der Gegend hing. Ich kann mich noch erinnern, dass mein Bruder die Papierschleifen der kleinen Schoko-Tafeln sammelte. Für zehn Schleifen konnte man sich bei Bensdorp eine neue Schoko-Tafel holen. Jetzt steht statt der Firma ein Pensionistenheim da. Von Bensdorp ist nur das Verwaltungsgebäude übrig geblieben, das saniert wurde – und jetzt das Verwaltungsgebäude für das Heim ist. Ich kann mich noch erinnern, als die alte Fabrik abgerissen wurde und ich durch die Eingangstür des Verwaltungsgebäudes blickte. Da war eine Glastüre, auf der das Bensdorp-Logo geätzt war. Ich hätte das gerne mit einem Glasschneider rausgeschnitten. Meine Verbrechenskarriere wurde lediglich dadurch verhindert, dass die Eingangstüre versperrt war.

© Jenny Fetz – fotografiefetz.at

Hinter Bensdorp, in der Weinberggasse, stand die LKW-Firma Gräf & Stift. Als die Fabrik abgerissen wurde, sah ich das erste Mal eine Abrissbirne in Aktion. Der markante Zwiebelturm ist das Einzige, das von dieser Firma hier noch übrig geblieben ist. Er ziert eine Art Pavillon in dem Wohnbau, der jetzt statt der Firma dort steht.

Das witzigste Beispiel der Veränderung in dieser Gegend ist für mich noch immer ein Geschäft in der Weinberggasse. Das war früher ein Kohlentandler, an dem ich gerne vorbei ging, weil ich diesen Geruch so mochte. Vor dem Lager standen diese für Kohlentandler typischen schweren Zugmaschinen mit Ladefläche, auf denen die Kohlensäcke zu den Kunden gebracht wurden. Heute operiert dort ein Beauty Doc. Der Gedanke daran erheitert mich immer wieder.

Kunst im Gemeindebau

Als ich im Vorfeld über meinen Bau recherchierte, landete ich natürlich auch auf der entsprechenden Seite von Wiener Wohnen. Und da stolperte ich über irgendwelche Kunstwerke, die in meinem Bau sein sollten. Gut, den Brunnen kannte ich, aber als ich von Arnulf Neuwirths gestalteter Kachelmosaik „Geometrisch-abstrakte Farbgliederung“ las, wusste ich zuerst nicht, was gemeint war. Erst als ich heute im Hof stand, fiel der Groschen.

© Rodja Pavlik

Das Mosaik hat aber schon wesentlich bessere Tage gesehen. Man sieht an dem dunklen, unteren Mauerstreifen, dass da schon einige Kachelreihen fehlen.

Das zweite Kunstwerk ist der markante, schon lange trocken stehende „Kubische Brunnen“ von Josef Schagerl. In meiner Kindheit wurde er in der warmen Jahreszeit noch mit Wasser bespeist, bevor im Winter ein Holverschlag darübergestülpt wurde.

Wir Kinder konnten mit dieser Kunst nichts anfangen. Oder eigentlich… natürlich konnten wir was damit anfangen. Nur nicht so, wie sich das die Stadt Wien oder der Künstler erwartet hätten. Der Brunnen wurde an heißen Sommertagen unser Planschbecken. (Dabei stand uns im Hartäckerpark auch ein Kinderfreibad zur Verfügung.) Wir zogen uns bis auf die Unterhosen aus und sprangen ins Becken, verwendeten leere Dreh&Trink-Flascherln als provisorische Wasserpistolen. Manchmal kletterten wir auch den Turm hinauf, um oben das Wasserloch zu schauen, von dem das Wasser dann an den Seiten des Turms herunterpritschelte.

Das Raufklettern war ein besonderer Nervenkitzel. Wenn meine Freunde und ich so raufkrochen, eng an die Mauer gedrückt – und plötzlich der Vorderste umdrehen wollte, dann mussten wir auf den nassen Steinen ebenfalls umdrehen.

© Rodja Pavlik

Und überall schwammen tote oder gerade noch zuckende Wespen und Bienen im Becken herum. Ich hatte eine panische Angst davor, im Wasser gestochen zu werden.

Welchen Eindruck der aktive Brunnen hinterließ, lässt sich erahnen, als während des Podcast-Interviews eine ältere Dame das Wiener-Wohnen-Team darauf ansprach, wann denn wieder das Wasser vom Brunnen aufgedreht werde. Dazu muss man sagen, dass der Brunnen schon seit Jahrzehnten trocken liegt.

Das Rondeau

Ich glaube, Rondeau (eigentlich Rondell) ist so ziemlich das Exotischste in meinem damaligen Wortschatz gewesen. Unsere Eltern hatten einen guten Überblick über den Innenhof, nur das Rondeau sahen sie nicht, weil es eher im äußeren Bereich des Hofes lag. Wollten wir also, dass unsere Eltern uns nicht sahen, verabredeten wir uns hier. Allerdings wurde es hier recht schnell langweilig, so dass wir uns recht bald wieder in den überblickbaren Innenhof begaben.

© Rodja Pavlik

Ich frage mich immer, was sich die Architekten dabei dachten. Sollte es die Diskussionskultur fördern? Als Kind stellte ich mir vor, dass sich hier der Rat der Gemeindebau-Weisen versammelt – dieses Bild entstand wohl auch durch Geschichten wie „Die Ritter der Tafelrunde“ oder „Asterix & Obelix“ (das letzte Bild im Comic, auf dem die Gallier in einer Tischrunde feiern). Aber das Rondell wurde irgendwie nicht angenommen als das, was es sein sollte. Zwar sah ich manchmal Leute drinnen sitzen – aber viel eher saßen sie beim Brunnen. Dort wirkte alles viel freundlicher.

Spielspaß mit Freunden

In meiner Kindheit war ich eine richtige Leseratte. Ich liebte es, in meinem Zimmer zu liegen und Bücher zu lesen. Meine Mutter meinte immer: Wenn sie meinen Bruder bestrafen wollte, bekam er Hausarrest. Wenn ich schlimm war, musste sie mich nur in den Hof schicken.

Aber ja, natürlich verbrachte ich auch freiwillig Zeit im Hof. Ich hatte hier einige Freunde: Christian, Thomas, Martin, Hansi & Strutzi (der jetzt leider auch schon lange tot ist), Martin K. – und von den Nachbarbauten Christian, genannt Pommes, dann Thomas B., wieder ein Martin, Peter, Georg und „der kleine Tommy“. Mit vielen von ihnen ging ich zur Volksschule in der Krottenbachstraße, gleich nach dem Konsum-Bau. Später kamen auch noch Gernot und Stefan, unser Fernseh-Star, hinzu. Stefan war nämlich eines dieser fröhlichen Kids in einer Werbung, die voller Freude Zähne putzen gingen, nur um kurz darauf ihrer Mutter die strahlenden Zähne zu zeigen.

Wir spielten viel: Fangerln (vor allem rund um die Teppichstangen), Verstecken, Räuber & Gendarm, schossen mit Spielzeugpistolen Knallpatronen (ja, die Aktion „Keine Spielzeugwaffen für Kinder“ ging an uns spurlos vorbei), spielten Vater, Mutter, Kind (wobei das eine Mädchen als Mutter ziemlich rabiat sein konnte und uns das Fürchten lehrte), rasten mit Kettcars und Highrisern Rennen oder Verfolgungsjagden (Räuber & Gendarm extended version).

Alle beneideten mich um mein goldenes Atala Hop. Was ich persönlich genoss, aber nicht wirklich verstehen konnte. Das Ding hatte eine Trommelbremse, 3-Gang-Schaltung und richtige Stoßdämpfer. Aber der Rahmen war um einiges schwerer und voluminöser. Während alle bei unseren Rennrunden die Görgengasse rauf rasten, musste ich wirklich schwer treten. Und während die anderen beim Runterspringen der kleinen Stufen im Innenhof gefühlt drei Meter weit sprangen, landete ich nach 20 Zentimetern schon am Boden. Dafür hatte ich aber wirklich eine 1a-Federung. Aber als kleiner Gsteaml musste ich mich jedes Mal abmühen musste, dieses schwere Rad aus dem Fahrradkeller zu holen und irgendwie die Treppen raufbringen. Eleganz ist was anderes.

© Rodja Pavlik

Fußball spielten wir meistens im Innenhof, auf einer Wiese, auf der sie später wohl absichtlich Bäume pflanzten, um uns am Ball spielen zu hindern (so zumindest meine Theorie). Ich war nie ein besonders begeisterter Fußballspieler. Die anderen hatten da immer leichtes Spiel mit mir.

Und es gab auch Erdbrockenschlachten. Allein das Wort Erdbrocken hat so etwas Urtümliches an sich. Wir „bauten“ sie am Hang vom Parkplatz zum Innenhof ab. Die Erdbrocken sollten dabei eher trocken sein. Wenn man vorbei schoss und die Brocken auf die Wand oder am Boden auftrafen, zerstieben sie eindrucksvoll. Genau wie wir es in Western sahen, wenn der Held sich vor feindlichen Schüssen in Deckung warf.

