Wider die Einfärbigkeit auf getippten Seiten!

An einem Feature der Schreibmaschine scheiden sich die Geister: dem Farbbandschalter bzw. dem Nutzen und Benutzen von zweifärbigen Bändern.

Nun ja, eigentlich stehe ich damit allein auf weiter Flur, denn ich kenne niemanden, der tatsächlich zweifärbige Farbbänder verwendet. Und ich verstehe es auch vom ökonomischen Standpunkt her. Ist eine Spur Schwarz aufgebraucht und wird schwach bei der Farbabgabe, schaltet man einfach den Farbbandschalter um und schreibt auf der zweiten Spur Schwarz weiter.

Für mich jedoch haben aber zweifärbige Farbbänder sehr wohl einen Sinn. Ein großer Teil dieser Anwendungsmöglichkeiten findet in Entwürfen Niederschlag, nicht unbedingt in der finalen Version des Textes.

Es gibt nicht viele Features, um in einem Schreibmaschinentext etwas hervorzuheben. Man kann in BLOCKSCHRIFT schreiben, man kann etwas unterstreichen, entweder einfach oder zweifach (dazu verwendet man das „=“ eine halbe Zeile unter dem Geschriebenen), oder man setzt eben die zwei Farben bewusst ein. Und ich mag das.

© Rodja Pavlik

Natürlich habe ich auch Schreibmaschinen, die nur einfärbig schreiben (wie meine treue Hermes Baby), aber wann immer es geht, achte ich beim Kauf einer Schreibmaschine, dass sie zweifärbig schreiben kann. Und wenn sie es kann, dann möchte ich auch ein zweifärbiges Farbband dafür.

Für mich hat das Zweifärbige – bzw. die Wahlmöglichkeit – durchaus etwas Sinnvolles. Erstens, wie bereits gesagt, die Akzentuierung, das Hervorheben im Text. Es ist doch eine elegante Alternative zu z.B. in BLOCKSCHRIFT schreiben. Oder eben etwas im Nachhinein zu unterstreichen.

Die zweite Verwendungsmöglichkeit für mich, ist beim Schreiben von Geschichten oder Drehbüchern. Meistens habe ich schon einen Geschichtsstrang im Kopf, den ich abarbeite. Der ist aber nicht fix, meistens fallen mir beim Schreiben noch Ideen ein. Wenn ich im Flow bin, switche ich einfach auf Rot und schreibe den zweiten möglichen Handlungsstrang auf. Oder eine mögliche, spätere Wendung, die mir erst jetzt eingefallen ist. Sobald ich damit fertig bin, schalte ich auf Schwarz zurück und schreibe am alten Strang weiter. So geht nichts verloren – und ich kann dann genau unterscheiden, was der ursprüngliche Gedanke war – und mich erst später entscheiden, was besser ist.

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Manchmal fällt mir aber auch eine Frage zu bestimmten Sachen ein, die ich noch genauer nachrecherchieren muss. Ich könnte das ja sofort am Computer nachschauen – aber so wie ich mich kenne, bleibe ich dann auf Youtube oder Facebook hängen und versumpere. So schreibe ich die Frage/Problemstellung in Rot auf – und kann kurz darauf wieder zur Geschichte zurückkehren und schwarz weiterschreiben.

Ja, für mich machen zweifärbige Farbbänder durchaus Sinn und ich möchte diese Wahlmöglichkeit einfach nicht missen.

Rodja

Field Writing Nr. 2: Mit dem Campinghocker im Paradies

Diesmal fahre ich nicht mit dem Zug. Diesmal verschlägt es mich bequemer- und versuchsweise sowie Corona-bedingt sogar sehr, sehr nah von meinem Daheim.

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© Rodja Pavlik

Die Zugreise mit der Schreibmaschine liegt schon so lange zurück, dass ich mich kaum noch daran erinnern kann. Nur soviel: Ich saß noch ohne Mund-Nase-Schutzmaske im Zug. Seither ist viel geschehen. Ein Virus zwang uns zu Homeoffice, Homeschooling und Zoom-Konferenzen (ein digitaler Overkill) – und sorgte auch dafür, dass wir unsere Gegend näher erkundeten. Wir haben das Glück, in einer grünen Umgebung am Stadtrand zu leben, so dass wir während des Corona-Lockdowns doch immer wieder raus konnten, ohne Menschen zu begegnen. Und so konnten meine Kids und ich das Paradies für uns entdecken. Obwohl es nur ein paar hundert Meter von meinem Wohnblock entfernt ist, liegt es sehr versteckt. So versteckt, dass ich beim ersten Mal am Eingang – der direkt an der Hüttelbergstraße liegt – sogar vorbeigegangen bin. Und selbst beim zweiten Mal hatte ich kurz das Gefühl, dass ich wieder daran vorbeilaufen würde.

Das Paradies heißt wirklich so. Das etwa 7,5 Hektar große Erholungsgebiet befindet sich auf dem Areal des ehemaligen Kinderfreunde-Heims „Paradies“. Ich weiß nicht viel davon, aber es ist schon lange weg. Davor war es ein Steinbruch. Irgendwann in der Mitte der 2000er-Jahre sollte hier ein großes Kunstmuseumprojekt verwirklicht werden – aber das soll eine sogenannte „Linke“, ein großer Betrug gewesen sein. Das in das Projekt gepumpte Geld soll futsch sein.

Auf jeden Fall blieb das Gelände 20 Jahre lang gesperrt, bis es im September 2010 eben als Erholungsgebiet für die Wiener wieder geöffnet wurde. Das Paradies liegt im Schutzgebiet Wald- und Wiesengürtel und ist Teil des Landschaftsschutzgebietes Penzing sowie des Biosphärenparks Wienerwald. Obwohl es einen großen Spielplatz (der aufgrund Corona natürlich gesperrt war) und eine steile Wiese (ideal fürs Rodeln, allerdings konnten wir das aufgrund Schneemangels noch nicht wirklich testen) hat, gibt es auch viel Wald und viele steile, felsige Bereiche, die man erklettern kann. Auf diesen geheimen Pfaden – die nicht sooo geheim sind – begegnet man kaum Menschen. Es war ein Riesenspaß, hier mit den Kids zu klettern. Und die Kids wollten danach auch immer mehr. Es war eine schöne Zeit, wenn sie sich auspowern konnten.

Ich throne nun oberhalb der Hüttelbergstraße. Heute arbeite ich „stationär“. Das Wetter ist sehr kühl und grau. Ich sitze auf eben auf einem dieser „Geheimwege“, den meine Kinder und ich während der Corona-Hardcore-Zeit entdeckt haben. Ich habe mir so einen Billingsdorfer-Campinghocker gekauft  – und meine Hermes Baby wackelt im Rhytmus meiner Anschläge auf meinen Knien. Habe ich schon gesagt, dass ich meine Hermes Baby liebe? Dieses Schreibgerät ist mir echt ans Herz gewachsen.

© Rodja Pavlik

Von meinem Standpunkt oberhalb der Hüttelbergstraße sieht man die Straße durch den Blätterwald kaum. Hören tut man sie aber sehr wohl. Ständig fahren Autos unten vorbei. Als wir hier während dem Lockdown waren, war nichts zu hören – weil eben auch niemand fuhr. Ich bilde mir ein, dass die Luft auch viel frischer roch.

Unter mir sind – ebenfalls außer Sicht – die Villa des Phantastischen Malers Ernst Fuchs und ein kleiner Gemeindebau. Ein sehr, sehr kleiner Gemeindebau. Soweit mich meine Informationen nicht trügen, ist der Gemeindebau in der Hüttelbergstraße 26a mit drei Wohneinheiten der kleinste Gemeindebau von Wien! Allerdings habe ich nicht das Gefühl, dass dort jemand wohnt – so verfallen, wie der aussieht. In diese Richtung werde ich aber noch recherchieren, weil um den Bau tut es mir irgendwie leid. Ich nehme an, dass er unter Denkmalschutz steht. Das macht eine Renovierung natürlich noch teurer, wenn nicht sogar unmöglich. Da lässt man das Ding anscheinend lieber verfallen, bis es nicht mehr zu retten ist.

Das Paradies ist ein Naturjuwel vor der Haustür. Zur Hüttelbergstraße ist es mit einem Zaun recht gut abgegrenzt. Nach oben und zum Wienerwald ist es aber recht offen. Hier gibt es unzählige Tierarten und Insekten. Spechte, Hirschkäfer und Falken habe ich schon gesehen. Meine Kinder haben hier sogar schon Rehe gesehen. Und Füchse und Wildschweine wird es hier wohl auch geben. Sogar Spuren von Idioten sind hier zu finden, wie man meinem Arbeitsplatz ersehen kann.

© Rodja Pavlik

Auf dem Hügel gegenüber sehe ich mehrere Einfamilienhäuser. Ich würde gerne dort wohnen, so ein Haus mit Garten, das wäre schon fast Feines. Nur spiele ich finanziell nicht in dieser Liga.

Ich sehe, dass ein Haus abgetragen wird. Ein anderes scheint eine Brandruine zu sein. Irgendwie scheint das dem weißen Sonnenschirm da oben am Balkon des letzten Stockwerkes nichts auszumachen. Einen gewissen Humor mag ich dem Bild nicht absprechen.

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© Rodja Pavlik

Das Wetter ist jetzt wesentlich kühler geworden. Es könnte bald anfangen zu regnen. Wieder einmal. Als ob es die letzte Woche nicht eh schon genug geregnet hätte. Andererseits ist mir das nicht so unrecht. Die Sommer, also die richtig heißen Sommer in Wien, sind für mich unerträglich geworden.

Das hier heute ist nur ein kurzer Fieldwriting Versuch. Eigentlich wollte ich nur wissen, wie das Schreiben mit dem Campinghocker geht – und ich muss sagen, ich bin eigentlich recht begeistert. Das Ding, made in China, hat etwas um die sechs Euro gekostet. Da können auf jeden Fall noch einige Fieldwritings darauf stattfinden. Leider fetzt mir der Wind das Papier in der Schreibmaschine gerade umadum. Da muss ich mir noch etwas einfallen lassen.

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© Rodja Pavlik

Jetzt werde ich heim gehen. Und das nächste Mal werde ich ein Sackerl für all den Müll hier mitnehmen. Das ist etwas, das ich nie verstehen werde. Wenn man schon sich die Mühe macht, hier etwas zum Konsumieren mitzubringen… Warum kann man dann es nicht auch wieder mitnehmen und entsorgen?

Tom Hanks und die drei Coronas

Dass Oscar-Preisträger Tom Hanks ein Fan von Schreibmaschinen ist, weiß man spätestens seit der sehenswerten Doku „California Typewriter“. Hanks gilt quasi als Poster-Boy der Szene – und es gibt auf diesem Blog hier viele schöne Geschichten, z.B. wie er Schreibmaschinen verschenkt oder sein verborgenes Talent zeigt.

© American Buffalo Pictures

Zuletzt bereitete der US-Filmstar seinen Fans aber große Sorgen, denn er und seine Frau Rita Wilson erkrankten in Australien an dem Coronavirus. Und zu dem Zeitpunkt hatte er eine Smith-Corona-Schreibmaschine mit, wie er nach der Genesung auf Instagram schrieb.

Nun, das ist Schnee von gestern. Hanks und seine Frau sind wieder gesund, zurück in den USA und in Selbstisolation. Das Ganze hat aber noch eine Nachgeschichte mit Awwwwwwww-Faktor.

Denn wie Nachrichtenportale wie z.B. „Südtirolnews.it“ berichteten, bekam Hanks von einem australischen Buben einen Brief. Der Achtjährige erkundigte sich nach Hanks‘ Gesundheit nach der Corona-Erkrankung und erzählte, dass er daheim wegen seinem Namen gehänselt wird – er heißt nämlich Corona de Vries. Und was tat der US-Filmstar? Er ließ es sich nicht nehmen und schrieb dem Buben zurück. Und nicht nur das, er schenkte ihm eine Schreibmaschine. Natürlich eine Smith-Corona.