Wir hatten auch zwei Sandkisten. Eine wurde vor langer Zeit in ein Beet umfunktioniert, die andere wurde abgerissen, musste ich bei meinem heutigen Besuch verwundert feststellen. Dafür gibt es jetzt ein richtiges Spielgerüst.

Was mich bei meinem heutigen Besuch sehr verwundert, ist, wie grün es hier ist. So viele Bäume und Gebüsche wurden hier in den Jahren gesetzt, seit ich hier nicht mehr wohne. Wir rannten immer durch die Wiese und hinterließen unsere Spuren. Es gab sogar einen braunen Fleck mit nackter Erde. Ich dachte, da würde nie Gras nachwachsen, weil wir ständig durchtrampelten. Jetzt ist Wiese da! So, als ob mir die Natur den Stinkefinger zeigen würde: „Ha! Deine Kindheitserinnerungen kannst Du Dir sonstwo hinschieben.“ Und das Gebüsch beim Sandkisten-Beet erst! Ich kann mich noch erinnern, dass wir hier ständig durchrannten. Wenn man von oben vom sechsten Stock aus runter sah, konnte man einen richtigen Kreuzgang ausmachen. Und jetzt? Jetzt müsste man wirklich mit einer Machete da durchgehen. Spielen Kinder heutzutage nicht mehr im Gras oder im Gebüsch?

© Rodja Pavlik

Eine meiner liebsten Erinnerungen ist, wie wir „Geschäfte“ hier aufbauten. Ich legte in der einen Sandkiste eine Minigolf-Anlage an, Martin K. in der anderen ebenfalls. Gegolft wurde mit Stecken und Vogelbeeren. Bezahlt wurde mit Blättern, die wir im Lebensmittelgeschäft von Thomas gegen Waren eintauschten. Thomas‘ Geschäft war von den Greißlern in der Umgebung inspiriert, vom Ehepaar Krauss (Krause?) in der Görgengasse und vom Benatzky in der Saileräckergasse.

Die Sandkisten waren auch Austragungsorte von galaktischen Kämpfen. Wir hatten damals angefangen, eine neue Spielzeugserie zu sammeln. „Guerre Stellari“ stand auf den Packungen – und wir hatten keine Ahnung, was das genau war. Nur, dass es irgendwas mit Weltraum zu tun hatte und dass es ganz viel davon gab. Anfangs bekam ich einen Typen mit Helm und Pistole sowie zwei Roboter und ein braunes Fahrzeug mit einziehbaren Rädern. Nach kurzer Zeit realisierten wir, dass das irgendwie mit „Krieg der Sterne“ zu tun hatte, einem Film, von dem wir mitbekommen hatten, dass das was ganz Großes sein sollte. Allerdings… keiner von uns hatte ihn damals gesehen. Bis ich den ersten Teil (heute Episode IV) das erste Mal zu sehen bekam, sollten Jahre vergehen. Bis dahin hatten wir nur eine Hörspielkassette, ein Karten-Quartett und ein Sticker-Album, aus denen wir die Geschichte und die Namen der Figuren erfuhren. Mit dem behelmten Typen hatte ich Glück, das war X-Flügler-Luke. Mit den beiden Droiden weniger, das waren nämlich nicht R2-D2 und C-3PO, sondern Power-Droid und Death Star Droid. Zwei Droiden, die gerade mal gefühlt fünf Sekunden im Film zu sehen waren. Der Power-Droid hatte so überhaupt keinen Spielwert. Aber immerhin konnten wir den Death Star Droid als C-3PO-Ersatz verwenden, denn die wichtigen Droiden hatte damals natürlich keiner von uns. Obwohl ich Strutzi eigentlich nicht mehr mit Figuren spielen sah, hatte er die meisten. Er hatte eine Schachtel mit rund 20 Kenner-Star-Wars-Figuren. Das Erstaunliche: Sie hatten keine Waffen – und Darth Vader kein Cape. So kam es, dass die Sturmtruppen sich mit den Rebellen immer Faustkämpfe lieferten.

Die Sandkiste musste natürlich als Wüstenplanet Tatooine herhalten. Was an glühend heißen Sommertagen natürlich besonders glaubhaft rüberkam. Das Blöde daran… nach dem Spielen musste man den Sand sorgfältig nach etwaigen Waffen durchsieben, die man im Eifer des Gefechts verloren hatte. Einmal verschwand sogar eine Figur, jene von Greedo, dem glücklosen Kopfgeldjäger, der von Han Solo im ersten Teil (Es tut mir leid, Episode IV wird für mich immer der erste Teil bleiben. Sorry, not sorry.) Das war ein Schock, denn Greedo war eine der wenigen Figuren, die ihre Waffe halten konnte, ohne sie ständig zu verlieren. Ich schlich noch Wochen um die Sandkiste herum, in der Hoffnung, die Figur zu finden.

Wenn wir „Krieg der Sterne“ spielten, gab es noch zwei weitere Orte im Hof, die wir belegten. Zum einen die Stufen, die vom Parkplatz zur Wohnanlage führten. Dort gab es ein Loch unter dem Parkplatz, wo sich die Rebellen versteckten, während die Imperialen „im Stock“ darüber vergeblich nach ihnen suchten.

© Rodja Pavlik

Und natürlich musste auch der Brunnen als Spielplatz herhalten, wenn er trocken war. Seine kubische Form eignete sich hervorragend, um die Gänge im Inneren des Todessterns zu simulieren. Raumschiffe, die wir mit der Zeit dann auch hatten, konnten andocken – und die Mittigkeit dieses Bauwerks eignete sich sehr gut, um Angriffe mit X-Flüglern (okay, es gab nur einen – aber in unserer Fantasie hatten wir mindestens 20!!!) und anderen Raumschiffen auf den Todesstern zu spielen. Wobei das Ganze mehr ein Fangerlspielen mit Raumschiffen rund um den Turm war.

Wenn ich von der Görgengasse aus heim kam, ging ich meistens nicht den direkten Weg vorne bei den Stiegen, sondern latschte auf der Balkonseite entlang. Irgendwo auf der 5er-Stiege spielte ein Kind nämlich mit Airfix-Maxerln (oder Airafix, wie wir damals sagten) auf dem Balkon oder am Fenster. Und manchmal fielen ein paar Figuren herunter, die ich aufsammelte. Andere Kinder hatten ganze Sets, ich hatte nur diese Patchwork-Armee.

Wenn am Samstag zu Mittag die Werkssirenen ertönten, verschwanden vorm Bensdorp die ganzen Schrägparker der Arbeiter und Angestellten. Am Wochenende fuhren hier in der Hutweidengasse so wenige Autos, dass wir manchmal sogar auf der Straße Fußball spielten. Heute ist das kaum vorstellbar.

© Erika Pavlik

Aber der Bau hatte auch seine dunkle Seiten. Vor allem gab es einen Ort, vor dem ich mich als Kind fürchtete. Es war…

DER KELLER!!!

Meine Mutter schickte mich oft runter, um Sachen zu holen, die unten lagerten. Für ein Kind mit lebhafter Fantasie war das eine Qual. Ich hatte sogar ein Einschlafritual, damit mich keine Geister oder Monster beim Schlafengehen holen konnten. Ich stand auf dem Bett, voll eingemummt in meine Decke. Denn Monster können mir nichts anhaben, wenn erstens Licht, zweitens ich komplett unter der Decke bin. Vorsichtig tastete ich mich an den Lichtschalter ran, drehte ab – und ließ mich wie ein Stein fallen, wobei ich nach der Landung natürlich sofort überprüfte, dass eh ja kein Bein unter der Decke hervorragt.

Und so jemand wurde nun in den Keller geschickt, mit wichtigen Aufgaben wie Erdäpfel oder Selbstgemachtes wie Kompotte oder Marmeladen holen. Ganz schlechte Idee. Nicht nur einmal bekam ich beinahe einen Herzkasperl, weil unvermutet ein Nachbar aus einem der Winkel hervorkam.

Das Licht im Keller, das bis zur Abteiltür führte, wurde mittels eines Drehschalters betätigt. Das war irgendwie cool. Weniger cool war es, wenn mal das Licht nicht funktionierte. Man kann sich vorstellen, wie angespannt ich da zu unserem Abteil rannte.

© Rodja Pavlik

Diese Angst ließ mich lange nicht los – und selbst wenn ich heute runtergehe, fühle ich mich etwas unwohl. Es ist keine Angst, das nicht. Aber es ist die Erinnerung an diese Furcht,

Wir hatten damals auch kein Licht im Kellerabteil, so dass ich jedes Mal eine Kerze anzünden musste. Ja, natürlich hätte es eines Taschenlampe auch getan, aber Kerzen kosteten weniger. Ein Sicherheitsbeauftragter würde heute die Hände über den Kopf schlagen. Aber das war damals so gang und gäbe.