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Der TV-Sender 9 News Australia brachte sogar einen Beitrag darüber.

Übrigens hatte Hanks nach seiner Genesung und seiner Rückkehr in die USA bereits einen ersten Fernsehauftritt – und zwar in der Comedy-Show Saturday Night Live (SNL). Normalerweise wird die Show aus einem Studio mit einem Live-Publikum gesendet. Doch in Zeiten von Corona sind alle Schauspieler daheim – und ein Publikum schon gar nicht erlaubt. Also nahmen die Schauspieler ihre Teile von daheim aus auf – und bei Tom Hanks, dem „celebrity canary in the coal mine for the corona-virus“, wie er sich selbst nennt, sieht man beim Anfangsschwenk gleich einen (sehr kleinen) Teil seiner Schreibmaschinen.

Rodja

So ein Virus kann einem den Geburtstag schon ganz schön vermiesen

© Rodja Pavlik

Demnächst jährt sich mein Geburtstag zum 49. Mal. Diesen „Schicksalstag“ teile ich auch mit einem jungen Mädchen. Das Besondere: Wegen der Corona-Pandemie kann das Mädchen leider nicht wie geplant mit Freunden und dem Rest der Familie feiern.

Um dem Mädchen doch noch eine Freude zu bereiten, erfolgte in den Sozialen Medien der Aufruf, ihr doch eine Postkarte zu schicken. Eine nette Idee, wie ich finde – und der ich gerne Folge geleistet habe.

Rodja

Typewriterspotting: „Himbeeren“ von Kayo

Mit Linz, der Hauptstadt von Oberösterreich, verbinde ich nicht all zu viel: Stahlstadt (voest alpine, Linz-Donawitz-Verfahren), ars electronica, Industrie, Smog (war in den 1980ern ein Ding, das ständig in den Nachrichten kam), meine dänische Freundin als Au-pair in Linz-Leonding. Und musikalisch? Da fällt mir eigentlich nur österreichischer HipHop ein, vor allem durch die Vorreiter-Band Texta geprägt. Wobei ich dazu sagen muss, dass ich da nicht so viel Ahnung habe – und ich daher auch musikhistorisch vielleicht nicht unbedingt richtig liege.

© Kayo

Nun hat vor kurzem der Linzer HipHopper Kayo das Video „Himbeeren“ veröffentlicht. (Vielen Dank an Filmemacher Markus Kaiser-Mühlecker fürs darauf aufmerksam machen.) „Himbeeren“ ist die Vorabsingle zu seinem zweiten Solo-Album, das voraussichtlich – so Corona will – im Sommer veröffentlicht wird.

Und was fällt mir in dem Clip auf? Schreibmaschinen, gleich drei Stück davon! Natürlich musste ich gleich nachfragen, was der Linzer Musiker, der auch das Video als Regisseur inszeniert hat, mit der Schreibmaschine so verbindet. Durch den kleinen Sketch in der Mitte des Videos nahm ich sogar an, dass Kayo seine Texte selbst mit der Schreibmaschine schreibt. Doch dem war leider nicht so. Dennoch setzt er beim Texten auf Old-School-Techniken, wie er den Schreibmaschinisten auf Anfrage verriet. Er erzählte auch, wie er auf die Idee mit den Schreibmaschinen kam – und wie er diese im Video umsetzte.

Kayo verbindet mit der Schreibmaschine in erster Linie ein Relikt aus vergangenen Tage. „Wie viele analoge Geräte aus früheren Tagen, strahlt auch die Schreibmaschine eine gewisse Faszination auf mich als Sinnbild für Entschleunigung aus. Außerdem bringt die Schreibmaschine beim Tippen eine gewisse Absolutheit mit, die man in digitalen Zeiten nicht mehr gewohnt ist“, erzählt der Musiker.

Er selbst habe damals in der Schule noch Maschinschreiben gelernt. „Auch meine Eltern hatten immer eine zu Hause, und da mich der kreative Schaffensprozess schon als Kind faszinierte und ich mir immer irgendwelche Dinge ausdachte und niederschrieb oder zeichnete, liebte ich auch diese Schreibmaschine, weil Ideen die man im Kopf hat plötzlich manifest werden konnten.“

Doch das ist schon lange her. Tatsächlich habe er bis vor dem Dreh schon lange nicht mehr mit der Schreibmaschine geschrieben. Doch wie kam er überhaupt darauf? „Die Idee, eine Schreibmaschine zu verwenden kam daher, dass ich den Songtext, der ja ausschließlich aus Schüttelreimen besteht, naturgemäß nicht schnell auf einer Schreibmaschine runtergetippt habe, sondern dass das schon ein paar Wochen dauerte bis ich alle Reime zusammen hatte. Ich fand es witzig, im Video zu suggerieren dass mir das alles gerade einfällt, während ich so auf der Schreibmaschine dahin schreibe“, erklärt Kayo. „Mir kam ein alter Video-Effekt in den Sinn, bei dem der Song beim Videodrehen in halber Geschwindigkeit gesungen wird. Wenn das Video dann in doppelter Geschwindigkeit abgespielt wird, passen die Lippenbewegungen wieder zum Original-Song, aber alle anderen Bewegungen sind sehr schnell. Ich dachte mir, dass dieser Effekt das Schreibmaschinen-Schreiben sehr lustig wirken lassen könnte, was sich nach ein paar Test-Shootings auch bestätigte.“

Was bei dem Clip auffällt, ist, dass der Text ohne Tippfehler geschrieben wurde. Kayo dementiert aber, dass ein „Stunt-Typer“ für den Dreh verwendet wurde. „Ich habe den Text selber getippt, das war aber nicht besonders schwer – wir wandten dazu auch den besagten Video Trick in Extremform an. Die Geschwindigkeit des Songs wurde für den Dreh 8-fach verlangsamt, so konnte ich sehr gemütlich tippen, und am Ende wurde das Video in 8-facher Geschwindigkeit abgespielt, und passte somit wieder zum Original-Song.“

Aber woher kommen dann die drei Schreibmaschinen (eine Triumph, eine Olympia SM und eine Olympia Traveller)? Vor allem zumindest noch eine gut funktionierende? „Als ich meiner Freundin von der Schreibmaschinen-Idee fürs Video erzählte, meinte sie gleich ihr Vater hätte noch zwei, drei Schreibmaschinen zuhause rumstehen. Er päppelte diese dann ein wenig auf und los ging’s“, erzählt Kayo.