In unserem Kellerabteil lagerte auch sehr lange noch Kohle – eine Erinnerung daran, dass wir Anfang der 70er auch noch einen Kachelofen hatten, an den ich mich noch sehr vage erinnern kann. Wir stiegen bald auf Zentralheizung um. Trotzdem lag die Kohle noch jahrzehntelang bei uns im Keller. Wer weiß, ein paar Jahre noch, und wir hätten unsere eigene Diamantenmine da unten gehabt. Eine Erinnerung, dass in diesem Haus anfangs noch mit Holz und Kohle geheizt wurde, ist der einsame Hackstock, der da unten beim Kellereingang steht. Wann der wohl das letzte Mal benutzt wurde?

© Rodja Pavlik

Der Radkeller, der sich neben dem eigentlichen Keller befindet, machte mir hingegen keine Angst. Das hing auch damit zusammen, dass mehr natürliches Licht von außen einfiel. Dort standen nicht nur die Räder, sondern auch die Rodeln und Bobs für den Winter. Irgendwann einmal lagerte jemand dort Küchentisch, eine Sitzbank und zwei Sesseln ein. Das kam nicht ungelegen, denn nun hatten wir einen Raum, in den wir uns an verregneten Wochenenden zurückziehen konnten. Da gab es dann wundervolle Brettspiel-Nachmittage, wo wir in „Cluedo“ rätselten, wer denn nun Oberst von Gatow ermordet hat, wechselten uns beim Spielen von „Stratego“ ab oder jagten Mr. X in „Scotland Yard“. Das Spiel, das uns aber am meisten faszinierte und Spaß machte, war… „RISIKO“. Vor allem, weil so viele mitspielen konnte. Martin war unser Meisterstratege, er gewann die meisten Spiele. Wobei… das mit Stratege war auch relativ zu sehen. Wir hatten alle unsere Lieblingsländer. Martin war USA-Fan. Ja, wir alle hielten das damals wirklich für das beste Land der Welt. Unbegrenzte Möglichkeiten, schöne Leute und Reichtum, so dachten wir damals.

Kleiner Exkurs: Wir wurden schließlich gefüttert mit US-Filmen, US-Musik und den Nachrichten, in denen Amerika immer strahlend da stand – im Gegensatz zu den bösen Russen, die in Afghanistan die Bevölkerung terrorisierten, ein koreanisches Passagierflugzeug abschossen sowie mir meinen Geburtstag am 26. April auf lange Jahre hinweg versauten. Am 26. April 1986 explodierte ja das AKW von Tschernobyl. Und in den Jahren danach wurde ich immer wieder daran erinnerte, wenn ich am 26. April das Radio aufdrehte und die Nachrichten mit „Heute vor x Jahren geschah die Katastrophe von Tschernobyl…“ begannen.

Nachdem Martin die USA als sein Lieblingsland erkoren hatte, konnten wir natürlich nicht hintanstehen… Niemand von uns wollte das riesige Reich der damaligen UdSSR erobern. Gut, Sowjetunion gibt es nicht in „Risiko“, aber wir wussten ungefähr die Dimensionen – und der Erdteil war auf dem Spielbrett unmöglich zu verteidigen. Also konzentrierten wir uns auf Europa. Thomas war derjenige, der sich am meisten für Geschichte interessierte. Ihn faszinierte das britische Empire, darum fiel seine Wahl auf Großbritannien. Peter war das egal, er wollte Frankreich. Aber dann kam ich – und um Thomas eines auszuwischen, wählte ich Schottland. Und Robert setzte mit Irland eins drauf. Irland und Schottland gibt es nicht als eigenes Land in „Risiko“, also kämpften Thomas, Robert und ich immer um Großbritannien, das wir – je nachdem, wer es besaß – eben England, Schottland oder Irland nannten. (Diese vorgegebenen Länderpräferenzen fanden schließlich auch Niederschlag in meinen Comics „The Troopers“ – schwer beeinflusst von Bonvis „Die Sturmtruppen“ -, die ich damals zeichnete. Und letztlich auch zu meiner tatsächlichen Vorliebe für Schottland führte.)

© Rodja Pavlik



Aber habt Ihr den taktischen Fehler bei „Risiko“ bemerkt? Wir stritten uns um EIN EINZIGES Land in Europa, während Martin sich von Anfang an auf Nordamerika – einen ganzen Kontinenten!!! – stürzte. Und wer einen ganzen Kontinenten halten konnte, der bekam in der nächsten Runde zu seinen drei normalen Verstärkungseinheiten noch zusätzliche Kräfte (im Falle von Nordamerika ganze fünf!). Kein Wunder, dass Martin oft siegte.

Ich habe auch noch immer Roberts „Si- Si- Sibirien, Sibirien“ (intoniert à la „Notorious“ von Duran Duran) im Ohr, wenn er dieses Land angriff. Oh, da wurde oft verbittert gekämpft – und manchmal war es so schlimm, dass wir am Ende beleidigt auseinander gingen, weil jemand jemandes Auftrag war – und erst im allerletzten Moment erfuhr, dass sein Freund ihn verraten hatte und „killen“ wollte. Vor allem Thomas konnte das sehr persönlich nehmen. Allerdings war er auch unser Kreativster.

Ich kann mich noch erinnern, wie er eines Tages sein eigens entwickeltes Spiel „Vietnam (inspiriert von „Rambo II: Der Auftrag“) auspackte. Es war „Risiko“ hoch 10. Das Kampfsystem war das Gleiche. Doch konnte man sich über Straßen, Bahn- oder Schifffahrtswege fortbewegen. Schiffe und Bahn konnten Truppen aufnehmen. Mit der Bahn konnte man weiter ziehen, auf den Straßen zog man langsamer, dafür punktgenauer. Die Figuren waren kleine, mit den Fingern geformte Plastilin-Ständer, in denen Zahnstocher mit Fähnchen steckten, die die Waffengattung und Truppenstärke anzeigten. Ich war sehr beeindruckt. Thomas war da wirklich etwas Großes gelungen. Aber das Regelwerk war nicht ganz ausgereift (kein Wunder, es war Thomas‘ erstes Spiel) – und als wir uns einmal über das Regelwerk stritten, zerstörte Thomas in einem Wutanfall das Spiel. Wir waren alle ziemlich geschockt deswegen. Ich glaube wirklich, das hätte was Großes werden können.

© Rodja Pavlik

Viele erste Male

In diesem Bau habe ich viel erlebt. Viele erste Male sind hier geschehen. Die ersten Schritte (schätze ich mal), die ersten traumatischen Verletzungen, erste Freunde, Kinder-Geburtstage, mein Bruder, der mir das Radfahren ohne Stützen beibrachte, meine erste Leiche.

Die Leiche hat sich zwar eingeprägt, war aber nicht wirklich traumatisch. Ich glaube, ich war noch zu jung, um das wirklich zu verstehen. Ich weiß nur, dass es abends war, bereits dunkel (daher vermute ich, dass es eher Richtung Herbst war). Ich weiß nur, dass vor unserer Stiege ein Menschenauflauf war – und sogar Polizisten waren da. Ich wollte um die Ecke, doch das verbot mir meine Mutter. Ich wusste nicht warum, die Erwachsenen taten so geheimnisvoll. Also ging ich auf die Wiese, denn ich wusste, je weiter ich raufgehen würde, um so mehr würde ich um die Ecke sehen können, ohne tatsächlich um die Ecke zu gehen. Und da lag dieser Mann, einfach so am Rücken, als wäre er nach hinten umgekippt. Mit einer kleinen Blutlache um den Kopf. Ich glaube, er erlitt einen Infarkt, es schien sehr schnell gegangen zu sein. Er durfte wohl von der Arbeit gekommen sein. In der einen Hand hatte er eine Ledertasche – und in der anderen hielt er einen Vogelkäfig, der unten von der Wucht des Aufpralls wohl kaputt gegangen war. Und ich kleiner Gsteaml, der ich damals war, fragte mich, ob dem Vogel etwas passiert sei. Ist er weggeflogen? Oder war das einfach nur ein leerer Käfig?

Daheim

So, nun bin ich am Ende meines Reports. Ich sitze jetzt im hinteren Teil des Innenhofs, in der Nähe des Brunnens. Das Podcast-Team ist schon längst gegangen, ich hoffe, sie hatten genau so viel Spaß wie ich. Die Sonne scheint – und wenn ich die Augen schließe, dann stellt sich ein wohliges, vertrautes Gefühl ein. Daheim. Sein.

Ich höre Vögel, gelegentlich Stimmengewirr. Irgendwo scheppert Geschirr, weil gerade Essen aufgetragen wird. Es fühlt sich fast so an wie ein Sommer wie damals… jetzt müsste ich mir nur noch ein Twinni vom Greißler holen können. Zuerst das orange Eis essen, denn das Gute – nämlich das grüne Birnen-Eis – hebt man sich für den Schluss auf.

© Jenny Fetz – fotografiefetz.at

Fazit

Ich merke, dass mir Field Writing immer mehr taugt. Die Ausrüstung ist noch nicht ganz perfekt, aber der Tisch und der dreibeinige Hocker fallen langsam unter die Kategorie Standardausrüstung. Ich muss mir allerdings überlegen, ob ich mir einen neuen Rucksack zulegen sollte. In den jetzigen kann ich den zusammenrollbaren Tisch und das Dreibein eher schlecht verstauen. Auf jeden Fall habe ich vergessen, mich heute mit Sonnenschutzmittel einzucremen. Das war ein Fehler. Auf den Armen hat sich schon ein Sonnenbrand bemerkbar gemacht. Ich bin zwar im Schatten der Gebüsche gesessen – aber auch der Schatten wandert, wenn man etwas länger an der Schreibmaschine sitzt.

Was definitiv einmalig war, ist, dass ich bei diesem Report anfangs nicht alleine war. Ein Podcast-Team (bestehend aus Interviewer mit Aufnahmegerät, der Fotografin Jenny Fetz – der ich auch einige tolle Fotos zu verdanken habe – und einem Kameramann), das einen begleitet, daran kann man sich schon gewöhnen. Es war eine sehr nette Erfahrung und hat viel Spaß gemacht. Vor allem haben auch die Fragen dazu geführt, dass ich mich wieder an Sachen erinnert habe, an die ich vielleicht alleine nicht gedacht hätte.

Dieser Report ist auch sonst etwas ganz Besonderes, er ist nämlich eher ein work in progress. Normalerweise trachte ich danach, den Bericht abzuschließen. Doch dieser hier ist vom Gefühl her eben nicht ganz vollständig. Wie auch, ich kann unmöglich fast 25 Jahre meines Lebens in diesen Text hineinpressen. An manches werde ich mich vielleicht später noch erinnern. Ich werde wahrscheinlich im Laufe der Zeit noch Details und vielleicht alte Fotos einbauen. Aber keine Angst, ich werde das hier nicht zig mal neu posten. Das ist eher mehr so für mich, der Vollständigkeit halber.

Was mich auf jeden Fall dazu bringt, das nächste Mal Orte aufzusuchen, mit denen mich nicht so eine lange Geschichte verbindet. ;-D

Rodja
FW-Report Nr. 5, 20. Mai 2022

Jonas schreibt auf einer Torpedo Modell 6 von 1949 

Moin! Ich bin Jonas, auf Instagram und auf YouTube auch als TheTypewriterKind unterwegs. Ich bin 23 Jahre alt und bin nun seit sieben Jahren Besitzer von mindestens einer Schreibmaschine. Außerdem schreibe ich auf einer meiner mittlerweile sechs Schreibmaschinen mein erstes Buch. Auf Instagram nehme ich Interessierte auf meiner Reise zum ersten Buch mit. Einige Reels mit Schreibmaschinen und mir am Kaffee saufen gibt’s auch schon. Die eine oder andere Story würde sich dann einfach darum drehen, wenn es Fragen gibt oder ich mich für etwas bedanken möchte. Noch ist die Seite recht klein, aber vielleicht kann man da ja was gegen machen 😉  

Über Instagram wurde ich dann auch von Rodja gefragt, ob ich nicht gerne einen Beitrag schreiben möchte, warum ich mit der Schreibmaschine schreibe und wie ich bei meinem Buch vorgehe. Ich habe natürlich zugestimmt! Wann bekommt man denn sonst die Möglichkeit, heutzutage über Schreibmaschinen zu schreiben? Ein Thema, das mich nun seit längerem fasziniert.  

Kommen wir erst einmal zu der grundsätzlichen Frage: Warum auf einer Schreibmaschine?  

Die Schreibmaschine bietet für mich die Möglichkeit, ohne Ablenkung zu schreiben. Kein Facebook, kein YouTube, kein Twitter, keine Nachrichten. 

Da ich normalerweise viel am Rechner zocke, sind natürlich auch Spiele darauf, alles Quellen, von denen ich abgelenkt werden kann. Nicht so bei der Schreibmaschine. Mein Hirn hat sich mittlerweile darauf trainiert: Wenn du an der Schreibmaschine sitzt = Schreibst du!  

Zudem schreibt man auf der Schreibmaschine langsamer. Klingt erst mal nach einem Nachteil, oder? Nicht ganz. Man denkt mehr über das nach, was auf das Papier kommt. Denn sobald ein Buchstabe das Blatt Papier erreicht und mit einem KLACK einen Buchstaben mithilfe des Farbbandes druckt, ist dieser Buchstabe auf dem Papier. Dieser ist auch nicht ohne weitere Hilfsmittel wieder zu entfernen. Man versucht einfach weniger Fehler zu machen, und damit meine ich nicht nur Rechtschreibfehler. Ich kann außerdem die beschriebenen Blätter herausnehmen, sie beiseite packen oder direkt nach dem Schreiben korrigieren. PER HAND! 

Ich schreibe mir Rechtschreibfehler auf, markiere sie. Mit einer anderen Farbe schreibe ich dann Verbesserungen in der Formulierung auf. Sollte ich ganze Absätze streichen, dann streiche ich sie wieder mit einer anderen Farbe. Am Ende habe ich also eine bunte Seite, mit vielen Kommentaren und Änderungen, allerdings lerne ich dabei und mache die Fehler im besten Fall nicht noch einmal oder formuliere Sätze anders, als ich es vorher getan hätte.  

Ich schreibe jeden Tag um die drei Seiten, wenn ich die Zeit dazu habe. Diese Seiten, werden dann von meiner besseren Hälfte abgelesen und sie gibt mir die Kritik die ich brauche, um das ganze entweder umzuschreiben oder zu korrigieren (Vorteile bei einer Lehramtsstudentin 😉   

Ich schreibe Korrekturen momentan alle auf den „First Draft“, also den ersten Entwurf. Wenn ich damit fertig bin, tippe ich noch einmal alles ab, mit all den Verbesserungen und Korrekturen die ich aufgeschrieben habe. Dabei bin ich nochmal „gezwungen“ alles zu lesen und damit auch den Lesefluss noch besser zu erkennen. Dann kommen da wahrscheinlich auch nochmal Korrekturen, die ich dann auf den PC auf Normseiten abtippe.  

Wie kommt ein damals 16 Jahre alter Junge dazu, eine Schreibmaschine auf eBay zu kaufen und diese dann auch noch zu benutzen? Gute Frage!  

Ich habe mich schon immer für antike Sachen und Geräte interessiert. Dazu gehörte, dank meines Bruders, auch die Schreibmaschine. Ich wollte immer eine eigene und daraufhin habe ich mir eine Olympia SM2 auf eBay bestellt. Eine tolle Maschine, die noch immer neben meinem Schreibtisch steht. Sie wird außerdem regelmäßig benutzt, da ich mit ihr die Briefe für meine Brieffreundschaften schreibe. 

© Jonas Zaps

Das Gefühl, wenn man eine Taste drückt und sieht, wie ein Typenhebel nach oben gegen das Papier geworfen wird und nur mit einer kleinen Bewegung ein Buchstabe gedruckt wird, das Geräusch, wenn all die Mechanik unter den eigenen Fingern arbeitet UND das verlangsamte Schreiben ist eine Mischung, die ich am Computer nicht habe. Hier kann ich einfach alles wieder löschen, wenn es mir nicht gefällt. Das nimmt einiges an Bedenkzeit aus dem Schreiben selbst. Die Schreibmaschine gab mir dies jedoch wieder zurück.  

Und somit fing ich an, mal wieder auf eBay zu suchen. Denn die Olympia ist toll und eine wunderschöne Maschine, jedoch keine Maschine, an der ich jeden Tag mehrere Stunden verbringen möchte. Also habe ich nach einer großen gesucht. Was soll ich sagen? Die Torpedos haben es mir angetan. Ich habe mittlerweile drei verschiedene Torpedo 6 Modelle aus den Jahren 1939, 1949, 1951.  

Alle funktionieren und sehen wunderschön aus, doch die 49er ist schlussendlich diejenige geworden, die mich tagtäglich zum Schreiben bewegt. Es mag an den gläsernen, runden Tasten liegen, die mich anglitzern, sobald ich die Original-Haube abnehme. Ich kann nicht genau erklären, warum es genau diese ist, jedoch baut man beim Schreiben eine Beziehung mit dieser Maschine auf. Jede Maschine hat ihre eigene Persönlichkeit. Jede Maschine hat ihre eigenen Macken. Es gibt einfach keine perfekte Maschine, aber genau das macht sie aus. Die eine hat einen lahmen Schlitten, die andere mag das „K“ nicht gerade drucke, et cetera, et cetera. Für all das habe ich natürlich Werkzeug an meinem Schreibtisch, sollte also etwas nicht mehr funktionieren oder ich das Bedürfnis haben, etwas einstellen zu müssen, dann kann ich dies sofort tun.  