Aus persönlicher Erfahrung wissen die Schreibmaschinisten, dass der Gebrauch von Schreibmaschinen immer wieder Reaktionen hervorrufen. Größtenteils angenehme, manchmal auch weniger erfreuliche. Wie war das jedoch am Set? Laut Kayo war Schmunzeln und Verwunderung die häufigste Reaktion. „Darauf tippen wollten eher Kinder, da diese ja in der Regel noch nicht mit einer Schreibmaschine in Kontakt gekommen waren. Da ja eine Kamera involviert war hielten die Leute aber in der Regel einen gewissen Respektsabstand“, erklärt Kayo.

© Kayo

Ob der Linzer Musiker nach dem Dreh denn Lust bekommen habe, in Zukunft auf die Schreibmaschine zu setzen? Da winkt Kayo doch ab: „Es hat sehr viel Spaß gemacht, wieder mal eine zu benutzen, aber ehrlich gesagt kann ich es mir im Moment schwer vorstellen, dass die Schreibmaschine in meinem Alltag wieder mal eine Rolle spielen könnte. Aber falls es mich überkommt, ist es gut zu wissen, dass drei Schreibmaschinen allzeit bereit stehen. Die Schreibmaschinen werden natürlich weiter in Ehren gehalten und warten auf ihren nächsten Einsatz“, so Kayo.

Dennoch bleibt der HipHopper beim Texten dem Old School verhaftet. „Meistens schreibe ich mit Stift und Papier, alleine schon, weil ich auch meine Beats auf dem Rechner produziere und das Schreiben dann eine willkommene Bildschirmpause darstellt“, so Kayo. Aber so ganz will er auf Modernes nicht verzichten: „Unterwegs tippe ich immer Songideen und Reime in mein Handy, vor allem Schüttelreime.“

Rodja Pavlik

INFO: Mehr Infos zu Kayo auf www.kayo.at

Field Writing Nr. 1 – Zugstrecke Bad Aussee – Attnang Puchheim

Im Dezember habe ich einen sehr inspirierenden Brief von Gerhard Richter aus Deutschland bekommen. Der Journalist nutzt die Schreibmaschine für Projekte wie „Die Galerie der verlorenen Heimat“ oder Field Writing. In seinem Schreiben forderte Gerhard mich auf, mit der Schreibmaschine nach draußen zu gehen – ich würde da einiges erleben.

Es ist nicht so, dass ich diesen Gedanken nicht eh schon gehabt hätte. Denn eine (Typewriter) Revolution findet im Offenen statt – und nicht im geheimen Kämmerlein, in das ich mich gerne verkrieche. Gerhards Brief gab mir nun den nötigen Fußtritt, um dieses Projekt in Angriff zu nehmen. Eine erste Gelegenheit bot sich, als ich meinen nach einer Krankheit wieder genesenen Sohn Benjamin mit dem Zug nach Bad Aussee zum Schikurs begleitete, nachdem Mama Christine und Tochter Nina schon vorgefahren waren. Mein erstes Field Writing Projekt startete dann auf der ersten Teilstrecke der Rückfahrt.

© Rodja Pavlik

Heast as net,
wia die Zeit vergeht? – Hubert von Goisern

Ist es ein Wunder, dass mir die Liedzeilen von Hubert von Goisern hier einfallen? Wohl nicht, denn ich fahre gerade mit dem Regionalexpress durch seine Heimat – von Bad Aussee nach Attnang Puchheim mit Stationen wie Obertraun Dachsteinhöhlen, Hallstatt und Bad Goisern, um nur einige zu nennen. Ich – und meine treue Reiseschreibmaschine Hermes Baby.

Es ist Anfang Februar und hier sollte eigentlich alles weiß sein. Es sind schließlich Semesterferien – und da sind nun mal Skikurse angesagt, verdammt noch mal. In Bad Aussee lag sogar Schnee, schwer und patzig. Er ist aber vom Regenwasser vollgesogen. Kaum ist man zwei Zugstationen entfernt, hat sich das Bild schon sehr stark verändert. Die Landschaft, die ich hier sehe, ist grün-braun, wobei der Braunton intensiver ist. Die Wiesen stehen teilweise unter Wasser. Es regnet, das Wetter ist milchig-grau, der Nebel hängt teilweise über den Bergkamm, teilweise wabert er auch im Tal. Das einzig Bunte hier sind die knalligen Weingummis, die ich mir am Automaten am Bahnhof in Bad Aussee gezogen habe.

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In Bad Aussee habe ich bereits von der Station aus den Fluss rauschen hören. Er führt viel Schmelzwasser, ist wild. Es ist – vermute ich mal – die Traun, die zum Hallstätter See führt, an dem wir gerade vorbei fahren. Ich sehe vier Schwäne draußen am Wasser. Viele Wiesen stehen unter Wasser. Es fehlt nicht viel, dann überschwemmt die Traun die Straße.

Im Hallstätter See gibt es einige grüne Stellen, so karibisch-grün. Das ist nicht als Hohn zu verstehen. Auch die reißende Traun ist grün, aber eher so matt wie Erbensuppe. Von den Bergen kommt viel Wasser, es sind richtige reißende Wasserfälle, die sich da ihren Weg ins Tal bahnen.