© Jonas Zaps

Im Grunde gibt es zwei Arten von Schreibern/Autoren (Natürlich gibt es auch welche die sich dazwischen einordnen würden UND sollten).  

1. Die Plotter: Das hat nichts mit einem kleinen Jungen und einer Blitznarbe an der Stirn zu tun, sondern erklärt die Herangehensweise an eine Geschichte/Erzählung. Ich bin also so ein Harry Plotter, der gerne die Story kennt, bevor er schreibt. Dies habe ich lediglich nur durch Übung und Versuchen erfahren. Man plant alle wichtigen Storyelemente im Vorfeld. Man plant seine Charaktere, deren Beziehungen, ihr Aussehen. Man plant die Geschehnisse innerhalb der Kapitel. Man weiß im Grunde schon alles über die eigene Geschichte, bevor sie aufgeschrieben wurde. Manche schaffen dabei allerdings nicht den Absprung vom Plotten zum Schreiben, man verliert sich in Details und Charakteren.  

Dann gibt es allerdings auch Personen, die lieber flexibel und spontan schreiben. Diese Personen würden sich dann wahrscheinlich eher in die:  

2. Pantser einordnen. Diese Schreiber, schreiben einfach drauf los. Sie wissen, dass sie ein Buch schreiben wollen, kennen das übergeordnete Thema und entwickeln daraus beim Schreiben eine Geschichte, die dann Sinn ergibt. 

(Anmerkung: Es gibt auch die Plantser – das wäre dann ein Mittelding aus Plotter und Pantser)

Ich habe vollsten Respekt, wer so seine Storys schreibt, denn auch ich habe das Ganze ausprobiert. Ich habe in der Vergangenheit oft versucht mit dieser Methode ein Buch zu schreiben, fand mich aber jedes Mal wieder in einem Werk voller Plotholes und Unsinnigkeiten wieder.  

Ich fange meine Planung mit einem Brainstorming an. Es gibt dabei KEINE dummen Ideen oder Ideen die zu viel/wenig wären. Einfach aufschreiben, damit das Ganze einen Platz in deinem visuellem Bewusstsein findet.  

Wie plane ich das Buch? Wie kann ich anfangen?  

Daraufhin sortiere ich aus. Ideen die mir nicht in den Kram passen, schmeiße ich raus. Ideen die ich toll finde, schreibe ich separat nochmal auf, genau wie Ideen, bei denen ich mir noch nicht sicher bin. Dabei kann es über den Ort des Buches, die Story, das Genre vielleicht auch einfach über den Hauptcharakter gehen. Für alles mache ich ein Brainstorming.  

Das Ganze wird dann geordnet aufgeschrieben. Ich schaue, dass ich eine Einführung, einen Höhepunkt und ein Ende habe, die mir wirklich gefallen und schreibe mir dann so viel wie mir einfällt auf, was dazwischen passieren soll. Was wohin führt und so weiter. Ich gehe sogar soweit, dass ich eigene Karten der Stadt male, damit ich genau sagen kann, wo die Protagonisten stehen und was sie sehen sollten. Dies entwickelt sich bei mir allerdings beim Schreiben selbst, damit ich mich in der eigenen Stadt nicht verlaufe. Ich habe außerdem immer einen Ringblock in einer meiner Taschen, auch bei meiner Arbeit. Wenn ich eine Idee habe, muss ich sie aufschreiben, bevor sie wieder weg ist. Ich kann so auch Dinge aufzeichnen, wie ich sie mir vorstelle. So kann ich mich besser darauf konzentrieren, wie ich es beschreiben muss, damit das Ganze auch wirklich rüberkommt. 

© Jonas Zaps

Irgendwann schreibt man also drauf los. Man weiß, wo man anfängt, man weiß, wo man endet, man weiß, was passiert, doch das Dazwischen muss gefüllt werden.  

Sollte ich in eine Sackgasse mit meinen Formulierungen geraten oder ein Plothole auftauchen, was mir vorher nicht aufgefallen ist, dann schreibe ich mir, wieder in meinen Notizblock, auf, was als Nächstes passieren kann oder wie ich dieses Plothole ausmerzen kann. Wieder ein kleiner Brainstorm. Wenn ich also wieder eine Idee habe, die mir gefällt, dann streiche ich die anderen und baue auf dieser Idee weiter auf, bis ich mich sicher fühle und weiter auf der Maschine schreiben kann.  

Das ist im Grunde, wie ich mein Buch anfange zu schreiben. Zu diesem Zeitpunkt bin ich etwa bei knapp über 90 A4 Seiten. Noch macht es mir Spaß und ich sehe noch kein Ende darin. Irgendwann muss man damit rechnen, dass man eine Schreibblockade hat, diese sollte man ausharren, aber danach auch wieder weitermachen. Das passiert jedem und das ist auch nicht schlimm. 

Eine Seite getippt entspricht etwa 1,1 oder 1,2 Seiten auf dem PC als Normseite. Da die Normseite noch immer aus dem Zeitalter der Schreibmaschinen kam, sind die Voraussetzungen natürlich super, um den Fortschritt in Seiten auszudrücken.

Ich für meinen Teil empfehle jedem, der ein Buch, Kurzgeschichten, Gedichte, Rezepte – eigentlich egal was schreiben möchte, eine Schreibmaschine zu Hause. Denn es gibt nichts Schöneres, als die kreative Geräuschatmosphäre einer klickenden Schreibmaschine – zumindest für einen selbst.  

Ich wünsche euch also alles Gute, bleibt gesund und schreibt fleißig auf euren Maschinen!  

Wunderschönen Tag noch 

Jonas

INFO: Jonas Zaps alias TheTypewriterKind auf Instagram bzw. Youtube.

Field Writing Nr. 4: Das Geisterhaus

Es ist Sonntag, der 15. Mai 2022, knapp acht Uhr am Morgen. Ich sitze wieder einmal in meinem Grätzl (oder Hood, wie man neuerdings auch sagt) in Wien-Penzing und tippe auf meiner Olympia Splendid 66. Die kühle Frische der Morgenluft macht sich angenehm auf der Haut bemerkbar. Vögel zwitschern laut, einige Jogger und Wanderer hasten an mir vorbei – es gibt auch schon einigen Autoverkehr hier auf der Hüttelbergstraße.

Angenehm wenig Verkehr, aber unangenehm laut hier an der Stelle, an der ich sitze. An dieser Stelle scheint es um einiges lauter als sonst hier auf der Straße zu sein. So, als wäre hier eine Art akustisches Nadelöhr.

© Rodja Pavlik

Ich sitze hier in einer Einfahrt, habe aber nicht wirklich Angst davor, verjagt zu werden. Dieses Haus hier ist nämlich verlassen, ich kann nicht genau sagen, seit wie vielen Jahren. Als wir hierher gezogen sind, haben sich meine Kinder immer vor dem Haus gegruselt. Sie wollten nie alleine daran vorbeigehen. Das verstehe ich recht gut, habe ich mich doch zum Beispiel selbst noch als Teenager vor dem Keller – wider alle Vernunft – gefürchtet. Es gibt halt einfach solche Orte. Mein Kinder nennen das Haus auf Hüttelbergstraße 26a auch das Geisterhaus.

© Rodja Pavlik

Das Gebäude fasziniert mich und ich habe einige – wohl gemerkt nicht sehr tief gehende – Recherchen darüber gemacht. Das Haus war ursprünglich ein Nebengebäude der Villa Wagner, die 1886 erbaut wurde. Villa Wagner, weil sie dem bekannten Jugendstil-Architekten Otto Wagner (u.a. die bekannten Stadtbahnstationen, die Österreichische Postsparkasse) gehörte, der diese 1911 verkaufte, nur um ein paar Meter weiter links die Villa Wagner II zu bauen. Villa Wagner I ist heute auch deswegen bekannt, weil einst der Mitbegründer der Wiener Schule des Phantastischen Realismus, Ernst Fuchs, seine Wohnung und sein Atelier darin hatte – und eben nun das Ernst-Fuchs-Museum beherbergt.

Wann das Geisterhaus nun eine eigenständige Entität wurde, konnte ich nicht herausfinden. Man bemerkt aber sehr wohl, dass die Grundstücke noch immer miteinander verbunden sind. Einerseits eint sie noch immer der gemeinsame Zaun, der wohl noch aus Otto-Wagner-Zeiten stammt, andererseits gibt es im Garten innen keine wirklich bauliche Abtrennung. Man bemerkt nur diesen grünen Erdwall, auf der linken Seite des Hauses, den man aber sicher licht überwinden kann – und dann kann man ohne Hindernis auf den Grund des Ernst-Fuchs-Museums spazieren.

Selbst als wir noch nicht hier wohnten, bin ich früher oft die Hüttelbergstraße hier entlang rüber zu unserer alten Wohnung in Hietzing gefahren. Und ich bilde mir ein, dass das Haus noch nicht all zu lange verlassen steht. Wobei das relativ zu verstehen ist. Vielleicht fünf, zehn, maximal fünfzehn Jahre? Ich kann es schwer abschätzen.

Das Haus befindet sich im Bestand von Wiener Wohnen. Wiener Wohnen verwaltet rund 220.000 Gemeindewohnungen und ist laut eigenen Angaben die größte kommunale Hausverwaltung in Europa. Rund 31 Prozent der Wiener sollen in Gemeindebauten leben.

© Rodja Pavlik

Das führt mich zu der Frage: Wenn dieses Haus bewohnt wäre, wäre es dann der kleinste Gemeindebau von Wien? Als ich das erste Mal über das Geisterhaus recherchiert habe, fand ich den Hinweis, dass in dem Haus drei Wohneinheiten seien. (Anmerkung: Der derzeit kleinste Gemeindebau von Wien mit fünf Wohnungen soll in der Dommayergasse in Hietzing stehen.) Seltsamerweise ist der Hinweis auf der Wiener Wohnen-Seite verschwunden, stattdessen steht jetzt: Wohnungen: 0. Was vermutlich mit Bauzustand und dem nicht-bewohnt-sein zusammenhängt.

Das Geisterhaus scheint dem Verfall preisgegeben zu sein. Da es von Otto Wagner stammt, steht es vermutlich unter Denkmalschutz. Es schaut recht wüst aus. Eine Satellitenschüssel ragt einsam empor, der Verputz bröckelt, irgendwo quillt Dämmwolle hervor. Vor der Seite her sieht man einen offenen Treppeneingang, der jahrein, jahraus offen ist – soweit ich das gesehen habe. Auch ein Fenster im ersten Stock ist schon seit Jahren offen. Gut, ich bin kein Bauexperte, aber ist das nun förderlich für den Erhalt der Bausubstanz? Ist ständige Frischluft gut gegen Schimmel? Und wenn ja, was macht der Regen oder schmelzender Schnee?

© Rodja Pavlik

Und trotzdem hat man das Gefühl, dass sich irgendwie um das Haus gekümmert wird. Zugegeben, der Garten schaut an dem Tag, an dem ich den Field Writing Report tippe, verwildert aus. Und doch wurde vor kurzem erst die Hecke getrimmt – und einige der Blumen schauen auch nicht natürlichen Ursprungs aus, sondern absichtlich gesät oder gesetzt aus.

Und zumindest ist seit einiger Zeit wenigstens das Fenster im Erdgeschoß verbarrikadiert. Das letzte Mal, als ich von außen reinsehen konnte, entdeckte ich ein Gerüst darin. Ob damit die Mauern und Decken gestützt werden sollten? Ich bin echt neugierig, was aus diesem Haus einmal werden soll. Wird es renoviert? Sollen so lange Wind und Wetter darauf einwirken, bis es nicht mehr renovierbar ist und abgerissen wird? Da es sicher unter Denkmalschutz steht, muss es wohl sehr teuer und dem Baustil entsprechend renoviert werden. Und neue Mieter können sich innen eben auch nicht baulich austoben, sondern müssen wohl für jede Kleinigkeit eine Extra-Genehmigung beantragen.

Ich würde gerne mich drinnen mal umschauen. Praktischerweise habe ich ja jetzt eine Menge FFP2-Masken, die mich vor Schimmel schützen (hoffentlich).

Immerhin scheint das Haus jetzt besser abgesichert zu sein. Konnte man früher noch durch das angelehnte Gartentürl in den Garten rein, ist der Zugang nun tatsächlich abgesperrt. Nicht, dass das jemanden aufhalten würde, der wirklich rein will – aber für mich bequemen Sack ist das schon Hinderungsgrund genug.

© Rodja Pavlik

Dennoch ist das Grundstück von einer Seite frei zugänglich – hinten, vom Hang aus. Das Geisterhaus liegt nämlich unterhalb vom Paradies, über das ich schon mal in Field Writing Report Nr. 2 geschrieben habe. Tatsächlich liegt das Haus gefühlt so ca. 20, 25 Meter unterhalb der Stelle, wo ich damals meine Schreibmaschine hervorholte. Und im Paradies liegen die Vorläufer des Wienerwaldes.

Manchmal kommen auch Besucher aus dem Wald zum Geisterhaus. So konnte ich schon mal ein Reh im Garten äsen sehen, selbst gut getarnt und vom Zaun geschützt vor der lauten und gefährlichen Straße.

© Rodja Pavlik

Falls das Haus mal wieder bewohnbar sein sollte… Das stelle ich mir richtig toll vor: Man wacht auf, öffnet das Fenster und sieht ein Reh oder einen Fuchs im Garten. Ein idyllisches Bild.

© Rodja Pavlik

Abschließend noch ein paar Gedanken zum Thema Field Writing und Ausrüstung

Heute habe ich wieder einen weiteren Test absolviert. Ich schreibe nämlich auf einem zusammenrollbaren Campingtisch. So nach und nach möchte ich wirklich eine Allzweckausrüstung fürs Field Writing zusammenstellen.

© Rodja Pavlik

Der Tisch ist zwar noch nicht ganz das Wahre, aber ich kann zumindest besser schreiben, als wenn ich die Schreibmaschine ständig auf der Schoß habe. Ich fürchte, es wird noch einige Zeit des Herumexperimentierens benötigen, bis ich die idealen Tools beisammen habe. Aber der Tisch könnte schon mal ein Schritt in die richtige Richtung sein.

Jetzt muss ich noch schauen, ob ich etwas mit Teleskopbeinen finde (so wie Gerhard Richters umfunktionierte Malerstaffel), dass ich auch auf einem schrägen Hang schreiben kann. Aber generell habe ich das Gefühl, dass es in die richtige Richtung geht.

© Rodja Pavlik

Irgendwie habe ich das Gefühl, dass es ausrüstungsmäßig schon in die richtige Richtung geht. Ein Problem ist aber auf jeden Fall die richtige Und die Olympia Splendid 66 ist – obwohl ich gerne auf ihr tippe – doch schwerer und sperriger als die Hermes Baby.

Das waren abschließend noch ein paar Gedanken zum Thema Ausrüstung. Falls Ihr Tipps dazu habt, bitte in die Kommentare – gerne auch Werbung für ein konkretes Produkt.

Rodja

Field Writing Nr. 3: La nouvelle Einfallslosigkeit

Mir ist klar, dass Wien wächst. In meinem Geburtsjahr 1971 hatte diese Stadt rund 1,6 Millionen Einwohner, Anfang 2022 waren es 1,9 Millionen. Und irgendwo müssen diese Leute ja auch wohnen. Es muss also gebaut werden – aber erstaunlicherweise kann man sich die neuen Wohnungen als Normalsterblicher auch nicht leisten.

Andererseits wird es in Wien auch immer heißer. Es bilden sich immer mehr Hotspots in der Stadt, wie auch die Stadtverwaltung anhand einer Hitzekarte selbst weiß. Als Gründe werden neben dem Klimawandel auch die städtische Verbauung mit Asphalt und Beton, die Wärme speichern, genannt. Man weiß also, warum sich die Hitze in der Stadt hält – aber das scheint niemand der Bauindustrie gesagt zu haben – oder es kümmert sie ganz einfach nicht.

© Rodja Pavlik

Seit einiger Zeit wohne ich im 14. Bezirk am Fuße des Satzbergs, in der Nähe gleich der Wienerwald. Gegenüber meinem alten Grätzl Ober Sankt Veit im 13. Bezirk gefühlsmäßig ein Abstieg – ich mag einfach den Vorort- bzw. Dorfcharakter, der teilweise in Ober Sankt Veit noch vorhanden ist (obwohl dort in letzter Zeit leider auch viel gebaut wurde).

Warum sind wir dann weggezogen? Na ja, es warat weng Wohnsituation… Die neue Wohnung auf Miete bietet jedem Kind ein Zimmer – das war das ausschlaggebende Argument. Aber so recht wohl wollte ich mich hier anfangs nicht fühlen. Doch dann kam Corona – und damit diverse Lockdown-Stadien. Und erst da lernte ich die Gegend hier so richtig zu schätzen. Ich konnte hier Luft schnappen, im Wald spazieren gehen, das Paradies oder den Satzberg erkunden – und das ohne vielen oder überhaupt Leuten zu begegnen. Und irgendwie fand ich dann doch Gefallen an der Gegend.

Doch kurz nachdem wir herzogen – so ungefähr ein Jahr später, bemerkte ich eine Veränderung am Satzberg. Auf einigen, manche mehr, manche weniger verfallen wirkenden Häusern und Zäunen hingen plötzlich Transparente, die von großartigen und exklusiven Brauprojekten verkündeten… Banken und Immobilienfirmen hatten hier zugeschlagen. Das verhieß nichts Gutes.