Die Ortschaften, an denen wir vorbei fahren, wirken verlassen. Bei dem Wetter will wohl keiner raus aus dem Haus. Ich finde die Stimmung aber nicht trostlos. Sie wirkt sogar beruhigend auf mich.

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Man sieht in den Ortschaften hier kaum Menschen, eigentlich nur bei den Bahnstationen. Und Autos sieht man fahren oder bei den Bahnübergängen stehen. Aber die Menschen darin fallen mir nicht auf. Geister-Autos? Autonom fahrende Fahrzeuge?

Jetzt kommen wir nach Bad Ischl, ich habe gerade mal eine 3/4 Stunde geschrieben. Oh, ja, gerade gehört – meine Schreibmaschine ist gerade aufgefallen. Aber nicht unangenehm. Da bin ich doch etwas erleichtert. Gerade kommt die Durchsage, dass wir auf den Gegenzug warten müssen und sich die Weiterfahrt um ca. zehn Minuten verschieben wird.

Gerade bin ich an einem Löwen vorbeigefahren. Zwar nur auf einem Spielplatz, aber doch ein unerwarteter Anblick hier in Bad Ischl.

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Ich habe die Schreibmaschine schon auf der Hinfahrt ausprobiert. Wie ich die Schreibmaschine auspackte, verdrehte mein Sohn nur die Augen. „Papa, du bist peinlich.“ Soll mir recht sein. Mein Sohn wird mir sicher noch genug peinliche Situationen liefern, da kann man das hier als prophylaktische Revanche betrachten.

Als ich im Zug die Schreibmaschine auspackte, wurde ich natürlich nervös. Ich spürte so eine kleine Sensation – und einerseits mag ich das, andererseits auch nicht. Ich stehe nicht so gern im Mittelpunkt, andererseits liebe ich es aber, auf einer Theaterbühne zu spielen. Ist ein bisschen paradox.

Der „Empfang“ im Zug war aber sehr herzlich. Als ich so vor mich hintippte, kam ein Paar von ein paar Reihen vor uns nach hinten. „Tatsächlich. Habe ich doch richtig gehört… eine Schreibmaschine“, schmunzelte die Dame. Und hinter uns saß ein kleines Mädchen, das mich heimlich beobachtete. Als ich ihr anbot, auf der Schreibmaschine zu tippen, lehnte sie aber schüchtern ab. Aber ihre Mutter erklärte ihr, dass daheim noch irgendwo eine Schreibmaschine herumstehen müsse.

© Rodja Pavlik

Im Gegensatz zur Hinfahrt ist die Rückfahrt nicht ganz so herzlich. Ja, die Schreibmaschine erregt auch wieder Aufmerksamkeit. Diesmal jedoch von einer Gruppe Teenagerinnen, die ständig vor sich hinkichern und mich mit dem Smartphone filmen. Heimlich. Ich weiß nicht, wieso mir das ein bisschen aufstößt. Mir brummt der Schädel. Ich höre jetzt auf.

Ich machte auch einen Fehler, indem ich mich abkapselte und sie nicht weiter beachtete. Vielleicht hätte ich aber aus sie zugehen sollen, mit ihnen scherzen, mir die Aufnahmen anschauen sollen. Aber im Nachhinein weiß man es ja immer besser, oder?

Die ganze Situation war aber an sich interessant – und ein interessanter Aspekt kam dann noch zum Schluss. Als ich nämlich aufhörte zu tippen, höre ich mich noch eine Zeitlang weiter – als Echo. Nur halt vom Smartphone digital aufgenommen und elektronisch verzerrt wiedergegeben. Das… war ein interessantes Erlebnis.

Rodja

Was ich von dem ersten Field Writing mitnehme:

  • Zugreisen sind, anders als zuerst gedacht, nicht ganz so ideal fürs Field Writing. Die Landschaft huscht an einem vorbei, die Eindrücke sind flüchtig und entziehen sich einer näheren Analyse. Ständig hat man das Gefühl, dass man etwas versäumt, ist gehetzt. Vielleicht nicht ganz so ideal für Field Writing-Anfänger.
  • Statt sich rein aufs Tippen zu konzentrieren, habe ich auch Fotos geschossen. Bin mir noch nicht sicher, ob das im Sinne von Field Writing ist. Vielleicht sollte ich mehr dem Text vertrauen und ihn wirken lassen. Ich persönlich denke, dass beim Fieldwriting Fotos schon okay sind, aber ich kann nicht nur Fotos schießen. Ich komme mit dem Schreiben nicht nach.
  • Einerseits versucht man, ständig konzentriert zu sein, andererseits wird die Konzentration oft auch durch vorbeigehende Passagiere gestört. Aber das liegt nun mal in der Natur einer Zugreise. Deal with it.
  • Die ständige Konzentration und die schummrigen Lichtverhältnisse sorgen nach einer Zeit für Kopfweh. Man ist regelrecht erleichtert, wenn man beschließt, dass es genug ist.

Da freuen’se sich

Ich mag es, wenn ich auf Leute stoße, die Projekte mit ihrer Schreibmaschine machen. Ich bin fasziniert von Straßen-Poeten wie Fabian Neidhardt, Schreibmaschinen-Künstlern wie Robert Doerfler, (Schund-)Romanautoren wie Helmut „Jason Dark“ Rellergerd („Geisterjäger John Sinclair“) oder das Projekt „Galerie der verlorenen Heimat“ des Journalisten und Field Writers Gerhard Richter.

Aber es muss nicht immer so groß sein. Auch das Projekt von Rosa finde ich toll. Die 94-Jährige amüsiert nämlich mit ihrer Olympia Monica. Rund 100 Anschläge braucht sie auf ihrer Schreibmaschine für einen Lacher. Seit wann sie die Witze verschenkt, weiß sie gar nicht mehr. Rosa möchte einfach nur Menschen zum Lachen bringen.

Dieser Beitrag „Da freuen’se sich“ von Carolin Albers, Barbara Haas und Moritz Peters entstand im Rahmen des Lehr- und Forschungsbereichs Fotojournalismus und Dokumentarfotografie der Hochschule Hannover.