© Rodja Pavlik

Und nun bin ich hier in der Freyenthurmgasse und schau auf das sich anbahnende Ergebnis. Ich sitze auf dem Gehsteig gegenüber einer Baustelle, auf einem dreibeinigen, zusammenlegbaren Hocker, mit dem Rücken an eine Mauer gelehnt, eine Hermes Baby auf dem Schoß.

Ich starre auf etwas, das einst eine riesige Wiese mit einem Mehrparteienhaus darauf war. Und Bäumen. Wenn man auf Google Maps schaut, dann findet man an dieser Adresse noch ein Bild von 2019 vor. Bäume verdecken die Aussicht auf das Haus, das mitten am steilen Hang auf einer riesigen Wiese stand. Ein etwas älterer Passant, der mit seiner Tochter und einem Enkel an mir vorbeigeht, schwärmt noch davon, wie er damals als Kind am Hang hier Ski fahren lernte. Und in dem Haus wohnten an die acht Parteien, erzählte der Mann.

© Screenshot Google Maps

Doch das ist die Vergangenheit. Die nahe Zukunft verspricht an dieser Stelle 34 qualitativ hochwertige Eigentumswohnungen von 46 m2 bis hin zu 121 m2, in den Varianten 2- bis 5-Zimmer – mit 39 KFZ-Stellplätzen und zwei Motorradstellplätzen. Jede Wohnung wird einen Außenraum (Eigengarten, Balkon oder Terrasse) haben.

Doch zu welchem Preis? Und das im doppelten Sinn. Erstens zu einem Preis, den sich der Durchschnitts-Wohnungssuchende nicht leisten können wird, zweitens kostet es den Satzberg an Substanz und Lebensqualität. Der Passant, mit dem ich sprach, meinte, dass die Leute hier gegen das Bauprojekt waren, doch gegen die Immobilienfirmen könne man einfach nichts machen. Er machte sich auch Gedanken darüber, wie nun das Schmelz- oder das Regenwasser von dem Hang abfließen würde, jetzt, wo alles zubetoniert sei.

Ich sprach mit einigen Leuten, die an mir vorbei gingen, über das Projekt und die Bebauung des Satzbergs im Allgemeinen. Niemand von ihnen wusste etwas Positives darüber zu sagen. So etwas darf man natürlich nicht unreflektiert in sich aufnehmen, denn Anrainer wissen prinzipiell nichts Gutes über ein Bauprojekt direkt neben ihrer Haustür zu sagen. Doch ich glaube ihnen, dass sie generell eine negative Veränderung im Gefüge des Satzberges wahrnehmen.

© Rodja Pavlik

Für das Wohnprojekt musste ein Teil des Erdreichs abgetragen werden, der Boden mit einer Art Estrich auf verschiedenen Plateaus eingeebnet werden. Jeder Quadratzentimeter Baugrund wird ausgenützt. Jeder Zentimeter Grünraum muss aber zuerst zerstört werden, bis dann a bisserl Grün, unterbetoniert, schön geordnet und ja nicht überwuchernd, zurückkehren darf. Auf dem angepriesenen Symbolfoto sieht man an den Rändern der Anlage viel Grün. Doch wer genau hinschaut, wird bemerken, dass das schöne Grün zu den Nachbargärten gehört, nicht zu der Wohnanlage.

Und so geht es hier auf einigen Grundstücken zu. Alte Häuser verschwinden oder große Grundstücke werden aufgeteilt. Die Straße weiter hinauf Richtung Dehnepark steht z.B. ein zweiteiliges Reihenhaus, das einst einen großen Garten hatte. Dann wurde der Garten abgeteilt – und nun steht auf dem einst leeren Teil ein großer Block, der wie eine riesige Lavawand wirkt, die sich Zentimeter um Zentimeter an die Reihenhäuser heranzupirschen scheint.

© Rodja Pavlik

Es gibt einige neue Bauunterfangen wie dieses hier am Satzberg. Sie sind alle im Fertigwerden begriffen und ähneln sich dabei wie eine aus Beton gegossene Kuhflade der anderen. Unten dick aufgetragen, nach oben verjüngend. Und alles so… glatt und fade. Keine Spur von Individualität. Wo ist ein Hundertwasser, wenn man ihn braucht?

Aber vielleicht zählen „innere Werte“. Vielleicht sind ja die Wohnungen innen so genial gebaut, aber das kann ich nicht beurteilen. Jenen Leuten, die da wohnen werden, wird das auch egal sein. Sie werden ja meistens nur das Innere sehen – und das Äußere nur, wenn sie wegfahren oder heimkommen.

Ich weiß nicht, wie man diesen Baustil nennt… oder vielleicht in Zukunft nennen wird. Mir fallen als Baustile Romanik, Gothik, Biedermeier oder Jugendstil ein. Aber das hier? „La nouvelle Einfallslosigkeit“? „Die geplante Langeweile“? „Das letzte Aufbäumen vor dem Klimakollaps“? Irgendwie erinnert mich der momentane Anblick auch an einen Cartoon des legendären Franquin aus „Schwarze Gedanken“.

aus „U-Comix präsentiert: Schwarze Gedanken – Komplett“ – Franquin, alpha-comic verlag 1986

Es steckt eine gewisse Gigantomanie in diesen Projekten, eine arrogante, selbstbewusste, die erschreckt. Mir geht eine gewisse Demut hier ab. Demut vor der Geschichte des Ortes, der Natur und den Nachbarn. Ich weiß, darum kann sich der Bauträger nichts kaufen. Irgendwie erinnern mich diese Immobilienspekulanten aber an Heuschrecken. Sie fallen über den Satzberg her, zerstören jegliches Grün – und wenn nichts mehr da ist, ziehen sie weiter, lassen das Zerstörte zurück. Wobei… da tu ich Heuschrecken Unrecht. Nach deren Invasion kann im nächsten Jahr wieder etwas erblühen. Hier am Satzberg… wohl nicht mehr.

Rodja

Die nackte Schreibmaschine – The naked typewriter

Anmerkung des Chefredakteurs

Auf einer Internetplattform, auf der so Sachen verkauft werden, und die ich „rein zufällig“ offen hatte, fand ich ein recht interessantes Angebot: Eine nackte Schreibmaschine!

Nackt bedeutet in diesem Fall ohne Abdeckung und Verkleidung. Irgendwie erinnert sie mich an die Schreibmaschine von „Unabomber“ Ted Kaczynsky, die in der Sammlug von Steve Soboroff zu finden ist. Aber das ist nicht der Hauptgrund, warum die nackte Schreibmaschine mich fasziniert. Es ist – ähnlich wie bei einer Skelett-Taschenuhr – der Blick ins Innere. Wie greift das Eine in das Andere? Welche Federn und Zahnräder bewegen und drehen sich? Wie funktioniert das Ganze? Zwar bietet eine Olympia Modell 8 mit Glasfenstern an den Seiten auch einen Blick ins Innere, aber eben nicht so ungestört.

Langer Rede, kurzer Sinn, ich schrieb den Verkäufer an, weil ich wissen wollte, was hinter dem Angebot steckt. Es meldete sich Max K., der – zu meinem großen Erstaunen – Die Schreibmaschinisten bereits kannte. Was einerseits schmeichelnd ist, andererseits sich in Verhandlungsfragen auch zu meinen Ungunsten auswirken könnte. (Memo to myself: In Zukunft auf Verkaufsplattformen nur noch mit Pseudonym agieren.)

Dies nur zur Erläuterung, wie ich auf die nackte Schreibmaschine kam. Anbei nun die Erklärung als Artikel, den mir Max K. freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat. Vielen Dank.

DIE NACKTE SCHREIBMASCHINE

Es gibt zwei Aspekte, die hier reinspielen – einen eher philosophischen und einen ganz praktischen. Die nackte Wahrheit ist: Ich suchte einen Ersatzteileträger für meine Brother Valiant aus den 60er Jahren. Ein paar der Federn schienen mir ausgeleiert und schwach. Wer schon mal in diese Richtung im Internet recherchiert hat, wird festgestellt haben, dass es Federn im Fachhandel in unterschiedlichsten Formen gibt – von der Länge, dem Durchmesser, der Dicke, dem Material und natürlich der Zugkraft. Kurzum: Eher unwahrscheinlich, dass man hier ohne Weiteres bessere Alternativen erwischt, zumal solche Spezialfedern aus dem Fachhandel ihren Preis haben, der nicht im Verhältnis zum „Wert“ der Schreibmaschine steht.

© Max K.

Und da es derzeit bei uns noch mehr alte Schreibmaschinen am Markt gibt als Interessenten, kam mir die Idee, einfach ein Nachfolgemodell meiner Brother zu erwerben, das vermutlich noch dieselbe Technik enthält, wo die Federn aber noch nicht ausgeleiert sind. Als Ersatzteileträger kamen daher Brother-Modelle aus den 70ern in Frage, die optisch ruhig „hässlich“ sein durften und natürlich günstig sein sollten – und soweit erkennbar wenig benutzt.