Rodja

PS: Ja, solche Geschichten mag ich sehr gerne. Falls also jemand etwas weiß…

Da freuen'se sich from Fotostudenten Multimedia on Vimeo.

Patrick schreibt auf einer Olympia SM3

Nach Benjamin Swiczinsky mit seiner Olympia Traveller de Luxe konnte ich nun einen zweiten Filmemacher für die Rubrik „… schreibt auf einer…“ gewinnen. Patrick Haischberger ist ein Schauspieler/Autor/Regisseur aus Bad Ischl. Zuletzt fiel er vor allem mit seinem Kurzfilm „Rainy Season“ (Trailer hier), einer Adaption einer Kurzgeschichte von US-Horrorautor Stephen King, auf.

© Patrick Haischberger

Aber wie kommt man denn an die Erlaubnis von so einem renommierten Schriftsteller? Ganz einfach, man schreibt ihn an. „Anfangs bekam ich auf meine Anfrage nur so ein Standard-Mail zurück, aber später schrieb mir King selbst, dass er mich gerne unterstützen würde“, erzählte Haischberger in einem Interview mit der „Kronen-Zeitung“.

Haischberger erhielt die Rechte für die Horror-Kurzgeschichte „Rainy Season“: „Ein abgelegenes Dorf, seltsame Bewohner, Menschenopfer – es war perfekt für mich.“ Er sandte King vorab das Drehbuch: „Ich habe dreimal mit ihm telefoniert, da war ich natürlich sehr nervös. Aber er segnete alles ab, obwohl ich das Ende geändert habe“, so Haischberger im Gespräch mit der „Kronen-Zeitung“.

Für den Kurzfilm konnte Haischberger bekannte österreichische Stars wie u.a. Sabrina Reiter („In 3 Tagen bist du tot“, „Blockbuster – Das Leben ist ein Film“, „Spuren des Bösen“, „Kaviar“), Thomas Stipsits („Jenseits“, „Vorstadtweiber“, „Baumschlager“) und Fritz Karl („Falk“, „Inspektor Jury“, „Meiberger – Im Kopf des Täters“) gewinne. Die Vorpremiere fand bereits am 5. Oktober 2019 statt, nun befindet sich „Rainy Season“ auf Festivaltour

Mit 35 Jahren ist Patrick Haischberger alt genug, um eigentlich nur mit dem Computer aufgewachsen zu sein – und dennoch ist die Schreibmaschine seine „weapon of choice“.

© Patrick Haischberger

“If you hear a soft creaking at the cemetery, do not be afraid. These are not bones rising from their graves, it’s just the sound my typewriter makes when I’m working here.”

Patrick Haischberger

Es ist zwei Uhr in der Früh, Schatten tanzen durch die Gassen, das Klacken der Schreibmaschine erfüllt die Nacht. Ich schreibe in diesen modernen Zeiten mit einer Schreibmaschine. Jeden Tag. Alles, egal ob Drehbücher, Kurzgeschichten oder der Roman, an dem ich gerade arbeite. Zumindest die erste Fassung. Dann tippe ich die Seiten in mein MacBook und überarbeite diese. Die Schreibmaschine ist etwas Mystisches für mich geworden, etwas Befreiendes und erfüllt mich mit Kreativität. Aber auch, wenn ich mit einer Schreibblockade konfrontiert bin, setze ich mich gerne zur Schreibmaschine. Das Gefühl ist einfach ein komplett anderes als am Laptop und gibt mir neue Energie.

Es ist doch so, wenn man stundenlang am Computer schreibt, ist man irgendwann ausgelaugt. Das Licht vom Monitor quält einen und ständig wird man vom Internet abgelenkt. Nachrichten von Sozialen Medien überfluten einen und der E-Mail Ordner geht mit Nachrichten, die beantwortet werden wollen, über. Dabei habe ich noch gar nicht Netflix, oder die unzählige Auswahl an Pornos erwähnt, die es zu bestaunen gibt. Diese Ablenkungen sind zwar ein netter Zeitvertreib, doch der Tod für jegliche Kreativität. Dann bin ich auf etwas gestoßen. Es war fast Magie. Nein vergesst das. Es war Magie. Pure Magie. Etwas aus längst vergangenen Tagen. Etwas völlig Analoges in einer digitalen Welt.

Die Schreibmaschine.

Inzwischen besitze ich mehrere Schreibmaschinen, wobei zwei Stück davon meine Lieblinge sind. Die Ico Olivetti, aus den 1930er Jahren. Die ich von einem schrulligen älteren Bibliothekar erhalten habe, der gerne meine Geschichten liest. Und die Olympia SM3, die ich euch jetzt vorstellen möchte.

© Patrick Haischberger

Gute Geschichten, Vorlagen für Filme, all das schrieb Alfred Hitchcock auf seiner Olympia SM3, einer mechanischen Schreibmaschine aus den 1950ern. Hitchcock war aber nicht der Einzige, der diesem Modell vertraute, auch Regisseur Woody Allen malträtierte die SM3.

Schön ist am Anfang allerdings nur ihr Anblick. Der Akt des Schreibens, er kostet Kraft. Physisch. Wer seine Sätze sonst auf der leichtfingrigen Tastatur eines Laptops hin hastet und gleich wieder neu aufsetzt, für den ist das kleine Ungetüm vor allem eines: ein formidabler Bremsklotz. Erst nach frühem kläglichem Vertippen zeigt sich die eigentliche Schönheit. Die Sinnlichkeit. Die Maschine riecht. Nach Tinte, Farbband, Bakelit und Metall. Der Geruch berauscht, er sagt dir: „Ich bin da.“

© Patrick Haischberger

Wie der Duft, der dich im Nacken deiner Liebsten umfängt. Dann die Tasten, die Typen, die nach vorne schnellen, knallen, schellen. Kein flinkes Fingerspiel, eine Massage, kraftvoll und genau an den richtigen Stellen. Bis sie stöhnt, nein: klingelt. Am Ende der Zeile. Das macht man nicht im Café. Keiner schleppt freiwillig einen kiloschweren Koffer mit sich und hämmert in der Menge herum. Das spleenige Liebemachen findet besser zu Hause statt, wo es auch hingehört. Schön langsam. Satz für Satz. Gedanke für Gedanke.
Schreibmaschinen wurden von Computern ersetzt. Doch es wird sie immer geben. Weil es noch Menschen gibt, die sie benutzen.