Nach kurzer Zeit fand ich eine Brother DeLuxe 1300 Tabulator in Purkersdorf um wohlfeile 13 Euro, in einem beigen Plastikkleid mit Holzfurnier – perfekt! Zu Hause stellte ich dann fest, dass einerseits alles auf Anhieb und ohne Reinigung funktionierte, und andererseits, dass es bei der Mechanik offenbar doch Veränderungen im Detail gab. „Feintuning“ sozusagen. Das bedeutete, dass ich Teile wie z.B. die Federn nicht 1:1 verwenden konnte. Auch der Spulenmechanismus mit der Farbbandumkehr schien besser gelöst, passte aber leider nicht ohne Weiteres in die alte Maschine.

© Max K.

Dafür stellte ich fest, dass der Metallrahmen unter dem Plastikkleid rundum verlief, das Metall beschichtet sein dürfte (glänzte schön) und alle Funktionen auch so verfügbar waren. Sogar die Gummifüße, die noch in einem guten Zustand waren (und leider auch nicht auf die alte Maschine passten), konnte ich ohne Weiteres an der nackten Schreibmaschine montieren! Sie sah damit zeitlos modern aus – Technik auf das notwendige Minimum reduziert.

Das bringt mich zum „philosophischen Aspekt“: Einerseits der Gedanke „weniger ist mehr“, der sich auch in unserer Wohnungseinrichtung wiederfindet und eine Ruhe ausstrahlt. Andererseits aber auch meine Vorliebe für Mechanik. Als jemand, der bereits in seiner Jugend mit Computern aufgewachsen ist und der im Alltag natürlich die moderne Technik nutzt, hat mich die Mechanik schon immer fasziniert. Sie ist logisch nachvollziehbar und transparent. Durch Probieren und Beobachten kann sie jeder Laie mit etwas Geduld verstehen und Probleme nicht selten selbst beheben – was für ein Erfolgserlebnis! Man hat nicht dieses Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins wie in der modernen Computerelektronik, die für den Laien ein Buch mit sieben Siegeln darstellt. Da heißt es bei Problemen dann meistens: teuer reparieren lassen (sofern überhaupt möglich) oder wegwerfen. Die meisten Handys oder Computer halten vielleicht ein bis fünf Jahre. Bei Schreibmaschinen sprechen wir von vielen Jahrzehnten! Das war schon „nachhaltig“, bevor wir dieses Wort in dieser Dimension kannten.

© Max

Die Faszination analoger Technik äußerte sich bei mir zuerst im Wunsch, Oldtimer in Form klassischer Autos und Motorräder besitzen und fahren zu wollen – und dabei auch selbst Hand anlegen zu können und wollen. Das setzt jedoch Geld und Platz voraus, also ist das nicht ohne Weiteres umsetzbar. Später entdeckte ich meinen Faible für mechanische Uhren. Kleine Meisterwerke aus hunderten Teilen, die präzise ineinander greifen müssen, damit alles perfekt funktioniert – und das tut es über Jahre und Jahrzehnte, ganz ohne Strom. Interessanterweise hat sich hier ein Markt für mechanische und Automatikuhren etabliert, der sich noch immer hält. Allerdings auch ein eher teures Hobby. Immerhin aber nicht so platzintensiv wie alte Autos, Services sind deutlich seltener nötig.

Das Glanz- und Lieblingsstück meiner eher bescheidenen Uhrensammlung ist eine Omega Seamaster aus 1967 – ein sehr schlichtes Modell ohne Datum, das ich um kein Vermögen (im Vergleich zu modernen Omegas) erstanden habe. Eine grazile Automatikuhr – ich brauche sie nur in die Hand zu nehmen und sie beginnt zu laufen, während ihre rund 50 Jahre jüngeren Pendants in meiner Sammlung erst aufgezogen werden müssen. Das war noch Qualität!

© Max K.

Zum Glück für mein Konto entdeckte ich, dass klassische mechanische Wecker nicht minder reizvoll sind und wie Schreibmaschinen für kleines Geld zu haben sind. Daher besitze ich mittlerweile mehrere Junghans Wecker aus den 40er- bis späten 70er-Jahren. Wobei sie mir als Wecker zu unerbittlich laut und schrill sind – ich verwende sie als gut sichtbare Schreibtischuhren, die ein beruhigendes Tick-Tack von sich geben.

Wie ich feststellen musste, ist bei alten Uhren und Weckern mit Leuchtziffern und -zeigern aber Vorsicht geboten: Häufig kam z.B. Radium zum Einsatz. Ein radioaktiv instabiles Element, das selbst nicht so problematisch ist wie das Zerfallsprodukt Radon, das in die Luft gelangt, wie anglo-amerikanische Studien kürzlich erforscht haben.

Aber zurück zu den Schreibmaschinen. Auch hier hat das Tipp-Tipp-Tipp etwas Beruhigendes, das Haptische etwas Befriedigendes. Gedanken und Finger arbeiten langsamer, konzentrierter und synchroner als auf einem PC, wo wir uns ständig selbst überholen und dann korrigieren müssen. Das analoge Papier wartet geduldig in der Maschine eingespannt, bis es weiter geht. Es braucht keinen Strom, kein Login, kein Passwort, keine Updates oder Backups, kein Hoch- oder Runterfahren – einfach jederzeit bereit. Zu schreiben und sonst nichts. Wir können uns auf das Wesentliche fokussieren, keine Ablenkungen. Die analoge Mechanik tut, was sie soll und sonst nichts, ohne Ansprüche zu stellen. Okay – von gelegentlicher Wartung abgesehen. ;-D

© Max K.

Die nackte Schreibmaschine ist für mich ein auf das Wesentliche reduzierte Anschauungsobjekt der Schreibmaschinentechnik. Sie versteckt nicht, was sie tut – offen und ehrlich, ohne Mysterium. Sie entblößt meine Fehler und hat zugleich ihre Eigenheiten. Damit lernt man umzugehen. Das Ergebnis ist jedenfalls befriedigender – ich kenne kaum jemanden, der nicht doch lieber auf Papier liest.

Liebe Grüße an alle Schreibmaschinisten

Max K.

Die Rache des 10-Finger-Systems

Eigentlich müssten die Schweizer ja die Hermes Ambassador aus dem Effeff können, aber dieses Video hier tut einfach nur weh… vor allem in den Ohren. Erstens quietscht die Schreibmaschine erbärmlich, zweitens flucht der arme Mann beim Tippen gar arg.

Soweit ich das verstanden habe, sind Moser & Schelker Moderatoren bei Radio Energy Basel, Bern, Luzern und Zürich, die sich gegenseitig das Wochenende schwer machen. Sie stellen sich gegenseitig Aufgaben – und erst wenn diese erledigt ist, darf man ins wohlverdiente Wochenende.

Diesmal hat Moser für Schelker eine ganz besonders knifflige Aufgabe. Schelker hat anscheinend das 10-Finger-System nicht mehr intus. Aus diesem Grund soll er blind an der Hermes Ambassador einen Text fehlerfrei tippen. Das kann dauern… und ist auch nicht immer ganz jugendfrei. ;-D

Definitiv eines der witzigeren Schreibmaschinen-Videos in der letzten Zeit.

Rodja

Trainspotting…

Wie vielleicht einige Leser wissen, liebe ich es mit der Bahn zu fahren. Vier Mal mit Interrail unterwegs – und diese Reisen zählen zu meinen schönsten Erlebnissen. Ich trage ja auch schon seit Jahren die Geschichte zu einem Railroadmovie in mir herum – ein Stoff, so untypisch typisch für mich – sogar mit einer Liebesgeschichte.

Das Treatment ist schon fertig – und nachdem ich lange mit mir gerungen habe, ob es eher in Richtung Drehbuch oder doch eher ein Roman wird, habe ich mich für letzteres entschieden. Um mich wieder in Stimmung zu bringen, habe ich mir dafür auch das Buch „Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen“ von Jaroslav Rudis besorgt.

splendid66

© Rodja Pavlik

Tja, und dann stolpere ich über dieses Video hier: „Trainwriting“ – entspanntes Vorwärtskommen, mit Schreibmaschine. Und das schürt die Sehnsucht nach mit dem Zug fahren gleich noch mehr. Ein sehr stimmiger Clip, den die Bahn eigentlich gleich als Werbevideo verwenden könnte.

Gibt es eigentlich diese „Zugfahrt“-Filme im Fernsehen noch, die immer lange nach Mitternacht gesendet werden? Die haben mir immer wieder von der schönen, weiten Welt da draußen erzählt, wenn ich mal wieder Schlafstörungen hatte.

Blöd, dass ich den Zugmaschinisten, der da mit seiner Olympia Splendid 66 unterwegs, so gar nicht kenne. ;-D

Rodja