© Patrick Haischberger

Wenn man Bücher in einem Bücherregal betrachtet, dann wirken sie antiquiert in einer Welt, in der die meisten Bücher, auch in digitaler Form vorliegen. Ich glaube nicht, dass alle Bücher auf den Bildschirm wandern sollten. Ein gedrucktes Buch ist wie ein Hai, und Haie sind alt. Sie schwammen schon lange vor den Dinosauriern durch die Ozeane und der Grund, warum es noch immer Haie gibt, ist: Sie sind einfach besser darin, Haie zu sein, als andere es wären. Gedruckte Bücher sind zäh, schwer zu zerstören, badewasserresistent, sonnengeschützt, und sie liegen gut in der Hand. Sie sind einfach gut darin, Bücher zu sein, und deshalb wird es immer einen Platz für sie geben.

Faszinierende Menschen zu erschaffen ist immer ein Wetteifern mit Gott. Er hatte Sternenstaub zur Verfügung. Ich meine Schreibmaschine.

Patrick Haischberger

© Patrick Haischberger

Fanpost? Für mich?!?

Hui, da habe ich aber schön geschaut: Mein Blog hat aus heiterem Himmel Fanpost bekommen – und zwar von Claas Keller von der Hanseatischen Analogpost-Gesellschaft. Und der Brief ist ein richtiges kleines Kunstwerk. Da merkt man die Sorgfalt – so schön bekomme ich das wohl nicht hin.

Wie der Name „Analogpost-Gesellschaft“ vermuten lässt, ist über diese Gesellschaft kaum etwas im Netz zu finden. Aber ich habe eine Adresse – und da werde ich mich natürlich auch via Snail-Mail bedanken.

Rodja

PS: Ich bin gerade darauf gekommen, dass dies hier mein 200. Blog-Post ist.

©Rodja Pavlik

Sabrina schreibt auf einer Diplomat

Dem heutigen Gastbeitrag habe ich zwei wichtige Erkenntnisse zu verdanken. Erstens: Auch Wissenschafter können unter einer Schreibblockade leiden. Da muss ich tatsächlich sagen, dass mich das doch sehr überrascht hat. Hier beschreibt die Kärntner Filmwissenschafterin Sabrina Gärtner, wie sie dieses Problem dank einer sehr störrischen Schreibmaschine lösen konnte. Und hier die zweite Erkenntnis: Auch dank Widerstände kommt man ans Ziel – und manchmal sogar besser als gedacht.

© Sabrina Gärtner

Vor etwa zwei Jahren hatte mich eine garstige Schreibblockade fest im Griff. Stunden, Tage, nein: Wochen verbrachte ich damit, völlig unproduktiv auf ein leeres Word-Dokument zu starren. Wenn ich mich dann doch dazu überwinden konnte, einen Satz in die Tasten zu klopfen, hatte dieser selten lange Bestand. Hastiges, beinahe panisches Hämmern auf die Backspace-Taste machte jedem Wort, jedem Buchstaben nahezu augenblicklich wieder den Garaus. „Nicht gut genug. – Das ist doch kein anständiger Anfang. – Denk daran: Der erste Satz entscheidet über das Schicksal des Texts!“, murmelte ich vor mich hin und manövrierte mich damit in eine völlige Schreibstarre.

Weder die liebgemeinten Motivationssprüche aus meinem Umfeld („Schreib halt drauf los.“ – „Wie schwer soll das schon sein? Fang einfach an!“ – „Du kannst ja später alles überarbeiten.“) noch die zahllosen Schreibratgeber, die ich mir zu Gemüte geführt hatte, konnten mich auch nur ansatzweise aus meiner Lethargie reißen. Und während die Deadline des Grauens bedrohlich und unaufhaltsam näher rückte, begann ich mich langsam mit dem Gedanken anzufreunden, dass mein Schreibprojekt wohl beendet war, bevor es seinen Anfang gefunden hatte. In einem letzten verzweifelten Aufbegehren bekam ich völlig unverhofft einen Strohhalm zu fassen, der mein Schreiben von Grund auf verändern sollte. Oder anders gesagt: Auf einem Altstadt-Flohmarkt fiel mir eine muffige, staubige Uralt-Reiseschreibmaschine in die Hände.

© Sabrina Gärtner

„Eh nett“, kommentierte eine Freundin, als ich ihr voller Stolz via WhatsApp das erste Foto meiner Errungenschaft präsentierte. Mit ihrer unverhohlenen Skepsis stand sie längst nicht allein da: Während ich – beseelt von neuem Tatendrang – meine letzten Cent in einen unvernünftig großen Papiervorrat und ein passendes Ersatz-Farbband investierte, reagierte mein Umfeld recht verhalten: „Was willst du denn mit dem alten Ding?“ – „Irgendwie riecht die komisch.“ – „Hübsch ist anders, gell?“ – „Ist das dein Ernst? Du wirst dir beim Tippen die Finger brechen!“ Dass die ungebetenen Unkenrufe ihre Berechtigung haben würden, musste ich schon bei der ersten Inbetriebnahme erkennen, denn: Meine Diplomat war und ist in vielerlei Hinsicht eine echte Herausforderung.

© Sabrina Gärtner

Die „portable Kleinschreibmaschine“ stammt aus dem Hause Olympia, mein Modell dürfte etwa in den 1930er-Jahren auf den Markt gekommen sein und bringt stolze 5,1 Kilo auf die Waage. An heutigen Standards gemessen ist sie nur bedingt für den Transport geeignet – und will zudem partout nicht in meine Handtasche passen. Erschwerend kommt hinzu, dass sie sich auch in der Handhabung als äußerst unbequem zeigt, erfordert der Tastenanschlag doch ein wohldosiertes Maß an Kraft und Präzision. Drückt man die Tasten zu kräftig, stanzt man das ein oder andere Loch ins Papier. Schlägt man zu schwach an, muss man im Endergebnis fehlende Buchstaben beklagen. Tippt man jedoch zu hastig, verkeilen sich die Typenhebel. Auch beim Einspannen des Papiers empfiehlt sich Akkuratesse, bleibt die Kante doch gerne an den Farbbandklemmen am äußeren Geräterand hängen; zerrissenes Papier, noch bevor die erste Taste berührt wurde.

Die Kooperationsbereitschaft der Farbbandgabel ist indes von einer mysteriösen Tagesverfassung der Schreibmaschine abhängig und führt dazu, dass ich nie ein sauberes schwarzes Schriftbild erhalte, sondern sich immer ungewollte Rottöne einschleusen. Und selbst der Wagenrücklauf hat seine Tücken und will gefälligst (!) mit penibler Sorgfältigkeit und gleichbleibendem Druck betätigt werden – andernfalls drohen hässliche unregelmäßige Zeilenabstände.

© Sabrina Gärtner

Klingt alles nicht sehr einladend, oder? Meine Diplomat ist ein störrisches Biest mit unverschämten Allüren, wodurch der Schreibprozess zu einem physischen und psychischen Kraftakt mutiert. Und doch ist sie das Alpha und das Omega all meiner wissenschaftlichen Texte. Auf ihr tippe ich sowohl die ersten Rohentwürfe als auch die finalen Korrekturfahnen.

Das Ganze sieht dann so aus: Nachdem ich handschriftlich eine Grobstruktur in einen Collegeblock gekritzelt habe, nimmt ein peinlich-genau getaktetes Ritual seinen Anfang. Ich öffne meinen heißgeliebten Sekretär, hebe die Diplomat auf eine schwarze Filzunterlage, rücke meinen Drehhocker zurecht und nehme bedächtig Platz. Tief einatmen, ausatmen. Zwei Bögen Papier zur Hand nehmen, die Kanten bündig aneinanderlegen und sorgsam in die Maschine einspannen. Einatmen und ausatmen nicht vergessen. Behutsam rücke ich die Walze in die Ausgangsposition, lege die Finger an die Tasten… und los geht die wilde Fahrt. Mit Angela Lansbury in ihrer Rolle als J. B. Fletcher in „Murder, She Wrote“ (1984-1996) habe ich wenig gemein, eher fühle ich mich Jack Nicholson als Jack Torrance in „The Shining“ (1980, Stanley Kubrick) sehr nahe.

© Sabrina Gärtner

Kennt Ihr das Gefühl? Da glaubt man, einen großartigen Text geschrieben zu haben, geht erschöpft, aber zufrieden grinsend zu Bett und am nächsten Tag ist das Geschreibsel ein klarer Fall für den Papierkübel? Weil ich anfällig für die verpeilende Wirkung der „Schöpfungsendorphine“ bin, verschwindet meine Rohfassung zunächst immer einige Zeit in der Schublade. Erst wenn ich den nötigen Abstand gewonnen habe, überdenke und überarbeite ich den Text dann am Laptop.

Wenn ich schließlich weitgehend zufrieden bin – das kann ein wenig länger dauern und wirklich zufrieden bin ich nie! –, setze ich mich für die finale Korrekturfahne zurück an die Schreibmaschine. Im Anschluss wird der Rotstift gezückt und die maschinenbeschriebenen Seiten werden mit den nötigen Korrekturanmerkungen verunstaltet. Für den letzten Schliff und den abschließenden Versand an die Herausgeber/Verleger kehre ich erneut an den Laptop zurück.

© Sabrina Gärtner

Das liest sich mit fremden Augen wahrscheinlich eigenartig, umständlich und/oder lächerlich. Warum quält man sich freiwillig mit beschwerlichen, unangenehmen, Kräfte raubenden Stunden an einer alten Schreibmaschine – und das dann auch noch mehrfach? Wäre es nicht leichter und vor allem zeitsparender, alles von Anfang an in den Laptop zu tippen? Mit Sicherheit! Aber mir hilft der ritualisierte, strukturierte Ablauf, den ich rund um die Diplomat etabliert habe, beim Fokussieren. Ich schweife nicht so stark ab, verliere den Sukkus nicht aus den Augen, habe die Grundpfeiler meines Textes immer im Blick und verirre mich nicht hoffnungslos in gedanklichen Einbahnstraßen.

Der Diplomat verdanke ich außerdem – und das ist mir wohl das Wichtigste! – den Abschied vom vergeblichen Streben nach Perfektion. Ich verschwende keinen Gedanken daran, ob das Geschriebene denn gut genug sei, sondern verliere mich völlig im stetigen Rattern, Rumpeln und Klingeln des Geräts und bin doch hochkonzentriert. Mir ist dabei von Beginn an klar, dass der Text es in mehrerlei Hinsicht nicht fehlerfrei aus der Maschine schaffen wird. Und das verschafft mir eine ungemeine innere Erleichterung, die für mich den ungebrochenen Reiz des Ganzen ausmacht.

Sabrina

Sabrina Gärtner ist Filmwissenschafterin mit Fokus auf den Neuen österreichischen Film. Sie promovierte mit einer Arbeit zum Filmschaffen von Jessica Hausner („Hotel“, „Amour fou“, demnächst „Little Joe“) Ihre wissenschaftlichen Texte beschränken sich aber nicht ausschließlich auf österreichische Filme, generell ist sie sehr am Autor/inn/en-Kino interessiert und hat einen Faible für alle Facetten der Filmgeschichte. Hin und wieder schnuppert sich auch gerne mal ins Genre-Kino.